DSV reagiert mit Buschkow-Freistellung
ARD-Doku enthüllt mehrere Fälle von sexualiserter Gewalt im Schwimmsport

Gleich mehrere frühere Athleten äußern sich in einem ARD-Film über Vorfälle sexualisierter Gewalt. Der DSV reagiert mit der Freistellung eines langjährigen Funktionärs.

Silke Insel / spomedis

In einer neuen Dokumentation berichtet die ARD über mehrere bisher unbekannte Fälle von sexualisierter Gewalt im deutschen Spitzen-Schwimmsport. In dem 50-minütigem Film bringt Investigativ-Journalist Hajo Seppelt mit seinem Team die Erlebnisse von mehreren Schwimmerinnen und Schwimmern sowie des Wasserspringers Jan Hempel an die Öffentlichkeit. Hempel gewann bei den Olympischen Spielen 1996 und 2000 zwei Medaillen. Nach eigener Aussage wurde er mehr als zehn Jahre lang und sogar am Tag des Olympia-Wettkampfes in Barcelona 1992 von seinem Trainer Werner Langer missbraucht und vergewaltigt. Langer nahm sich im Jahr 2001 das Leben.

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In einer ersten Reaktion stellte der Deutsche Schwimm-Verband gestern seinen Wassersprung-Bundestrainer Lutz Buschkow frei. Hempel wirft Buschkow vor, von den Vorfällen gewusst und nicht gehandelt zu haben. DSV-Präsident Marco Troll betonte, dass für Buschkow die Unschuldsvermutung gelte. Jedoch habe der Vorstand entschieden, den langjährigen Funktionär während der laufenden EM “aus dem Feuer rauszunehmen”. In Rom sagte Troll der ARD: “Solange die Vorwürfe nicht geprüft sind, hat er zunächst keine Aufgabe im DSV wahrzunehmen.”

Überall am Körper berührt

Die Dokumentation “Missbraucht – Sexualisierte Gewalt im deutschen Schwimmsport” wurde am Donnerstag in der ARD-Mediathek veröffentlich und soll am Samstag um 22:40 Uhr im Ersten laufen. Die interviewten Opfer, zum Zeitpunkt der Vorfälle meist noch minderjährig, äußern sich teilweise offen und teilweise anonym. Behandelt werden die folgenden Fälle:

  • Ein Wasserspringer berichtet, dass er auf einer Wettkampfreise im Bett Werner Langers schlafen musste und von ihm in der Nacht angefasst wurde.
  • Der ehemalige Leistungsschwimmer Till Michalak, damals 16, erzählt, wie von einem Trainer ausgenutzt wurde. Während eines Trainingslagers entwickelte sich ein Kontakt zu einer einer französischen Schwimmgruppe. Ein Trainer Michalaks stellte einen vermeintlichen Chatkontakt mit einer französischen Schwimmerin her. Die Textnachrichten wurden schnell sehr sexuell und es stellte sich heraus, dass Michalak nicht, wie er dachte, mit der Sportlerin, sondern mit dem Trainer schrieb. Das Verfahren wurde trotz akkurater Dokumentation von der Staatsanwaltschaft eingestellt. Begründung laut ARD-Doku: Im Paragraphen zu sexuellem Missbrauch von Jugendlichen stünde nichts über Vortäuschung einer Identität. Der beschuldigte Trainer soll bis heute im Sport tätig sein.
  • Drei ehemalige Schwimmerinnen aus Bayern wurden über mehrere Jahre von ihrem Trainer missbraucht. Die Sportlerinnen waren 10, 13 und 15 Jahre alt, als der Missbrauch begann. Sie wurden von dem Trainer in der Umkleide, in der Schwimmhalle oder im Hotelzimmer überall am Körper berührt. Im Prozess stellte sich heraus, dass noch viel mehr junge Schwimmerinnen betroffen waren. Der Trainer, der auch Kaderathleten betreut haben soll, erhielt eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und ein fünfjähriges Berufsverbot.
  • Im Fall des wegen sexueller Übergriffe verurteilen ehemaligen Freiwasser-Bundestrainers Stefan Lurz wird in der Dokumentation gezeigt, dass Lurz offenbar im Würzburger Schwimmbad nach wie vor ein- und ausgeht und beim SV Würzburg 05 sogar im kaufmännischen Bereich angestellt ist. Dabei war er Anfang 2022 zu einer sechsmonatigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteil worden und habe, so heißt es vom Amtsgericht, “jegliche berufliche oder ehrenamtliche Tätigkeit im Zusammenhang mit dem Schwimmsport zu unterlassen”.

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Keine Konsequenzen

Am erschüttertsten sind die Schilderungen Jan Hempels, der in der Dokumentation an den Ort eines seiner schlimmsten Erlebnisse begleitet wird – auf die Toilette des Sprungstadions von Barcelona. Hier soll sich sein Trainer Werner Langer während der Spiele 1992 an ihm vergangen haben. Der Trainer wird Jahre später vom Verband suspendiert, allerdings nicht wegen Kindesmissbrauchs, sondern seiner Vergangenheit bei der Stasi. Über die Verantwortlichen im Verband, denen Hempel sich nach den Spielen 1996 offenbarte, sagt der ehemalige Springer: “Alle haben geschwiegen – bis heute.”

Die Dokumentation “Missbraucht – Sexualisierte Gewalt im deutschen Schwimmsport” ist in der ARD-Mediathek abrufbar.

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2 Kommentare
  1. name

    Gibt es einen Grund warum der Name “Gerd Kurrle” hier nicht ausgesprochen wird?

  2. Michi

    Soll die Rundfunkgebührenmafia lieber mal vor der eigenen Haustüre kehren…

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