Klein, aber oho
Wie das DSV-Team bei den Größten der Welt mitmischen will

Am Samstag beginnen die Beckenwettkämpfe bei den Weltmeisterschaften in Budapest. Die Vorleistungen der deutschen Schwimmer lassen auf spannende Rennen hoffen.

Frank Wechsel Lukas Märtens startet bei der WM über 200, 400, 800, 1.500 Meter Freistil und in der 4 x 200-Meter-Freistil-Staffel.

Am Samstag beginnen die Beckenwettkämpfe der Weltmeisterschaften 2022 in Budapest. Ein Wettkampf, der vom Weltverband Fina aus dem Boden gestampft wurde, nachdem die eigentlich für Mai in Japan geplanten Weltmeisterschaften aufgrund der dortigen Coronasituation ins Jahr 2023 verschoben worden waren. Mit drei Schwimmerinnen und acht Schwimmern ist das deutsche Team so klein wie noch nie bei einer Weltmeisterschaft. 2019 in Gwangju (Südkorea) starteten 30 Schwimmerinnen und Schwimmer, in Budapest 2017 waren es immerhin 14.

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Drei Magdeburger über die langen Freistilstrecken

Das deutsche Team ist zwar klein, muss sich aber qualitativ nicht verstecken. “Jeder kann mindestens ins Halbfinale kommen”, sagt Bundestrainer Berkhahn. 1.500-Meter-Freistil-Titelverteidiger Florian Wellbrock gehört über die langen Freistilstrecken sicherlich zu den Favoriten. Bei den Olympischen Spielen in Tokio im vergangenen Jahr lag der Schützling von Trainer Bernd Berkhahn lange in Führung, bis der US-Amerikaner Robert Finke auf den letzten 50 Metern wie Phönix aus der Asche auftauchte und das gesamte Feld überrumpelte. Wellbrock belegte schließlich hinter Finke und dem Ukrainer Mykhailo Romanchuk den dritten Platz, womit er den deutschen Schwimmern die erste Männer-Medaille seit 2004 sicherte. Bei der WM treffen die drei Medaillengewinner aus Tokio wieder aufeinander. Auch der Italiener Gregorio Paltrinieri wird um die Medaillen mitkämpfen, genau wie Wellbrocks Magdeburger Teamkollege Lukas Märtens. Der 20-Jährige schwamm im Frühjahr so schnell wie bisher niemand in diesem Jahr, nach 14:40,28 Minuten stoppte die Uhr. Diese Zeit hätte in Tokio für die olympische Silbermedaille gereicht. Wenn Märtens diese Leistung auch in Budapest abrufen kann, ist er auf jeden Fall ein Kandidat für die vorderen Plätze. Schon im vergangenen Jahr habe Märtens im Training teilweise bessere Leistungen als sein Trainingskamerad Wellbrock gezeigt, sagt Berkhahn. Ihm sei es bisher aber nicht gelungen, diese Leistungen auch im Wettkampf zu zeigen. Dieser Knoten sei im Frühjahr geplatzt.

Doch nicht nur über 1.500 Meter, auch über 800 und 400 Meter Freistil steht Märtens zu Beginn der Weltmeisterschaften an der Spitze der Weltjahresbestenliste. Über 800 Meter stellte er während der Qualifikationsphase einen deutschen Rekord auf, in 7:41,77 Minuten hätte er bei den Olympischen Spielen in Tokio die Goldmedaille gewonnen. Auch über 200 Meter Freistil gehört der junge Magdeburger zu den schnellsten Schwimmern des Jahres. Nur Kieran Smith (1:45,25 Minuten) und Drew Kibler (1:45,32 Minuten) schwammen bei den US Trials schneller als 20-Jährige. Während Märtens, Wellbrock und der in Magdeburg trainierende Romanchuk die Stärken und Schwächen ihrer WM-Gegner jeden Tag aufs neue beobachten können, bleibt abzuwarten, wie sich die weitere internationale Konkurrenz im nacholympischen Jahr präsentieren wird. Über 400 Meter Freistil ist aus deutscher Sicht auch Henning Mühlleitner ein heißes Eisen im Feuer. In Tokio schwamm der Neckarsulmer beim Olympiasieg des Tunesiers Ahmed Hafnaoui auf den vierten Platz und sicherte sich damit direkt einen Startplatz für die WM 2022. In Budapest geht Mühlleitner hinter Märtens und dem Australier Elijah Winnington als Drittschnellster des Jahres in den Wettkampf. Olympiasieger Hafnaoui ist nicht dabei.

Deutsche Rekordhalter in der Weltspitze

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Für einen Paukenschlag in der WM-Qualifikation sorgte Rafael Miroslaw. Der Hamburger, der in den USA trainiert, blieb als erster deutscher Schwimmer unter der 48-Sekunden-Marke (47,92 Sekunden) und verbesserte den bis dahin gültigen Rekord von Marco di Carli deutlich. In der Weltrangliste rangiert Miroslaw damit vor der Weltmeisterschaft auf Rang fünf, schneller waren bisher der Brite Lewis Edward Burras, Alessandro Miressi aus Italien (beide 47,88 Sekunden), US-Sprintstar Caeleb Dressel (47,79 Sekunden) und Vladislav Grinev aus Russland (47,78 Sekunden). Kann Miroslaw seine Leistung aus der Qualifikation bei den Weltmeisterschaften erneut abrufen, sollte eine Finalteilnahme, vielleicht sogar mehr, drin sein.

Bei den Frauen muss das deutsche Team in diesem Jahr auf Sarah Wellbrock verzichten. Die 1.500-Meter-Bronzemedaillengewinnerin der Olympischen Spiele lässt die internationalen Saisonhöhepunkte in diesem Jahr aus und konzentriert sich auf den Abschluss ihres Studiums. Danach will sie den Fokus jedoch wieder auf den Sport setzen. “Das klare Ziel ist Paris 2024.” Eine Hoffnungsträgerin der deutschen Frauen in Budapest ist Anna Elendt. In Budapest wird die an der University of Texas studierende und trainierende Hessin über 50, 100 und 200 Meter Brust an den Start gehen. Auf allen drei Strecken schraubte Elendt ihre Bestzeiten in diesem Jahr bereits nach unten und stellte dabei deutsche Rekorde auf. Zuletzt machte sie bei der Mare Nostrum Tour in Barcelona auf sich aufmerksam: In 30,10 Sekunden pulverisierte sie ihre eigene nationale Bestmarke nahezu, über die doppelte Distanz schlug sie nach 1:06,07 Minuten an und ließ dabei keine Geringere als die Olympiasiegerin Lydia Jacoby, die jedoch in der ungarischen Hauptstadt nicht zu Elendts Konkurrentinnen gehört, hinter sich. Bei den internationalen Titelkämpfen in Budapest steht sie über 100 Meter Brust an vierter Stelle der Startliste, hinter der Amerikanerin Lilly King, Reona Aoki aus Japan und Kings Landsfrau Annie Lazor. Zwar werden die Karten bei den Weltmeisterschaften neu gemischt, mit ihren Leistungen in diesem Jahr hat Elendt aber gute Chancen, im internationalen Vergleich vorn mitzumischen.

Vier Staffeln mit Finalchancen

Mit Isabel Gose hat das deutsche Team bei der WM eine zweite Frau über Einzelstrecken am Start. Die Magdeburgerin wird sich über 200, 400 und 800 Meter Freistil der internationalen Konkurrenz stellen. In Tokio sicherte sie sich mit dem sechsten Platz über die 400-Meter-Strecke schon vor Beginn der Qualifikationsphase das WM-Ticket, ihre Vorleistungen bestätigte Gose im heimischen Becken. Über 800 Meter Freistil blieb sie im März in 8:23,88 Minuten deutlich unter der WM-Norm. Dass Gose noch schneller schwimmen kann, zeigte sie bereits in Tokio. In 8:21,79 Minuten belegte die damals 19-Jährige den neunten Platz. Zu Goses stärksten Konkurrentinnen zählt zweifelsohne Katie Ledecky, die die langen Freistilstrecken seit 2012 dominiert und sich bisher lediglich der Australierin Ariarne Titmus geschlagen geben musste. Bei der WM wird das Duell Ledecky gegen Titmus jedoch ausbleiben, die Australierin verzichtet auf die Wettkämpfe in Budapest.

Zur Verstärkung der deutschen Staffeln gehören Ole Braunschweig, Lucas Matzerath, Eric Friese, Joscha Salchow und Angelina Köhler zum deutschen WM-Team. Gemeldet hat der Deutsche Schwimmverband Teams über 4 x 100 Meter Freistil, 4 x 100 Meter Lagen und 4 x 200 Meter Freistil der Männer, außerdem gibt es eine gemischte Staffel über 4 x 100 Meter Lagen. Eine deutsche Frauenstaffel wird es nicht geben. Dafür seien die Leistungen in der Breite zu schwach, sagt Bundestrainer Bernd Berkhahn. Viele der etablierten Schwimmerinnen und Schwimmer, die noch in Tokio gestartet waren, hätten ihre Karriere beendet oder ihre Prioritäten im nacholympischen Jahr verschoben. Im internationalen Vergleich haben die deutschen Staffelteams gute Chancen auf das Finale. Die fünf Staffelschwimmer werden jedoch auch über die Einzelstrecken vertreten sein.

Die Beckenwettkämpfe der Weltmeisterschaften beginnen am 18. Juni, die Vorläufe finden vormittags ab 9:00 Uhr statt, Beginn der Finals ist um 18:00 Uhr. Übertragen werden die Wettkämpfe in Deutschland über das Online-Portal AllAquatics.

Samstag, 18.06.2022Sonntag, 19.06.2022Montag, 20.06.2022Dienstag, 21.06.2022Mittwoch, 22.06.2022Donnerstag, 23.06.2022Freitag, 24.06.2022Samstag, 25.06.2022
Lukas Märtens (400 m Freistil)Ole Braunschweig (100 m Rücken)Lucas Matzerath (50 m Brust)Rafael Miroslaw (100 m Freistil)Anna Elendt (200 m Brust)Eric Friese (100 m Schmetterling)Ole Braunschweig (50 m Rücken)4 x 100 m Lagen Männer
Henning Mühlleitner (400 m Freistil)Anna Elendt (100 m Brust)Isabel Gose (200 m Freistil)4 x 100 Meter Lagen mixed4 x 200 m Freistil MännerAnna Elendt (50 m Brust)
Angelina Köhler (100 m Schmetterling)Lukas Märtens (200 m Freistil)Lukas Märtens (800 m Freistil)Isabel Gose (800 m Freistil)Lukas Märtens (1.500 m Freistil)
Isabel Gose (400 m Freistil)Rafael Miroslaw (200 m Freistil)Florian Wellbrock (800 m Freistil)Florian Wellbrock (1.500 m Freistil)
Lucas Matzerath (100 m Brust)
4 x 100 m Freistil Männer

Update: Die deutsche Staffel über 4 x 200 Meter Freistil der Männer wird in Budapest nicht an den Start gehen können. Joscha Salchow, der für das Team nominiert wurde und außerdem 100 Meter Freistil schwimmen sollte, wurde kurz vor seiner Abreise in die ungarische Hauptstadt positiv auf Corona getestet und wird die Wettkämpfe deswegen verpassen, wie es beim Deutschen Schwimm-Verband heißt. “Ich habe keine großen Beschwerden und kann mich normal bewegen, es fühlt sich eher an wie eine normale Grippe. Aber die Blutwerte lassen auch eine verzögerte Anreise einfach nicht zu” sagte SaIchow. “Mir fällt die Entscheidung sehr schwer, allerdings steht die Gesundheit immer an erster Stelle. Jetzt heißt es gesund werden und langsam wieder zurück zu alter Form kommen.” Eine Nachmeldung eines anderen Sportlers sei nicht mehr möglich, erklärt DSV-Leistungssportdirektor Christian Hansmann. “Das ist sehr schade, weil die lange Freistilstaffel bis zu den Olympischen Spielen 2024 von uns als ein Prestigeobjekt angesehen wird.”

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