Bergsee im Harz:
DDR-Geschichte(n) zum Training

SeenSucht ist ein Langzeitprojekt unseres Autors. Er hat während eines Sabbathalbjahres die zehn größten Seen in Deutschland gequert. In loser Folge die nächsten. See Nummer 20: der Bergsee im Harz.

Malerisch liegt er vor mir – der Bergsee in Güntersberge. Wir sind zufällig hier gelandet. Ein Häuschen im Harz sollte es sein, ein Kurzurlaub für ein paar Tage. Die passende Immobilie im Internet war schnell gefunden. In Güntersberge? Günters-was? Nie gehört. Ein Blick auf die Landkarte bringt mir ein Lächeln ins Gesicht: der Bergsee ist nur einen Steinwurf entfernt von der gebuchten alten DDR-Datsche. 

Ein schöner Tag im Spätsommer. Die Saison ist offenbar schon vorbei. Jedenfalls ist kein Mensch im See, der laut Auskunft der freundlichen Dame von der Gaststätte „Schmunzelstube“ dem Land gehört und von ihrem Chef gepachtet worden ist. Auf einer Tafel steht geschrieben, dass das Schwimmen für Erwachsene 2,50 Euro kostet, für Kinder 1,50. „Nur mal gucken“, kostet auch zweifünfzig.

Bergsee im Harz
Martin Tschepe Auf zum Bergsee in Güntersberge.

DDR-Geschichte(n) zum Einschwimmen

Der Obolus ist bezahlt – und dann erzählt die Frau, geschätzt Mitte 50, von anno dazumal. DDR-Geschichte(n). Früher, sagt sie, sei in Güntersberge viel mehr los gewesen. Der See sei ein beliebtes Ausflugsziel gewesen. Die Menschen hätten das Land ja kaum verlassen dürfen. Alle Unterkünfte – die in Seenähe und auch jene weiter weg – seien immer ganz schnell ausgebucht gewesen. Lange her. Heute, sagt die Dame, hätten die Menschen ja viel mehr Reisemöglichkeiten. Ein ganz klein wenig Wehmut schwingt mit. 

Die Sonne lacht vom Himmel, das Wasser hat geschätzt knapp 20 Grad, es ist seidig weich – und schmeckt hervorragend. Allerdings warnt ein Schild die Besucher: „An alle Badegäste“, steht darauf: Im Bergsee bestehe eine starke Blaualgenbelastung. „Die Blaualgen können giftig sein! Vermeiden Sie beim Schwimmen Wasser zu schlucken, die Amtsärztin.“ Womöglich ist deshalb niemand zu Gast. Ruderboot-Fahren sei nicht möglich, sagt die Kassiererin noch – der Wasserstand sie viel zu niedrig. Leider. Der Sommer sei viel zu trocken gewesen, was auch der Wald zu spüren bekomme. Viele Bäume seien krank.

Bergsee im Harz
Martin Tschepe Für einen Sprung vom Drei-Meter-Brett ist der Wasserstand heute zu niedrig.

“Ich will ja nur schwimmen”

Jetzt aber rein ins Vergnügen. Ich lasse mich doch von ein paar Blaualgen nicht abhalten vom Schwimmen, habe schließlich schon ganz andere Gewässer bezwungen – zum Beispiel den ganzen Neckar. Dessen Wasser, sagen die Behörden, sei keinesfalls geeignet fürs Schwimmen. Im Bergsee starte ich bei der angelegten Badestelle mit Betonwand und Sprungturm, den man wegen des niedrigen Wasserstands in der Tat besser nicht nutzen sollte – aber ich will ja nur schwimmen.

Der Bergsee ist etwa 400 Meter Lang und 100 Meter breit. Eine schöne Größe für ein kleines Training am Nachmittag, immer hin und her schwimmen, hin und her. Auf der einen Seeseite fährt die Selketalbahn – mit ein bisschen Glück sieht der Schwimmer während des Kraulens so eine kleine Bahn vorbei schnaufen, manche Wagons werden von einer alten Dampflock gezogen. Oberhalb der Gleise thront der Martinsberg – mein Namensvetter, wie schön.

Bergsee im Harz
Martin Tschepe Von einer erhöhten Blaualgenkonzentration hat der Autor nichts gemerkt.

Neuer Lieblingsort

Nach dem Training Einkehr in die Wirtschaft, die vermutlich auch zu DDR-Tagen kaum anders ausgeschaut haben dürfte. Frau Wirtin erzählt nochmal ein paar Geschichten: der See, sagt sie, sei im 18. Jahrhundert angelegt worden um eine Mühle mit Wasser zu versorgen, außerdem habe die Wasserkraft die Geräte im nahe gelegenen Bergbau angetrieben. Das Wasser sei auch zum Tränken der Tiere genutzt werden – und im Winter sei Eis aus dem Bergsee geschlagen und zum Kühlen von Lebensmittel verwendet worden.

Martin Tschepe (54) ist Redakteur bei der Stuttgarter Zeitung und Langstreckenschwimmer beim SV Ludwigsburg. Auf swim.de berichtet er gelegentlich von seinen Schwimm-Abenteuern. Mit seinen Projekten sammelt er Spenden für ein Behinderten-Schwimmprojekt. Infos auf www.bahn9.de

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