Bilder mit GPS | Die Kunst des Schwimmens

Silke Schäfer macht im Wasser das, was Radfahrer und Läufer „GPS-Kunst“ nennen. Die 56-Jährige aus Erftstadt „zeichnet“ beim Schwimmen Figuren, Tiere oder den Kölner Dom in einen See. Ob es klappt, zeigt sich erst bei der Auswertung der GPS-Daten.

Dieser Artikel erschien zuerst in der SWIM 43. Die Ausgabe finde Sie hier im Shop.

Schwimmen ist eine Kunst, das hört man immer wieder. Was aber sonst eher im übertragenen Sinn gemeint ist und darauf abzielt, dass der hohe technische Anspruch dieser Sportart schwer zu meistern ist, ist in diesem Fall ausnahmsweise wortwörtlich gemeint. Denn Silke Schäfer aus Erftstadt bei Köln erzeugt beim Schwimmen Kunstwerke. Genau genommen betreibt sie das, was man vom Radfahren und Laufen bereits seit einiger Zeit als „GPS-Kunst“ kennt. Mithilfe ihrer Sportuhr zeichnet die 56-Jährige über GPS während des Freiwasserschwimmens ihre Strecke auf. Das allein ist noch nichts Besonderes. Doch anstatt im See nach Lust und Laune kreuz und quer zu schwimmen oder Runden zu absolvieren, geht Schäfers geschwommener Route eine minutiöse Planung vorraus. Denn bei der Auswertung der GPS-Aufzeichnung soll später in der Kartenansicht kein wildes Durcheinander zu sehen sein, sondern ein zuvor ausgedachtes Motiv, das sich durch die absolvierte Strecke ergibt. Mehr als 20 GPS-Bilder fertigte die Freiwasserschwimmerin bisher auf diese Art und Weise an, darunter Bilder von Elefanten, Pinguinen, Haien, Delfinen, Hunden, Schweinen, Eulen, Kraken und Schnecken. Aber auch Motive wie den Kölner Dom, ein Schiff, eine Blume, einen Notenschlüssel, einen Sonnenschirm oder unterschiedliche Wörter „malte“ Schäfer mit ihrer Schwimmroute in unterschiedliche Gewässer.

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Sternschwimmen als Startschuss

Privat

Gut drei Jahre ist es mittlerweile her, dass Silke Schäfer ihre künstlerische Ader im Schwimmen entdeckt – durch reinen Zufall. Mit dem Schwimmen selbst beginnt sie äußerst früh, tritt im Kindesalter einem Verein bei, nimmt an Wettkämpfen teil, verliert allerdings schnell die Lust daran und hört mit elf Jahren zunächst wieder auf. Erst im Jahr 2000, mehr als 20 Jahre später, entfacht die Leidenschaft und Begeisterung fürs Schwimmen neu. Durch einen Umzug nach Erftstadt wird der Liblarer See zum Heimatgewässer und liegt „direkt vor der Nase“. Nach einiger Zeit, in der Schäfer entweder allein oder mit anderen aus ihrer Trainingsgruppe regelmäßig die zwei Kilometer lange Standardrunde durch den See schwimmt, wird ihr die Streckenführung zu monoton. Die Langeweile lässt sie kreativ werden: „Irgendwie kam ich damals auf die Idee, einfach mal einen Stern zu schwimmen, und habe versucht, mich ausschließlich an verschiedenen Punkten an Land zu orientieren. Das ging total daneben, aber mein Ehrgeiz war von diesem Zeitpunkt an geweckt“, erzählt Schäfer rückblickend. Der Startschuss für die spätere Leidenschaft. Das Problem mit der mangelnden Orientierung bleibt zunächst, bis die Schwimmerin eines Tages der Zufall zur Hilfe kommt: Als eine neue Segelschule am See öffnet, werden immer mehr Bojen im Wasser platziert. Nachdem Schäfer die neu platzierten Bojen einmal alle umschwimmt, entdeckt sie später in der Auswertung, dass die Route auf der Karte im Ansatz etwas Elefantenartiges ergibt. Sie kommt auf die Idee, die Streckenführung zu optimieren und in einem zweiten Versuch tatsächlich einen Elefanten zu schwimmen, den man auch ohne viel Fantasie als solchen erkennen kann.

Gesagt, getan – das erste Tiermotiv ist im Kasten. Planung auf dem Tablet Etwa alle zwei bis drei Wochen – während der Jahreszeit, in der man aufgrund der Temperatur im Freiwasser schwimmen kann – versucht sich Schäfer an einem neuen Kunstwerk. Abseits davon schwimmt sie mehrmals in der Woche aus Spaß an der Bewegung im Freiwasser. Sobald sie eine konkrete Idee für ein neues Motiv hat, beginnt die Planung auf ihrem Tablet: Dort zeichnet sie auf der Karte des Gewässers zunächst die Bojen ein, bevor sie die Schwimmstrecke aufmalt und sich im Anschluss mit unterschiedlichen Orientierungspunkten einprägt, wie sie im Wasser schwimmen muss. Dabei steht sie vor einer deutlich größeren Herausforderung als Radfahrer und Läufer, die mit ihren Routen ebenfalls Bilder malen, sich dabei aber die Strecken vorprogrammieren können und im Anschluss mit Navigation nur noch abspulen müssen. „Ich muss mich während des Schwimmens ausschließlich auf meine eigene Orientierung verlassen und bekomme außer meiner Wahrnehmung keinerlei Feedback, bis ich mir später das Ergebnis anschaue. Man muss die Strecke vor dem geistigen Auge sehen können, denn wenn man sich den Plan vorher nicht ganz genau eingeprägt hat, entstehen Fehler“, sagt sie. Ihre Uhr wäre selbst dann keine Hilfe, wenn man damit eine bestimmte Strecke im See vorplanen könnte – denn das Gerät zieht Schäfer beim Schwimmen in einer kleinen Boje hinter sich her.

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„Am Anfang habe ich die Uhr am Handgelenk getragen, aber da war die Verbindung so schlecht, dass die Aufzeichnung so gut wie nie gestimmt hat. Seitdem ich die Lösung mit der Boje gewählt habe und die Uhr damit durchgehend über Wasser ist, gibt es keine Probleme mehr“, erzählt Schäfer, die ihre Kunstwerke auf Instagram und Facebook veröffentlicht. Hier bekommt sie viel Zuspruch für ihre „Zeichnungen“ und erhält immer wieder Anregungen für neue Bilder.

„Ich würde mich über Nachahmer freuen“

Privat

Mittlerweile hat Silke Schäfer eine gewisse Routine entwickelt. Dass sie ein Motiv – wie noch zu Beginn – mehrmals schwimmen muss oder ihr ein Versuch misslingt und sie abbrechen muss, kommt nur noch selten vor. Dennoch gibt es ein paar unbekannte Variablen: So würden die benötigten Grundvoraussetzungen und das Ergebnis unter anderem dadurch beeinflusst, wie stark der Wind wehe, ob Segler auf dem Wasser seien oder aus irgendwelchen Gründen Bojen versetzt wurden. Ob es generell möglich sei, in einem Gewässer ein solches Vorhaben zu realisieren, sei in erster Linie von der Form des Sees sowie von den Orientierungsmöglichkeiten abhängig, sagt Schäfer. Schwierig werde es immer dann, wenn Figuren so groß oder kompliziert seien, dass man Teilstrecken zurückschwimmen müsse, um woanders in eine andere Richtung neu anzusetzen. Für jedes Motiv benötigt Schäfer deshalb rund drei bis vier Kilometer und meistens um die anderthalb, teilweise auch bis zu zwei Stunden. Große Pausen macht sie währenddessen nicht: „Ich schaue natürlich immer mal wieder hoch, um mir einen Überblick zu verschaffen, aber abgesehen davon schwimme ich immer alles in einem Rutsch durch“, verrät sie. Viele ihrer Ideen für neue Motive entstehen zufällig, wenn Schäfer anfängt, auf ihrem Tablet herumzuzeichnen. Seit drei Wochen hat sie schon wieder eine neue GPSFigur im Blick: einen Vogel im Sturzflug. Um den Tiermotiven den letzten Schliff zu verpassen, muss allerdings manchmal etwas nachgeholfen werden: „Die Augen oder andere einzelne Punkte, die man nicht mit einer zusammenhängenden Verbindung abbilden kann, lassen sich nicht schwimmen. Ich habe am Anfang versucht, meine Position zwischen zwei herausgestoppten Pausen zu verändern, aber das klappt nicht. Deshalb muss ich diese Punkte entweder einzeichnen oder anders versuchen, in die Figur zu integrieren“, sagt Schäfer und fügt hinzu: „Ich würde mich über Nachahmer freuen. Wer das einfach mal ausprobieren möchte, sollte am besten mit Buchstaben beginnen. Runde und symmetrische Figuren sind insgesamt sehr schwierig, weil das nur gut aussieht, wenn beide Seiten einigermaßen gleich sind.“

Wer also beim nächsten Freiwassertraining aus der Monotonie ausbrechen will oder nach einer gewissen Dauer einen Anflug von Langeweile verspürt, kann sich mit einem eigenen Versuch als GPS-Künstler einer abwechslungsreichen Herausforderung stellen und damit gleichzeitig sein Training kurzweilig gestalten. „Selbst wenn ich für eine Figur zwei Stunden brauche, vergeht die Zeit wie im Flug“, sagt Silke Schäfer, die in Zukunft noch zahlreiche weitere Motive ins Wasser zaubern möchte.

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