Eine Woche WM im Winterschwimmen in Oulu: Unser Autor schwimmt jeden Tag mit, berichtet aus dem Eiswasser – und vom Beckenrand.
Die Stadt Oulu in Nordfinnland ist in diesem Jahr nicht „nur“ Kulturhauptstadt Europas, sondern in der ersten Märzwoche zudem Gastgeberin der WM im Winterschwimmen. Die eiskalten Sportlerinnen und Sportler aus gut 50 Ländern haben beste Bedingungen, denn der Winter hat Oulu fest im Griff. Die WM beginnt erst am nächsten Tag, ich möchte aber vorab ein kleines Testschwimmen machen. Die Luft am Vormittag: deutlich unter null Grad. Das Wasser im Wettkampfbecken hat minus 0,6 Grad – soeben gemessen von einem britischen Schwimmer. Okay, da muss ich jetzt also rein. Ein zweifelhaftes Vergnügen. Wie immer im Eiswasser. Martin, schwimm jetzt!
Alle Artikel aus Martins WM-Tagebuch
Tag 1: Willkommen in Oulu
Tag 2: Die ersten Wettkämpfe in Finnland
Tag 3: Schmelzendes Eis und kalte 450 Meter
Tag 4: Sprint im Eiswasser
Tag 5: Partystimmung bei 0 Grad Wassertemperatur
Tag 6: Oulu, ich komme wieder!
Wassertemperatur unterhalb des Gefrierpunkts
Ein Helfer steht am Rand des Beckens, das ins knapp 70 Zentimeter dicke Eis des Oulu Rivers geschnitten worden ist, er sagt sinngemäß: Na gut, schwimm halt zwei Bahnen. Nach 50 Metern mache ich vom Wasser aus noch ein paar Fotos – bin insgesamt geschätzt gut zwei Minuten drinnen. Maximal drei. Und mir ist saumäßig kalt, das Gefühl in den Fingern: weg. Bei unter null Grad Wassertemperatur bin ich noch nicht oft geschwommen, im ersten Corona-Winter mal bei minus ein Grad vor Sylt in der Nordsee. Aber bis dato noch bei keinem einzigen Wettkampf. Zum Glück werden in Oulu nicht die 1.000 Meter angeboten, ich hätte mich vermutlich auch für diese Mammutstrecke angemeldet. Meine längste Distanz bei dieser WM der International Winter Swimming Association (IWSA): 450 Meter. Und die werden bestimmt hart. Nach den 50 Metern zur Vorpremiere: schnell abtrocknen und anziehen, so gut das halt geht mit eiskalten Fingern.
Von 12 Uhr an müssen alle Sportlerinnen und Sportler zur Anmeldung und Registrierung. In der Halle heißt es, knapp 1.800 Frauen und Männer aus aller Welt seien angemeldet. Nach knapp zwei Stunden ist mein Ansteh-Marathon geschafft. Ich habe alle Unterlagen bekommen, unter anderem meinen Pressepass und meinen Startpass, der alle Strecken auflistet, die ich schwimmen will: 25 Meter Schmetterling sowie 25 Meter, 50 Meter, 100 Meter, 200 Meter und 450 Meter Freistil.
Briefing für Extrembedingungen
Mein Motto lautet auch bei dieser WM: Swim and Work. Also zurück zur Unterkunft und ein bisschen Text in die Tasten tippen. Anschließend wieder zur Sporthalle, die unmittelbar neben dem Eispool und der Sauna steht. Diese spezielle Sauna wurde aus Eisblöcken zusammengebaut und ist für viele Sportler der Ort ihrer Träume nach den Wettkämpfen, speziell nach den 450 Metern. Am Spätnachmittag müssen alle 450-Meter-Schwimmer zum Briefing. Es gibt wichtige Infos: Jeder und jede muss einen persönlichen Helfer zum Start mitbringen. Colin Hill, der IWSA-Vizepräsident mahnt: „Schwimmt nicht, wenn ihr euch schlecht fühlt.“ Wer nach 15 Minuten die 450 Meter nicht gepackt hat, wird aus dem Wasser geholt. Und, superwichtig: möglichst schnell abtrocknen, anziehen, aufwärmen. Collin sagt, er selbst geht frühestens 30 Minuten nach einem Wettkampf im Eiswasser in die Sauna. Alexander Fuzeau aus Frankreich, genannt der Eis-Doktor: „Kommt möglichst nach zehn Minuten raus.“ Und weiter, mit einem Augenzwinkern: „Bitte schwimmt schnell!“ Ich persönlich peile mal eine 7,irgendwas-Zeit an. Aber abwarten.
Ein Wettkampfbecken mit Eisschollen
17 Uhr, das Wasser im Wettkampfbecken wird von mehreren Pumpen in Bewegung gehalten, damit es über Nacht nicht komplett zufriert. Trotz dieser Maßnahme haben sich an mehreren Stellen längst schon wieder viele Quadratmeter Eis gebildet. Mit Einbruch der Dunkelheit marschieren alle Schwimmerinnen und Schwimmer durch Oulu. Nach dieser kleinen Parade zum Pool steigt die Get-together-Party, laut Ankündigung soll spätestens um 23 Uhr Schluss sein. Manch eine(r) liegt zu dieser Zeit vermutlich längst im Bett. Denn am nächsten Morgen steht der erste Wettbewerb an: 25 Meter Schmetterling. Eine schöne Strecke zum Gewöhnen an das unter null Grad kalte Wasser.