Durch den Jadebusen nach Wilhelmshaven

Von Eckwarderhörn hinüber bis nach Wilhelmshaven kraulen, ganz allein, ohne Begleitung? Ist das möglich? Oder ein bisschen verrückt? Unser Autor hat es probiert.

| 24. Juni 2019 | AKTUELL

Martin Tschepe ist oft im Freiwasser unterwegs.

Martin Tschepe ist oft im Freiwasser unterwegs.

Foto >Martin Tschepe

Kleiner Spaziergang auf dem Deich in Richtung Nordsee. Das erste Schild: "Ende des bewachten Badestrands. Windsurfing nicht gestattet." Okay, ich will ja nicht surfen, sondern schwimmen, einmal durch den Jadebusen hinüber bis nach Wilhelmshaven. Den direkten Weg werde ich sicherlich nicht finden, meine Strecke dürfte grob geschätzt fünf oder sechs Kilometer weit sein. Das zweite und letzte Schild auf dem Deich: "Halt - Lebensgefahr! Starke Strömung". Mit einem mulmigen Gefühl laufe ich weiter.

Die Strömung sollte niemand unterschätzen.

Die Strömung sollte niemand unterschätzen.

Foto >Martin Tschepe

Auf die Strömung kommt es an

Ich bin spontan zu Besuche in Varel bei meinem alten Kunstlehrer Michael Soltau. Er war bis vor ein paar Monaten Professor an der Uni in Greifswald, lebt jetzt in Leipzig und in Varel, wo er aufgewachsen ist. Ich habe angekündigt, dass ich den Jadebusen durchqueren will, eine etwa 190 Quadratkilometer große Meeresbucht zwischen der Unterweser und der Ostfriesischen Halbinsel. Also werde ich jetzt gleich loskraulen. Ohne Neo, aber mit Sicherheitsboje. Michael hatte zunächst größte Bedenken, jetzt indes ist er voll bei der Sache, hat mich zum Start chauffiert und wird mich später in Empfang nehmen - wenn ich denn ankomme.

Die ersten paar Hundert Meter schwimm es sich super, fast von allein. Nach der ersten Boje für die Schifffahrt indes wird die Strömung brutal. Ich bin bei auflaufendem Wasser gestartet, Vollflut ist erst in gut drei Stunden. Sollte ich nicht schräg gegen die Strömung anschwimmen können, dann will ich mich halt mitziehen lassen - in Richtung Festland. Wo auch immer ich dann ankommen würden. Bei ablaufendem Wasser wäre dieses verrückte Jadebusen-Schwimmen wirklich gefährlich: Die Ebbe würde den Krauler hinaus ziehen aufs offene Meer. 

Cola gibt es später - die Pause muss ausfallen.

Cola gibt es später - die Pause muss ausfallen.

Foto >Martin Tschepe

Keine Pause an der Boje

Jetzt gilt es: volle Pulle schräg gegen die Flut! Das nächste Ziel ist die nächste Boje. Sie wird nur ganz, ganz langsam größer. Alles dauert länger als erhofft. Aber ich spüre: Ich komme voran. Auf meine GPS-Uhr muss ich leider verzichten, die hat vor ein paar Tagen den Geist aufgegeben. Eigentlich weiß ich ja: 15 Minuten, etwa ein Kilometer. Aber im Jadebusen läuft das anders, vermutlich brauche ich eher 30 Minuten für 1.000 Meter. Ein Zug rechts, einer links, einer rechts, einer links. Immer wieder zähle ich die Züge, bis einhundert und dann wieder von vorn. Keine Ahnung, wie oft ich mittlerweile schon auf hundert gezählt habe.

Eine Stunde ist vorbei. Und die zweite Boje noch nicht erreicht. Ich hatte gehofft, mich kurz an der Boje festhalten zu können und womöglich ein bisschen Schokolade essen zu können, die ich in meiner orangenen Schwimmboje transportiere. Aber das wird nichts. Ich kann die große rot-weiße Schifffahrtsboje nicht erreichen, die Flut treibt mich links vorbei. Das kann ja heiter werden, ich bin gespannt, wann ich wo ankommen werde.

Das Ziel ist in Sichtweite.

Das Ziel ist in Sichtweite.

Foto >Martin Tschepe

Vorfreude auf Cola

Ich lasse die Boje, die auf den leichten Wellen tanzt, rechts liegen, schwimme weiter schräg zur Strömung und nehme die nächste Boje ins Visier. Die erreiche ich nach etwa zwei Stunden. Jetzt würde ich wirklich gern etwas essen. Ich hätte mir ein paar Regel in die Schwimmhose schieben sollen. Aber in der Badehose steckt leider nur die wasserfeste Kamera. Jetzt nehme ich den großen weißen Funkturm als nächsten Zielpunkt. Gefühlt komme ich mal flott, mal ganz langsam voran. Das Wasser ist immer noch schön warm, geschätzt 20 Grad. Das Salzwasser schmeckt aber schon lange nicht mehr - und ich freue mich wirklich auf die Cola in der Transportboje wie ein Kind auf den Schoko-Weihnachtsmann.

Die Arme werden schwerer, die Gebäude am Ufer in Wilhelmshaven aber nur langsam größer. Weiter kraulen, immer weiter. Nach genau 2:22 Stunden: Ankunft an der Strandpromenade Wilhelmshaven. Geschafft. Wie schön. Jetzt die Cola und ein paar Riegel essen - und alles ist wieder gut. Dann schaut ein Mann vorbei, erzählt, dass er mich länger beobachtet habe, fragt, wo ich denn gestartet sei. Die Antwort "auf der anderen Seite" quittiert er mit einem Glückwunsch. Dann gehen mein Ex-Pauker Michael und ich erstmals ins Café für eine Bratwurst und ein Bier. Prost, hoch lebe der Jadebusen. 

Martin Tschepe ist Redakteur bei der Stuttgarter Zeitung und Langstreckenschwimmer beim SV Ludwigsburg. Auf swim.de berichtet er gelegentlich von seinen Schwimm-Abenteuern. Mit seinen Projekten sammelt er Spenden für ein Behinderten-Schwimmprojekt. Infos dazu gibt es hier: www.bahn9.de