Extremsport
Meine erste Eismeile

Die Eismeile. 1.609 Meter weit schwimmen. Bei weniger als fünf Grad Wassertemperatur. Diese irre Strecke hatte unserer Reporter seit Jahren im Kopf. Nach dem Hallstätter-See-Eisschwimmen am ersten Märzwochenende sagt er: “Nun hab’ ich diese verdammte Meile auch in den Armen.”

Martin Tschepe Der Autor im Hallstätter See.

Nach gut einer Viertelstunde ist der Kilometer geschafft. Ich bin 1.000 Meter weit im Hallstätter See gekrault. Bei 4,5 Grad Wassertemperatur. Die Sonne ist zwar kurz vor meinem Start gegen 8.30 Uhr hinter den Bergen aufgetaucht, noch indes wärmt sie nur ein klein bisschen. Im Wasser ist es kalt. Eiskalt. Das Gefühl in den Fingern ist längst weg. Hände und Füße fühlen sich an, wie Körperteile, die vorübergehend nicht zu mir gehören. In der Haut scheinen ein paar tausend Nadeln zu stecken, es brennt. Dieses Gefühl kenne ich seit Jahren. Die 1.000 Meter bei Temperaturen unter fünf Grad bin ich schon oft geschwommen, regelmäßig in der Nordsee vor Sylt zum Beispiel und im Neckar bei Ludwigsburg. Und auch bei ungezählten Wettbewerben, etwa den bis dato letzten Ice Swimming German Open Anfang 2020 in Veitsbronn und erst am Vortag beim 4. Hallstätter-See-Eisschwimmen.

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“Nur noch 20 Bahnen”

An diesem grandiosen Sonntag im März indes soll nach dem magischen Kilometer noch lange nicht Schluss sein. Ich will meine erste Eismeile schwimmen, 1.609 Meter weit. Endlich ist es so weit. Immer wieder hatte ich mir gesagt: Schwimm endlich diese verfluchte Meile. Und dann doch gekniffen. Nach dem Kilometer also stehen diesmal weitere 600 Meter auf dem Programm. Und ich fühle mich nach wie vor überraschend gut. Ich kann weiter flüssig ziehen, komme zwar etwas langsamer voran als unmittelbar nach dem Start, aber immer noch recht zügig. Am Rand des in den See gezimmerten Beckens stehen die Helfer und ein paar Freunde, die mich beherzt anfeuern. Die Weltmeisterin über 1.000 Meter, Alisa Fatum, zum Beispiel ist auch gekommen. Immer wieder höre ich meinen Schwimm-Buddy Lars Mack. Bald ruft er “nur noch 20 Bahnen, Martin”.

Martin Tschepe Medizin-Check einen Tag vor der Eismeile.

Ich denke bei größeren sportlichen Herausforderungen zu Beginn der Aktion selten an das Ende. Sage mir lieber: sehr gut, schon wieder eine Bahn geschafft, jetzt die nächste. Je niedriger die Zahl wird, die mir die Helfer bei den Wenden zeigen und zurufen, desto euphorischer werde ich. Bald darf ich die (eigentlich) letzte komplette Bahn schwimmen! Wie cool ist das denn, in ein paar Sekunden gehöre ich zu dem kleinen Kreis von Eisschwimmern im Land, die die Meile gepackt haben. 64 Bahnen sind geschafft, 1.600 Meter. Jetzt noch eine Wende und zwei, drei weitere Züge – dann sind die 1.609 Meter komplett. Zu meiner eigenen Überraschung schwimme ich aber einfach weiter, mache eine allerletzte Wende und steige mit einigermaßen koordiniert wirkenden Bewegungen nach 1.650 Metern aus dem See.

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27 Minuten! Ich bin happy

Josef Köberl, der Präsidenten der österreichischen Sektion der International Ice Swimming Association (IIAS), gehört zu den ersten Gratulanten. Wenig später wird er mir auf Facebook schreiben: “Super Leistung – top! Und das Ganze so spontan . . . ein echter Sportler.” Ich hatte mich in der Tat super kurzfristig entscheiden, erst während der Siegerehrung des Hallstätter-See-Eisschwimmens am Vorabend erkundigt, ob es wohl eventuell möglich wäre mit den anderen fünf gemeldeten Schwimmerinnen und Schwimmern die Meile zu schwimmen. Nach der Zusage war mir dann doch ein wenig mulmig zumute.

Und jetzt bin ich froh. Froh, dass ich mich in die Liste der deutschen Eismeile-Schwimmer eintragen darf. Mit meiner Schwimmzeit – gut 27 Minuten – bin auch richtig happy. Bis dato sind etwa eine Handvoll deutsche Frauen und Männer die Meile im eiskalten Wasser schneller gekrault.

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