Lindauer Seequerung: Wellenreiten in Richtung Leuchtturm

Bei der 22. Lindauer Seequerung trotzten rund 300 Schwimmerinnen und Schwimmer dem schaukelnden Element – unser Autor ist mitgekrault.  

Martin Tschepe

Der Himmel über Lindau ist grau-blau, die Sonne nicht zu sehen. Auf dem Areal des Strandbads ist es noch kühl an diesem Sonntagmorgen gegen 7 Uhr. Mitunter fallen ein paar Regentropfen vom Himmel, der See ist nicht topfeben wie noch am Vorabend – so weit das Auge reicht: kleine, fiese Wellen. Die Wiederholungstäter erzählen mit einem Augenzwinkern, dieses unbeständige Wetter sei typisch für den Morgen der Lindauer Seequerung.

Gegen 8 Uhr stehen alle Sportlerinnen und Sportler der ersten von drei Startgruppen etwa hüfttief schwimmbereit im See. Manche schlottern vor Kälte, obwohl das Wasser gut 23 Grad hat. Neoprenanzüge sind diesmal tabu, zu warm, sagen die Veranstalter.  Als das Startsignal ertönt geht sofort die Post. Die ganz schnellen Schwimmer sind bald auf und davon. Andere lassen es gemütlich angehen. In dieser ersten Gruppe schwimmt auch Markus Joas, er wird später – nach knapp 35 Minuten – im Römerbad auf der Insel als erster ankommen und die schnellste Zeit abliefern.

Orientierung einfach gemacht

Gegen 8.20 Uhr die zweite Gruppe, wieder mit rund 100 Starter – mit von der Partie in diesem Pulk sind auch die Brüder Jörg (55) und Roland (56) Selbmann. Die beiden haben unmittelbar vor ihrem Start noch erzählt, dass sie seit Kindertagen schwimmen. Das Seeschwimmen des TSV Lindau ist bei beiden Männern fett im Kalender markiert. „Eine richtig coole Veranstaltung mit vielen netten Leuten und mit guter Orga“, sagt Jörg. Gegen 8.30 Uhr sind die beiden längst unterwegs – irgendwo mitten auf dem See. Immer in Richtung Leuchtturm schwimmen, das hat ein Mann von der Wasserwacht vorhin noch allen Novizen geraten. Und dann hinein schwimmen in das Römerbad. Ganz einfach eigentlich. Zur Orientierung haben die Veranstalter auf der etwa 2,3 Kilometer langen Strecke mehrere knall-gelbe Bojen gesetzt. Verschwimmen sollte nicht möglich sein, und falls doch mal ein Schwimmer abdriftet vom Kurs, dann kommt ein Kanu oder ein SUP zu Hilfe, und der Paddler weist dem Schwimmer die Richtung.

Martin Tschepe

Erfinderin der Seequerung ist Sandra Bandlow-Albrecht. Sie ist seit ihrer Jugend Wettkampfschwimmerin und vor vielen Jahren nach dem Studium zufällig in Lindau gelandet. Irgendwann, sie war längst Mitglied beim TSV, hatte sie diese fixe Idee im Kopf: Wir veranstalten eine Seequerung. 2003 war Premiere. Nur einmal ist sie selbst mit gekrault, zu stressig sei das: den Hut aufhaben und starten. Also steht und geht sie am Ufer und schaut zusammen mit vielen weiteren Helfern, dass alles glatt läuft. Das Moto des Lindauer Seeschwimmen lässt sich mit diesen Worten ganz gut knapp zusammenfassen: Spaß haben, die geschwommenen Zeiten sind zweitrangig. Wichtig sei ihr, sagt die Chefin, dass alle wohlbehalten am Ziel ankommen – schwimmend oder notfalls in einem der vielen Boote.

8.40 Uhr. Die letzte Startgruppe wird auf die Strecke geschickt. Der See ist weiter wellig. Und ich bin mittendrinnen. Wer flott voran kommen will, muss kraulen und möglichst alle paar Meter mal nach vorne schauen. Wasserballkraul. Streng an, ist aber die beste Methode den Kurs zu halten und zu schauen: Ist der Leuchtturm noch im Visier? Wieder haben sich die Sportler nach ein paar hundert Metern sortiert. Die ganz flotten vorne überholen bald die langsameren Schwimmer der Vorgruppe. Nach eta 500 Metern überhole ich nach und nach ein paar Dutzend Schwimmer. Die Sicht unter Wasser ist ordentlich, Fische sehe ich keine, aber ein paar Muscheln – oft kommt mir Seegras in die Quere, das sich auch mal um den Hals legt oder an der GPS-Sportuhr am Armgelenk hängen bleibt. Nur keine Panik! Abschütteln und weiter kraulen, immer weiter. Kurz vor dem Ziel aufpassen! Was hat der Mann von der Wasserwacht vor dem Start erklärt: an der Mauer, die rechts vom Leuchtturm im Wasser steht, links halten. Wer versehentlich rechts schwimmt, landet nämlich im Hafen, muss umdrehen und verliert Zeit. Geschafft! Alle Schwimmerinnen und Schwimmer, die ins Ziel kommen, werden von den Zuschauern gefeiert, die schnellen wie die langsamen. Gegen 10.20 Uhr sind alle Jugendlichen, alle Männer und Frauen wieder an Land. Nur ein einziger, sagt der Sprecher über die Lautsprecherboxen, habe aufgegeben und sei die letzten Meter mit einem Boot gefahren worden. 

Martin Tschepe

Bis zur Siegerehrung gegen Mittag hält das typische Seeqeuerungs-Wetter an. Keine Sonne, gelegentlich Nieselregen, Wind. Das ist den Sportlern nun indes ziemlich egal. Es gibt ein Vesper, Bier oder Cola – und für die Gewinnerinnen und Gewinner Medaillen. Und von ganz vielen dieses Versprechen: 2027 kommen wir wieder zur Lindauer Seequerung – bei jedem Wetter.

Auf einen Blick

Die Wertung der Vereinsschwimmerinnen hat Maria Weinberger gewonnen (37:21 Minuten), schnellster Vereinsschwimmer war Markus Joas (34:54 Minuten). Die Wertung der Freitzeitsportler haben gewonnen: Greta Keller (46:04 Minuten) und Norbert Wild (37:42 Minuten). Der langsamste Schwimmer war 1:56 Stunden unterwegs.


Unser Autor Martin Tschepe (61) ist mehrfacher Altersklassen-Weltmeister im Eis- und Winterschwimmen. Er hat bei der Lindauer Seeqeuerung in der Wertung der Freizeitschwimmer den undankbaren Platz vier geholt (44:32 Minuten). 

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Martin Tschepehttp://www.bahn9.de/
Martin Tschepe ist freier Autor, Swimguide, Freiwasser- und Eisschwimmer des SV Ludwigsburg.

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