Martins WM-Tagebuch: Schmelzendes Eis und kalte 450 Meter 

Eine Woche WM im Winterschwimmen in Oulu: Unser Autor schwimmt jeden Tag mit, berichtet aus dem Eiswasser – und vom Beckenrand.

Martin Tschepe

Dieser Tag beginnt mit Sonne, blauem Himmel und den 50 Metern Freistil. Die besten Zeiten in den Altersklassen zaubern unter anderem Marie-Therese Bartel (30:59 Sekunden) und Elke Ortloff (48:44) ins Wasser, beide werden Weltmeisterin. Die Stimmung am Beckenrand ist großartig. Die Zuschauer sind begeistert. Drei Schwimmerinnen aus Südamerika feiern nach ihren Starts sich und diese WM der International Winter Swimming Association (IWSA): Sie tanzen und posen vor den Kameras und Mobiltelefonen – bekleidet nur mit Ihren Badeanzügen, mit dicken Stiefel und mit Flaggen. Wie haben sich diese drei Schwimmerinnen, die direkt aus dem Sommer auf der Südhalbkugel nach Finnland gereist sind, nur vorbereiten können? Die schnelle Antwort: „Nur in Gedanken.“ 

Martin Tschepe Die südamerikanischen Starterinnen.

Über 50 Freistil startet auch Lars Mack, der Mann aus Nattheim, der lange in München gelebt hat und vor zwei Jahren mit Kind und seiner schottischen Frau Sandy nach Colonsay gezogen ist. Lars züchtet auf der kleinen schottischen Insel Austern – und trainiert gelegentlich im Meer. In Oulu arbeitet er im WM-Orgateam mit, hat deshalb eigentlich gar keine Zeit, selbst zu starten. Aber ein paar kurze Strecken müssen sein, sagt er.


Alle Artikel aus Martins WM-Tagebuch
Tag 1: Willkommen in Oulu
Tag 2: Die ersten Wettkämpfe in Finnland
Tag 3: Schmelzendes Eis und kalte 450 Meter 
Tag 4: Sprint im Eiswasser
Tag 5: Partystimmung bei 0 Grad Wassertemperatur
Tag 6: Oulu, ich komme wieder!


Ich bin am Vormittag beim Medical Check, den alle Sportler machen müssen, die am Nachmittag die 450 Meter Freistil schwimmen wollen. Wobei von „wollen“ nur bedingt die Rede sein kann. Die Erfahrung der Wiederholungstäter lehrt: Je näher der Start einer langen Strecke rückt, desto stärker werden die Zweifel. Warum mache ich das hier eigentlich? Im Ziel steht dann aber immer fest: Cool war’s! Mal wieder. Nach dem Check erklärt der Ice-Doctor Alexandre Fuzeau (ich teile mir mit ihm übrigens ein Doppelzimmer) sinngemäß: „Dein Blutdruck ist ein bisschen hoch, aber ok.“ Vermutlich, so seine Aussage mit einem Augenzwinkern, „hast Du gestern deine Goldmedaille über die 200 Meter Freistil zu doll gefeiert“. Eher nicht, aber ich war (zu?) lange wach in der Nacht und hab‘ zum Frühstück fast einen Liter Kaffee getrunken. Vielleicht eine Erklärung. 

Martin Tschepe Alexandre Fuzeau führt den Medical Check durch.

Mittlerweile sind sie 200-Meter-Brust-Schwimmerinnen im Becken. In der Sonne ist es deutlich wärmer als am Vortag bei bedecktem Himmel. Das dicke Eis, in das das Wettkampfbecken geschnitten worden ist, beginnt zu schmelzen. Wer zum Beckenrand läuft, versinkt knöcheltief im Wasser. Hält die Eisdecke? Ja klar, sagen die Männer, die für das Startsignal zuständig sind. Die müssen’s wissen, stehen sie doch den ganzen Tag auf dem zugefrorenen Oulu River. Der Sprecher ist ganz begeistert und ruft ins Mikrofon: „Schaut euch das Wasser an! Wie ein Spiegel!“ In der Tat: Was für eine Aussicht von der Tribüne aufs Becken! Der Ice-Doc Alexandre schwimmt selbst mit und gewinnt die 200 Meter Brust in seiner Altersklasse (3:48), ebenso Mareike Förster (2:56), Heidelinde Partheymüller (3:56). 

Am Nachmittag ist die Sonne leider von dicken Wolken verdeckt, dazu leichter Schneefall. Am Beckenrand sitzen Rettungstaucher, sicher ist sicher. Die wahren Heldinnen und Helden beim den nun anstehenden 450 Metern Freistil sind aus meiner Sicht die Sportlerinnen und Sportler, die extrem langsam schwimmen. Denn diese Frauen und Männer sind für ihre 450 Meter knapp 15 Minuten lang im eiskalten Wasser, das wie am Vortag knapp weniger als Null Grad hat. Ira Uusoksa aus Finnland legt vor: 6:26 Minuten. Aber kein Problem für die deutsche Weltrekordlerin Alisa Fatum-Böker, sie will immer die beste Zeit schwimmen, auch wenn an die Overall-Schnellsten keine Medaillen vergeben werden. Alisa schwimmt im nächsten ein Rennen gegen die Uhr. Die ersten 100 Meter in 1:11. Sieht aus wie im Training. Nach 5:49 schlägt sie an. Was für eine Vorstellung!

Gegen 17 Uhr bin ich dran mit meinen 450 Metern. Das Rennen läuft gut, ich bin im Lauf 81 vom Start an vorne, schlag nach 7:04 an und bin weniger benommen als erwartet. Jeder 450-Krauler muss einen persönlichen Betreuer mitbringen, meiner ist Martin Hofmann. Martin hilft Martin nach dem Wettkampf in den Bademantel und bring ihn zu der kleinen Sauna, die direkt am Becken steht. Im Nu bin ich wieder bei Sinnen und sogar halbwegs fit – hätte ich nicht unbedingt erwartet bei minus 0,2 Grad Wassertemperatur. Später schwimmen die Top-Männer, zum Beispiel Tasanko Tankov aus Bulgarien (5:16) und Markus Rogan aus Österreich (5:24). 

Am Abend gibt’s wieder die eiskalt erkämpften AK-Medaillen, Gold unter andern für Marie-Therese Bartl, Alisa Fatum-Böker, Beate Brandes, Elke Ortloff, für den IWSA-Vizepräsident Colin Hill aus Großbritannien – und für mich. Was für ein Tag!

Martin Tschepe Die zweite Goldmedaille bei dieser WM.

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Martin Tschepehttp://www.bahn9.de/
Martin Tschepe ist freier Autor, Swimguide, Freiwasser- und Eisschwimmer des SV Ludwigsburg.

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