Eisschwimmen im Erzgebirge bei Top-Bedingungen | DSV will Eis-Cup aufwerten

Top-Bedingungen für die Eisschwimmer bei den Zollhaus Open/German Championships im Erzgebirge. Unser Autor war auch am Start.

Was für ein Tag! Mit Sonne satt und Neuschnee rund um den kleinen See in Neuhermsdorf an der Grenze zur Tschechischen Republik. Beste Bedingungen also für die Zollhaus Open/German Championships, die offenen Deutschen Meisterschaften im Eisschwimmen: Der kleine See, der zum Hotel Altes Zollhaus gehört, trägt an diesem Morgen eine dünne Eisschicht. Ein paar Helfer müssen anrücken, wie bereits an den Tagen zuvor – und den See mit den fünf 25-Meter-Bahnen schwimmbar machen.

Pünktlich geht’s los. Und wie! Der Hausherr Gerrit Curcio (Jahrgang 1967) schwimmt in dem gut zwei Grad kalten Wasser über 50 Meter Brust einen Altersklassen-Weltrekord auf der Kurzbahn: 37,5 Sekunden. Curcio betreibt das Hotel, ihm gehört auch der See. Der Deutsch-Italiener ist früher für den SV Cannstatt in der Ersten Bundesliga geschwommen, seit 2019 veranstaltet er zusammen mit seinen Söhnen Noah und Aron den Wettbewerb.

1.000 Meter im eisigen Wasser

Viele Zuschauer am Seeufer sind besonders beeindruckt von den eiskalten Frauen und Männern, die die Königsdisziplin schwimmen, die 1.000 Meter. Einen Kilometer weit kraulen in eiskaltem Wasser: Wer diese Strecke packen will, muss sich gut vorbereiten und fit sein. Die schnellste Zeit zaubert Jiry Polansky ins Seewasser, der Schwimmer aus Tschechien benötigt für den Kilometer 14:24,9 Minuten. Der deutsche Weltrekordhalter Andreas Waschburger ist nicht am Start, und auch die deutsche Weltrekordlerin, Alisa Fatum-Böker, schwimmt nicht mit in Hermsdorf. Bei den Frauen holt Lisa Holm den Titel in 15:55 Minuten.



Ich schwimme auch wieder diesen verdammten Kilometer, bin 16:38 Minuten im Wasser, gewinne sogar meine Altersklasse (bei überschaubarer Konkurrenz) – und mir ist nach diesen 1.000 Meter wieder mal so richtig kalt. Ist aber alles Übung. Wir hatten in diesem Winter gute Bedingungen. Unser Trainingsgewässer, der Neckar in Ludwigsburg, hatte Anfang des Jahres ein bis zwei Grad. Wer dreimal die Woche unter solchen Bedingungen schwimmt und sich von einem Arzt durchchecken lässt, sollte gerüstet sein. Mein Motto für meine Eisschwimm-Wettkämpfe: Möglichst nicht langsamer als im Vorjahr. Das hat auch diesmal geklappt.

Einen starken Auftritt legte das Team Israel bei den Zollhaus Open hin. Die Sportlerinnen und Sportler aus dem Nahen Osten haben daheim keine Möglichkeit, in eiskaltem Wasser zu trainieren. Sie sind ein paar Tage vor den Wettkämpfen angereist und zweimal täglich im See geschwommen. Die Israelis räumen ab, allen voran Ori Sela. Er holt mehrere Overall-Siege, unter anderem über 500 Meter Freistil (6:38,7 Minuten). Bei den Frauen gehört Marie-Therese Bartl zu den Top-Schwimmerinnen. Die Sportlerin aus Burghausen gewinnt unter anderem die 100 Meter Freistil in 1:08,9 Minuten.

Letzter Test vor der WM

Brian Bain (Jahrgang 1960) zeigt eine einmalige Leistung: Der Brite startet bei allen Zollhaus-Open-Wettbewerben, über 50, 100, 250, 500 und 1.000 Meter. Der Senior muss sich also immer und immer wieder im Saunazelt aufwärmen. Das klappt gut. Der Mann ist Routinier. Und dann ist wieder mal Elke Ortloff dabei, die Berlinerin, Jahrgang 1953, schwimmt seit vielen Jahren in jedem Winter bei fast allen Wettkämpfen im eiskalten Wasser mit, die ausgeschrieben sind. Auch bei der WM Anfang März in Oulu, Finnland, will sie wieder dabei sein und Medaillen sammeln. Nach dem Eisschwimmen ist vor dem Eisschwimmen. In der Para-Wertung räumen Europameisterin Tina Deeken und Joseph Rothenaicher kräftig ab.

In diesem Jahr gehen die Zollhaus Open erstmals in Kooperation mit dem Deutschen Schwimmverband (DSV) über die Bühne. Vertreter des Verbands zeichnen unmittelbar nach den Wettkämpfen die Gewinner des Eis-Cups aus: Heike Schmidt und Kilian Graef. Die beiden haben bei den vier deutschen Wettkämpfen im Eisschwimmen die meisten Punkte gesammelt.

Mehr Wettkämpfe sollen her

Die Verantwortlichen vom DSV loben die Zollhaus Open in den höchsten Tönen, und sie sprechen über die Zukunft des Cups und des Eisschwimmens in Deutschland. Die Aussagen lassen sich mit wenigen Worten zusammenfassen: Da geht noch mehr! Ziel müsse es sein, den Eis-Cup aufzuwerten, weitere Wettbewerbe in Deutschland auszutragen. „Sechs oder acht“, sagen sie, wären gut – und eine Teamwertung solle eingeführt werden.

Große Pläne. Der Eis-Cup sei „eine tolle Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu erzeugen“. Aufmerksamkeit für die noch junge Sportart, die nach den Vorstellungen der Vertreter der International Ice Swimming Association (IISA) möglichst bald (Winter)olympisch werden soll. Die DSV-Leute sagen indes auch: „Es gibt noch ganz viel Luft nach oben.“

Stefan Hetzer, der Leiter des DSV-Ausbildungszentrums und quasi-Bundestrainer der deutschen Eisschwimmerinnen und Eisschwimmer, spricht mit Blick auf die Zollhaus Open in Sachsen von einem „würdigen Abschluss des 1. DSV Deutschland Eis-Cups beim IISA Weltcup in Neuhermsdorf“. Die spannenden Wettkämpfe bei diesen Meisterschaften seien vor „einer tollen Kulisse über die Bühne gebracht“ worden. Hetzer sagt, er habe „viele hervorragende Ergebnisse“ gesehen, mit AK-Weltrekorden. Neue Talente hätten sich in der Szene vorgestellt. Die an den Start gegangenen DSV-Kaderathleten Marie Therese Bartl und Kilian Graef „zeigten Spitzenleistungen und bewiesen damit, dass sie für die IWSA-WM in Oulu gerüstet sind“.

Elite und Amateure sollen weiter gemeinsam schwimmen

Nun gelte es, alle Talente seitens des DSV zu fördern, „um auf dem Weg zur olympischen Anerkennung auch in Zukunft über ein leistungsstarkes deutsches Team zu verfügen“. Der DSV werde nach vielen Vorarbeiten in den vergangenen Monaten seit der Anerkennung durch den DOSB als förderungswürdige, nichtolympische Disziplin „schnellstens die Weichen stellen“: Entscheidungen sollen bei der kommenden Länderfachkonferenz des DSV fallen. Neben der Benennung einer Nationalmannschaft, die ja bei der EM in Molveno Anfang Februar sehr erfolgreich gewesen sei, ist nun in Burghausen ein deutsches Ausbildungszentrum für Eisschwimmen eingerichtet worden. In diesem Zentrum sollen künftig Eisschwimm-Instruktoren ausgebildet werden.

Ein wichtiges Ziel sei es, dass Breiten- und Leistungssportler bei Wettkämpfen auch künftig zusammen antreten. Schade findet Hetzer, dass bei den Zollhaus Open nicht alle deutschen Kaderathleten an den Start gegangen sind, aber die schnelle Abfolge der Wettkämpfe habe das nicht zugelassen. Auf die IISA-EM in Molveno folgten die IISA-Weltcups Zollhaus und Hallstatt – und nächste Woche steht schon die IWSA-WM in Oulu an.

Während der Zollhaus Open kündigt das Team ICElanders von der Nordseeinsel Föhr an, dass im kommenden Winter womöglich ein Wettkampf im Inselhafen ausgerichtet werden könnte. Nicht nur die Männer vom DSV dürften sich freuen. Fest steht indes längst: Die nächsten Zollhaus Open finden am 19. und 20. Februar 2027 statt. Vormerken! Ich bin bestimmt wieder dabei.

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Martin Tschepehttp://www.bahn9.de/
Martin Tschepe ist freier Autor, Swimguide, Freiwasser- und Eisschwimmer des SV Ludwigsburg.

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