Freitag, 19. Juli 2024

Sieben Monate nach ARD-Doku | DSV benennt Aufarbeitungsteam

Mehr als ein halbes Jahr hat es gedauert, jetzt hat der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) ein Aufarbeitungsteam für Fälle sexualisierter Gewalt. Bei der Mitgliederversammlung in Kassel teilte der Verband mit, dass das unabhängige Gremium seine Arbeit zum 1. März aufgenommen habe.

Silke Insel / spomedis

Die Aufarbeitung sei zunächst auf ein Jahr ausgelegt, anschließend soll das Team einen Bericht zu den bis dahin gewonnenen Erkenntnissen vorlegen. „Wir betonen stets, wie wichtig uns die Sicherheit und das Wohlergehen aller Mitglieder ist. Deswegen sind wir froh, dass wir nun den Prozess der Aufarbeitung der in der ARD-Dokumentation genannten Vorwürfe sexualisierter Gewalt beginnen können“, sagte DSV-Vizepräsident Wolfgang Rupieper. Die im August ausgestrahlte Doku “Missbraucht – Sexualisierte Gewalt im deutschen Schwimmsport” hatte mehrere Fälle an die Öffentlichkeit gebracht, darunter der des Olympiamedaillengewinners im Wasserspringen Jan Hempel. „Als Verband wollen wir transparent mit Fehlern in der Vergangenheit umgehen und uns dafür einsetzen, weitere solcher Vorfälle zu verhindern“, ergänzte Rupieper. „Und natürlich wollen wir mit diesem Vorgehen und den daraus abzuleitenden Veränderungen unserer Verantwortung den Betroffenen gegenüber gerecht werden.“ Die Kosten wird der DSV aus dem Verbandshaushalt übernehmen.

Vierköpfiges Expertenteam

Vier namhafte Expertinnen und Experten gehören dem Team an. Prof. Dr. Bettina Rulofs, Sportsoziologin an der Sporthochschule Köln, hat in den vergangenen Jahren mehrere Studien zu sexueller und interpersoneller Gewalt im Spitzen- und Breitensport veröffentlicht („SafeSport“, „SicherImSport“ sowie die „Fallstudie Sport für die Unabhängige Aufarbeitungskommission“) und gilt als führende Expertin auf dem Gebiet. Dr. Fabienne Bartsch entwickelte gemeinsam mit Rulofs für die Deutsche Sportjugend Handlungsleitfäden zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Belästigung und Gewalt im Sport und wirkte am Institut für Soziologie und Genderforschung an der Sporthochschule Köln am Projekt „SafeSport“ mit. Ebenfalls zum Team gehören mit Prof. Dr. Martin Nolte und Dr. Caroline Bechtel ein Jurist und eine Juristin, die mit ihrer Arbeit dabei unterstützen sollen, etwaige bestehende Regelungsdefizite zu erkennen und existierende Lücken für die Zukunft zu schließen.

Das Expertengremium soll unabhängig vom Deutschen Schwimm-Verband arbeiten. Begleitet werden soll der Aufarbeitungsprozess von einem Projektbeirat, dem jeweils eine Vertreterin für die Perspektive der Betroffenen (Susann Wegner, ehemalige Leistungssportlerin aus dem DDR-Kontext), die Trainerperspektive (Simone Lammers) und die psychologische Sicht (Monika Liesenfeld vom Olympiastützpunkt Berlin) angehören.

Voller Archivzugriff

Antworten liefern soll der Aufarbeitungsprozess darauf, welche Gewalttaten stattgefunden haben, wer und wie viele Menschen betroffen waren und welche Bedingungen, Strukturen und Kulturen im Kontext des Schwimmsports dazu beitrugen, dass Gewalt gegen Kinder oder Erwachsene ausgeübt werden konnte. Außerdem soll identifiziert werden, wer in welchem Maße die Verantwortung für das Geschehene trägt und welche Folgen die Betroffenen und deren Angehörige erlitten haben. Dazu sollen Betroffene angehört, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen befragt und Dokumente gesichtet werden. Der Verband gewählt dem Aufarbeitungsteam dafür nach eigener Aussage vollen Zugriff auf sein Archiv.

Jule Radeck
Jule Radeck
Jule Radeck studierte Sportwissenschaften, bevor sie als Volontärin nach Hamburg zog. In ihrer Freizeit findet man sie oft im Schwimmbecken, manchmal auf dem Fahrrad und selten beim Laufen.

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