Streckenrekorde im Eisschwimmen
Lang. Länger. Tot?

Das Eisschwimmen erlebt in diesem Corona-Winter einen wahren Boom. Was Wunder, die Bäder sind ja geschlossen. Das Aufstellen immer neuer Streckenrekorde indes ist umstritten. Der deutsche Mister Eisschwimmen, Christof Wandratsch, sagt: “Ich sehe das sehr kritisch.”

Er wolle nicht ausprobieren “was geht”, sagt Christof “Wandi” Wandratsch mit Blick auf die immer neuen Streckenrekorde, die in diesem Winter im Eisschwimmen aufgestellt werden. Der Wandi, Jahrgang 1966, ist der Mann, der das Wettkampfschwimmen bei Wassertemperaturen unter fünf Grad in Deutschland populär gemacht hat. Er hat alle möglichen Rekorde im Eisschwimmen aufgestellt. Bei diesen Wettkämpfen geht es aber um Schnelligkeit – also gerade nicht darum, wer am längsten im Wasser bleiben kann. Wer schafft die weiteste Strecke? Solche Rekordversuche, sagt Wandratsch, “sehe ich sehr kritisch”. Denn auf lang folge länger und dann nochmal länger – und schließlich womöglich tot.

Eisschwimmen ist Extremsport

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Er schwimme halt die offiziellen Strecken, im Wettkampf maximal die 1.000 Meter – oder mal die Eismeile (1,609 Kilometer). Weitere Strecken seien grenzwertig, keinesfalls zu empfehlen. Er sei mal bei einem Wettkampf gestartet, bei dem es hieß: wer kommt am weitesten. Als ausgerechnet der Christof dann vor dem Start ankündigte, dass er nach 1.000 Meter das Wasser verlassen werde, waren die Veranstalter doch eine bisschen erstaunt und womöglich auch enttäuscht. Bei so einem Distanzwettbewerb besteht halt immer die Gefahr, dass sich die Konkurrenten gegenseitig anstacheln: Der eine schwimmt noch eine Bahn weiter, und der Mann daneben macht auch noch eine. So schaukeln sich die Schwimmer gegenseitig hoch. Und irgendwann ist einer “a Stückerl zu weit geschwommen”, erklärt der Franke Wandratsch. Nicht mit ihm. Es sie keine gute Idee die eigenen Grenzen komplett auszutesten.

Eisschwimmen, sagt Wandratsch, ist Extremsport. Bereits zu Beginn dieses Pandemie-Winters habe er befürchtet: Wahrscheinlich werde es den eine oder anderen Toten geben, “was leider passiert ist”. Eisbader, Eistaucher – viele suchten einen immer neuen Kick, “Schwimmen reicht nicht mehr, jetzt wird unter dem Eis von Loch zu Loch getaucht”. Das sei sehr gefährlich. Die Pandemie befördere den Frust, viele Sportler überschätzten sich und gingen zu weit.

Zollhaus Open
Martin Tschepe Wettkämpfe wie die Zollhaus Open werden über Distanzen bis 1.000 Meter ausgetragen.

Nicht mehr zu kontrollieren

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Der Schwimmexperte Oliver Halder antwortet auf die Frage, was er von der Jagd nach immer neuen Streckenrekorden halte, knapp: “nix”. Er sei schon bei vielen Eismeilen dabei gewesen und sagt: “Ich glaube durchaus zu wissen, wo das Limit liegt, obgleich ich Gott sei Dank noch nie Zeuge davon wurde, wenn dieses überschritten wird. Und das möchte ich auch nicht, das wurde mir damals bei Hamza Bakircioglus Rekord klar.” Der türkische Schwimmer aus dem Allgäu habe zum Schluss seiner knapp dreieinhalb Kilometer nicht mehr auf Zurufe reagiert, “man merkte deutlich, dass hier ein Level erreicht wurde, das er selbst nicht mehr in der Lage war, zu beherrschen”. Hamza habe sich zwar rasend schnell erholt, “das dauerte grade mal 15 Minuten, dann war er wieder besser beisammen, als so manch anderer Eisschwimmer nach 1.000 Metern”. Also eigentlich könnte man sagen: Da würde noch mehr gehen. “Wobei es eben eine halbe Stunde vorher im Wasser anders aussah.”

Wo ist also die Grenze? Halder sagt mit Blick auf Streckenrekorde, das sei “ähnlich wie beim Fallschirmspringen und wer dabei dem Boden am nächsten die Reißleine zieht”. Aus sportlicher Sicht sei es doch besser “eine vordefinierte Strecke möglichst schnell zu schwimmen”. Kürzlich ist der Rumäne Paul Georgescu 3,5 Klometer weit im Eiswasser geschwommen – neuer Weltrekord. Halder sagt: “Hamzas Performance war stärker, als die des Rumänen. Hamza hatte nämlich kälteres Wasser und war länger drin. Wer hält nun den Rekord über was?” Wandi, so Halder, “würde in einer Stunde weit über vier Kilometer schwimmen” – was, siehe oben, aber keine Option ist. Die Eismeile sollte als Maximum ausreichen, erklärt Halder, eventuell wäre die nautische Miele (1,852 km) noch “eine interessante Möglichkeit und für das Wasser auch passend”.

Kein Himmelfahrtskommando

Bei den German Open, die Halder als Mitveranstalter organisiert, sei ein Strecken-Rekordversuch “definitiv” keine Überlegung wert. Die Ice Swimming German Open seien und blieben eine Sportveranstaltung, “bei der es darauf ankommt, definierte Strecken möglichst schnell zu schwimmen oder überhaupt in Angriff zu nehmen. Wir wollen hier keine Plattform für ein mögliches Himmelfahrtskommando bieten.” Der Eisschwimmsport sei auch so bereits Herausforderung genug. “Wir haben mal darüber gesprochen, eventuell bei den German Open die Eismeile schwimmen zu lassen, aber das sollte ein Individual-Pojekt bleiben, eine absolut grenzwertige Herausforderung.”

Christof Wandratsch sagt, er als Mitorganisator der German Open freue sich über den aktuellen Hype fürs Eisschwimmen, der von Corona beflügelt werde. “Im nächsten Winter können die Leute dann bei den German Open gerne zeigen, was sie drauf haben. Es wäre klasse, wenn der Boom anhält und die Anmeldezahlen in die Höre schnellen.” Das, sagt der Wandi, sollte doch klappen, denn “die Leute merken, dass es gar nicht so schlimm ist, mal zum Beispiel eine Minute lang im Eiswasser zu schwimmen”. Wandratsch schlägt bewusst eine Minute vor – keine neuen Strecken- oder Langzeitrekorde.

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