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Delly and the Dolphins

Frank Wechsel ist für SWIM.DE jeden Tag im Aquatics Centre als Fotograf dabei. In dieser Rubrik erzählt er Anekdoten vom Beckenrand. Heute geht es um einen Kollegen.

Frank Wechsel Die australischen Schwimmerinnen und ihr Fotograf Delly Carr (rechts).

Donnerstag, 29. Juli 2021, kurz nach 19 Uhr. Tokyo Aquatics Centre. Soeben ist der erste Vorlauf über 800 Meter Freistil der Frauen gestartet. Heat 1, mit Schwimmerinnen wie Kristel Kobrich aus Chile, Arianna Valloni aus San Marino und Anh Vien Nguyen Thi Anh aus Vietnam. Deutsche sind nicht am Start. Wir warten auf Isabel Gose in Heat 3 und Sarah Köhler in Heat 4. Auch die Australierinnen Ariarne Titmus und Kiah Melverton sind erst später dran, werden zusammen mit Gose ins Becken gehen. Trotzdem tobt der australische Athletenblock schon jetzt.

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Eigentlich dürfen die Dolphins, wie das Schwimmteam aus Down Under sich nennt, nicht schreien oder anfeuern. Nur Klatschen. Doch daran hält sich hier im Tokyo Aquatics Centre aber niemand. “Let’s go, Delly!”, schreien die Dolphins. Ich schaue noch mal in die Startliste: Dakyung Hang aus Südkorea ist die einzige, deren Namen zumindest mit einem D beginnt. Doch die ist nicht gemeint. Der Held der Dolphins ist nicht im Pool. Er sitzt neben mir am Beckenrand auf der “Photo Position B”: Delly Carr, Aussie, Sportfotograf.

Die Position B ist fast im Becken, eine sogenannte FOP-Position. FOP steht für Field of Play, das Spielfeld, und erfordert einen täglichen negativen PCR-Test, da die eigentlich geforderten zwei Meter Abstand zu den Athleten nicht immer einzuhalten sind. Delly und ich und alle anderen hier ziehen das und alle weiteren geforderten Prozeduren durch, jeden Tag. Es ist unsere Aufgabe, unsere Passion, das, was hier geschieht, in die Welt zu tragen. Dafür sind wir hier. Die, die im Becken schwimmen, haben so hart dafür gearbeitet. Jetzt ist ihr “moment to shine”. Und Delly sorgt mit dafür, dass die Dolphins glänzen.

Delly Carr ist einer der renommiertesten Sportfotografen der Welt. Der Nikon-Ambassador hat beispielsweise das Bild des Triathlonwelt nach außen geprägt, hat 25-mal den Ironman Hawaii fotografiert. Wir haben schon viel gemeinsam erlebt. 2008, beim Olympiatriathlon in Peking, waren wir die beiden offiziellen Fotografen des Triathlon-Weltverbands ITU. Zwei Fotografen, aber nur ein Platz auf dem Zielfotopodest. Wir haben entschieden: Delly nimmt den Platz beim Frauenrennen. Seine Australierin Emma Snowsill holt Gold. Am Tag darauf nehme ich den Platz – und mein Landsmann Jan Frodeno triumphiert. Heute sind Emma und Jan ein Paar, Delly und ich Freunde.

Und in diesem Moment, mit dem Geschrei im Hintergrund, ruht Delly in sich selbst. Er hat Kopfhörer im Ohr, hört Metallica, seine Art der Meditation, bevor Ariarne Titmus und Kiah Melverton zum Einsatz kommen – und damit auch Delly Carr. Ich muss ihn erst auf den Krach, der ihm gilt, aufmerksam machen. Delly bedankt sich bei “seinem” Team, das er seit Jahren begleitet. “Die haben alle sehr gute Manieren”, sagt Delly. Und sie haben einen an ihrer Seite, der ihre Geschichten nach außen trägt. Das sind die Geschichten vom harten Training, von den Camps in Bädern, die oftmals nicht so herausgeputzt sind wie dieses moderne Tokyo Aquatics Centre. Delly ist einer von ihnen, er ist ein Teil der Dolphins. Und damit auch einer Erfolgsgeschichte.

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Heat 2 ist inzwischen im Wasser. Wir wünschen uns noch viel Glück – und machen uns an die Arbeit. Die Schwimmerinnen von Heat 3 marschieren auf die Startbrücke. “In Lane 3: Kiah Melverton, Australia. In Lane 5: Ariarne Titmus, Australia. In Lane 8: Isabel Gose, Germany.”

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