Montag, 15. Juli 2024

Weiße Wettkämpfe und ein Comeback im Eis

Bei den Zollhaus Open in Sachsen sorgen die Eisschwimmer bei dichtem Schneetreiben für Topzeiten. Und: Christof Wandratsch ist zurück in seinem Element.

Martin Tschepe

So stellen sich Eisschwimmer ihr Paradies vor. Das letzte Wochenende im Februar: Winterwonderland mit Tiefschnee im tiefsten Sachsen. 3,5 Grad kaltes Seewasser. Gut gelaunte Sportler aus acht Nationen, unter anderem aus Süditalien und aus Israel. Bei den Zollhaus Open German Championships in Neuhermsdorf direkt an der Grenze zu Tschechien werden die Deutschen Meister ermittelt, zeitweise bei heftigem Schneefall und bei Lufttemperaturen deutlich unter null. Wie cool ist das denn!

Ganz besondere Leistungen zeigen zwei Damen aus Deutschland: Elke Ortloff (Altersklasse 70) aus Berlin und Sarah Anne Richter (Altersklasse 45) aus Erlangen zaubern AK-Weltrekorde ins Eiswasser. Ortloff schwimmt 50 Meter Schmetterling in 57,5 Sekunden. Richter benötigt für gleiche Strecke 35,6 Sekunden, für 50 Meter Freistil 31,0 Sekunden und für 100 Meter Brust 1:29,0 Minuten.

„Wandi“ gibt Comeback

Bei den Zollhaus Open, die nach einer zweijährigen Coronapause endlich wieder stattfinden, sind viele Wiederholungstäter am Start, aber auch einige Neulinge. Einer dieser Novizen ist Matthias Rothermel aus Marzling bei München. Er war erst ein paar Tage vor den Championships erstmals im eiskalten Wasser, bei einem Swimcamp des deutschen „Mister Eischwimmen“, Christof „Wandi“ Wandratsch. Matthias Rothermel schwimmt freilich keine Rekorde, aber er verbessert bei den Meisterschaften seine Zeit über 200 Meter Freistil um rund 20 Sekunden – und ist danach ganz happy, wegen dieser Leistung und wegen des neuen Hobbys, das er für sich entdeckt hat.

Und Wandi zeigt wieder einmal, dass er ein absoluter Ausnahmesportler ist – im Wasser, aber auch im Trockenen. Mitte September hatte Christof einen üblen Unfall, er ist beim Rennradfahren von einem Autofahre übersehen und vom Bike geholt worden. Die bittere Bilanz dieser Kollision: eine gebrochene Hand und alle Sehnen einer Schulter gerissen. In Rekordzeit ist der Lehrer aus Haiming in Oberbayern wieder fit geworden – und gewinnt bei den Zollhaus Open die Mammutstrecke über 1.000 Meter in der offenen Wertung in 14:21 Minuten.

Martin Tschepe Christof Wandratsch ist zurück im Eiswasser.

Wenn der Hotelmanager mitschwimmt

Die Stimmung der rund 100 Sportlerinnen und Sportler ist vor, während und im Anschluss an den Wettbewerb bestens. Alle sind happy. Manche machen zu Fuß einen Abstecher in das nur rund drei Kilometer entfernte Städtchen Moldava in Tschechien, anderer gehen rund um das Hotel „Altes Zollhaus“ Schneeschuh-Wandern. Die Zollhaus Open sind eine familiäre Veranstaltung – solche Meisterschaften stehen und fallen mit dem Engagement einiger weniger, die andere begeistern können. Im Fall der German Championships sind das Gerrit Curcio, seine Söhne Aron und Noah sowie deren Familien und Freunde. Den Curcios gehört das Hotel und der nur ein paar hundert Meter entfernte liegende kleine See. In diesen Tümpel habe die Hoteliers das 25-Meter-Wettkampfbecken mit vier Bahnen und Wellenbrecherleinen gebaut.

Gerrit Curcio, Jahrgang 1967, ist früher für den SV Cannstatt geschwommen. Und er schwimmt immer noch – im Eiswasser zwar nur die kurzen Strecken, die aber nach wie vor ziemlich flott. Der sportliche Hotelier gewinnt bei den Zollhaus Open über 50 Meter Freistil in seiner Altersklasse in 30,3 Sekunden und über 50 Meter Delfin in 36,2 Sekunden. Aron Curcio (AK16-29) schwimmt die 50 Meter Freistil nur einen Tick langsamer als sein Vater: Er benötigt für die Sprintstrecke 31,3 Sekunden und wird Zweiter in seiner Altersklasse. Die schnellste Zeit im Freistilsprint schafft Marco Gugliuzza, ebenfalls AK 16-29, er schlägt nach 28,3 Sekunden an. 50 Meter Freistil bei 3,5 Grad, ohne Startsprung und ohne Rollwende in gut 28 Sekunden! Der junge Italiener war erst einen Tag vor dem Eisschwimmen aus dem warmen Sizilien ins eiskalte Sachsen gereist. Der Temperaturschock hat den Südeuropäer ganz offenkundig nicht ausgebremst.

Martin Tschepe

Nach den Zollhaus Open ist vor den Zollhaus Open: Das Eisschwimmen soll nach Auskunft der Veranstalter auch im kommenden Jahr stattfinden. Geplant ist es am Samstag, 24. Februar 2024. Viele Eisschwimmer sind schon ganz heiß auf die nächsten Zollhaus Open – auch unser Autor, der über 1.000 Meter Freistil die drittschnellste Zeit bei den Männern schwamm und der zusammen mit Sarah Anne Richter sowie Kathrin und Stefan Runge über 4 x 50 Meter Freistil gewinnen konnte.

Martin Tschepe
Martin Tschepehttp://www.bahn9.de/
Martin Tschepe ist freier Autor, Swimguide, Freiwasser- und Eisschwimmer des SV Ludwigsburg.

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