Martins WM-Tagebuch: Sprint im Eiswasser

Eine Woche WM im Winterschwimmen in Oulu: Unser Autor schwimmt jeden Tag mit, berichtet aus dem Eiswasser – und vom Beckenrand.

Martin Tschepe Wenn nur 25 Meter geschwommen werden, bleibt mehr zum Erkunden: Winter Wonderland Oulu.

Ein Tag zum Ausruhen für mich: Ich muss nur eine einzige Bahn schwimmen. Und das als Langstreckler. Am Vormittag stehen für alle WM-Starter in Oulu nämlich die 25 Meter Freistil auf dem Programm. Über diese eine Distanz sind 67 Läufe angesetzt! Es geht zack, zack. Ein Lauf nach dem anderen wird gestartet. Viktor Bromer (Dänemark) schwimmt die schnellsten 25 Meter: in sagenhaften 12,34 Sekunden, das bei knapp unter null Grad Wassertemperatur und, wie immer beim Eis- und Winterschwimmen, ohne Startsprung. Christoph Karow (Deutschland) krault die 25 Meter in 12,58 Sekunden. Das bedeutet für den Mann, der in Kopenhagen lebt, Platz zwei overall.

Ich komme nicht wirklich in Schwung bei den 25 Metern Freistil, schlage nach 15,90 Sekunden an – und werde in meiner Altersklasse Fünfter. Kalt ist mir nach dieser einen Bahn nicht wirklich. Es gibt Sportlerkollegen, die sagen: Eisschwimmen fängt erst an bei 500 Metern, dann wird’s nämlich erst so richtig eiskalt. Zu den schnellsten Frauen an diesem Vormittag über die 25 Meter Freistil gehört Marie-Therese Bartl (14,64). Sie gewinnt ihre Altersklasse souverän. 

Gegen Mittag beende ich meinen Wettkampftag – und erkunde Oulu und Umgebung zu Fuß. Alles so schön weiß hier: Finnland ist komplett eingeschneit. Während in Deutschland der Frühling Einzug hält, herrscht in Nordeuropa noch tiefster Winter. In und um Oulu ist keine Straße geräumt. Kein Problem für die Auto- und die Fahrradfahrer und für die Fußgänger ganz offenkundig auch nicht. Man gewöhnt sich an fast alles: an dick verschneite Straßen und an eiskaltes Wasser. Alles Übung.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit werden im Wettkampfbecken über 50 Meter Brust zwei sogenannte Super-Finals geschwommen. Es starten die zehn schnellsten Frauen und die zehn schnellsten Männer. Unter den besten Brustschwimmerinnen sind vier deutsche Damen: Christina Gockeln, Mareike Förster, Franziska Partheymüller und Sonja Opitz. 

Martin Tschepe

Die Sonne hat sich den ganzen Tag über nicht gezeigt, es ist kälter als gestern. Bei diesen Bedingungen kündigt der Sprecher „spektakuläre Finals“ an. Auf der Wasseroberfläche treibt ein bisschen Eis. Pumpen halten das Wasser in Bewegung. Helfer ziehen unmittelbar vor den letzten zwei Starts dieses Tages mit großen Catchern Eis aus dem Becken. Dann hieß es: „Take off your clothes. Go into the Water.“ Das Finale der Frauen gewinnt Mareile Förster (SG Stadtwerke München) in 37,85 Sekunden vor Martta Ruuska (Finnland, 38,14) und Christina Gockeln (SG Mallersdorf-Pfaffenberg, 38,45). Franziska Partheymüller (WSV Bad Tölz, 38,80) und Sonja Opitz (ICElanders Föhr, 39,02) komplettieren das deutsche Top-Ergebnis mit den Plätzen vier und fünf. Unter den schnellsten Männern ist kein deutscher Schwimmer. Dieses Rennen macht Viktor Bromer aus Dänemark (32,09).

Martin Tschepe Team Germany

Nach den obligatorischen Siegerehrungen empfängt die Stadt Oulu am Abend ein paar der fast 2.000 Sportlerinnen und Sportler aus aller Welt. Im altehrwürdigen Rathaus heißt es, 2006 habe in Sachen Winterschwimmen hier in Oulu alles angefangen. Im Programm der europäischen Kulturhauptstadt Oulu 2026 sei die WM der IWSA „ein Schlüssel-Event“ und weiter: „Oulu ist cooler“.

SWIM+

Hochwertige Informationen, packende Unterhaltung und ganz viel Service – das ist SWIM+

Monatsabo

6,99 -
Jetzt mitmachen bei SWIM+
  • volle Flexibilität
  • € 6,99 pro Monat
  • monatlich kündbar
Martin Tschepehttp://www.bahn9.de/
Martin Tschepe ist freier Autor, Swimguide, Freiwasser- und Eisschwimmer des SV Ludwigsburg.

Feedback & Co.

Fehler gefunden oder Feedback zu diesem Artikel? Bitte teile uns hier mit, was du loswerden möchtest oder was wir verbessern können!
Feedback unter Artikel