Montag, 22. April 2024

„Ich habe mich noch nie so sehr über eine Norm gefreut“ | Maike Naomi Schwarz ist zurück mit neuer Lebensfreude

Schwierige Jahre liegen hinter Maike Naomi Schwarz. Im April 2021 sagte sie ihre Paralympics-Teilnahme in Tokio wegen einer Depression ab. Seitdem hat die sehbehinderte Schwimmerin einen steinigen Weg zurückgelegt.

Uli Gasper / DBS Mit der Norm für die Paralympics in Paris ist Maike Naomi Schwarz ihrem Ziel ein großes Stück näher gekommen.

Para-Schwimmerin Maike Naomi Schwarz hatte beim Berolina Cup in der Hauptstadt allen Grund zur Freude. Nach einer schwierigen Phase unterbot die 29-Jährige die 100-Meter-Freistil-Norm für die Paralympics in Paris um fast drei Zehntel. „Ich habe mich noch nie so sehr über eine Norm gefreut wie diesmal“, sagte die Potsdamerin dem Deutschen Behindertensportverband. „Ich habe richtig geweint und mir sind so viele Steine vom Herzen gepurzelt. Es steckt so viel Arbeit dahinter und so viel Zeit, die ich investiert habe, um wieder Leistungssport machen zu können.“

Die vergangenen Jahre waren alles andere als einfach für Schwarz. Eigentlich schon für die Paralympics in Tokio qualifiziert, musste sie im April 2021 ihre Teilnahme absagen. „Es fällt mir wahnsinnig schwer, das zu schreiben, aber ich habe mich entschieden, mich aus gesundheitlichen Gründen für eine Weile komplett zurückzuziehen“, schrieb sie damals auf Facebook. Und weiter: „Mein Leben war in den letzten Jahren von vielen großartigen Momenten und Begegnungen gekennzeichnet, auch von vielen Erfolgen, aber die sonnige, immer positive Maike zu sein, die auch nach Rückschlägen immer wieder lächelnd aufsteht, hat enorm viel Kraft gekostet. Mehr Kraft, als ich wohl hatte.“

Bei einem Wettkampf in Eindhoven erlebte sie trotz guter Leistungen im Schwimmbecken einen Nervenzusammenbruch im Hotelzimmer. „Ich konnte einfach nicht mehr, war völlig am Ende. Mir ging es richtig dreckig. Ich habe so lange versucht, mich jeden Tag aufzurappeln, allen Rückschlägen zu trotzen, doch es ging dann nicht mehr. Ich habe mich lange genug gequält, musste die Reißleine ziehen und hätte das rückblickend besser schon früher gemacht“, sagt sie.

Therapie statt Paralympics

Statt Tokio-Vorbereitung stand die Gesundheit im Vordergrund. Während Schwarz‘ Konkurrentinnen in Japan antraten, verbrachte Schwarz insgesamt 18 Wochen in einer Klinik. „Das war eine krasse Erfahrung, viereinhalb Monate sind echt eine lange Zeit. Es hat mir viel gebracht und es war sehr hilfreich, mit Menschen zusammen zu sein, die genau wussten, wie ich mich fühle, denen ich nicht alles erklären musste“, sagt sie. Die Spiele in Tokio waren dabei nicht nur geografisch weit entfernt. „Ich konnte nicht mehr länger kämpfen. Es wurde von Jahr zu Jahr schlimmer. Für viele kam die Nachricht zum Paralympics-Aus und meinen Depressionen aus dem Nichts, für meinen Mann und meine Familie war es irgendwann nur noch eine Frage der Zeit, bis ich an den Punkt komme, an dem ich mir selbst eingestehen muss, dass ich nicht mehr kann.“

Bereits seit 2018 befand sich Schwarz in therapeutischer Behandlung. Doch ein „Weiter so“ funktionierte nicht mehr, es brauchte einen Neustart. „Ich habe meinen Alltag nicht mehr hinbekommen, die einfachsten Dinge waren mir zu viel. Es hat sich einiges angestaut über die Jahre. Letztlich war es die Summe aus allem und ein paar Rückschläge zu viel“, sagt die heute 29-Jährige. Bewusst hat sie die Entscheidung getroffen, die Gründe für das Paralympics-Aus und ihre Krankheit öffentlich zu machen. „Es ist immer noch ein sensibles Thema und es braucht noch mehr Hilfe und Ansprechpersonen für Betroffene. Mit Depressionen haben ganz viele andere Menschen zu kämpfen, deswegen wollte ich erzählen, warum ich Tokio verpasst habe.“

„Die Krankheit hat mir das weggenommen, was ich so liebe“

Seitdem hat Maike Naomi Schwarz viel gemeistert. „Die Krankheit hat mir das weggenommen, was ich so liebe: den Sport und die Lebensfreude. Doch ich bin dabei, mir das Stück für Stück wiederzuholen“, sagt sie. Ein wichtiger Meilenstein dafür waren die Normen für die Europameisterschaften im April 2024 auf Madeira und für die Paralympics (28. August bis 8. September) in Paris. „Ich bin super froh, dass mir das so früh in der Saison gelungen ist. Das erleichtert mich sehr und gibt mir Sicherheit. Die EM wird ein guter Testlauf, vieles ist wieder Neuland für mich, doch ich spüre, dass sich Körper und Geist langsam wieder an die Wettkämpfe erinnern“, sagt Schwarz. „Natürlich ist der Druck im Leistungssport groß, aber das hat mir nicht das Genick gebrochen. Das war die Summe aus allem.“ Der Plan für die nächsten Monate: „Ich werde so hart arbeiten, wie ich kann, und dann lassen wir uns überraschen, ob ich bei den Spielen dabei bin und wozu es dann reicht. Wenn ich tatsächlich in Paris auf dem Startblock stehe, dann habe ich schon so unglaublich viel erreicht. Das wäre ein sensationelles Gefühl.“ Ehrgeizig sei sie dennoch. „Am liebsten will ich immer die Schnellste sein, wenn ich ins Wasser springe, das hat sich nicht geändert. Aber ich kann gut einordnen, dass ich viel auf dem Buckel habe und mir Trainingszeit fehlt. Ich sehe es als Ehrenrunde. Alles, was ich in diesem Jahr an positiven Dingen erleben darf, nehme ich dankbar mit.“ Ob der Plan so aufgeht, zeigt sich am 19. Juli, wenn das deutsche Team für die Paralympics offiziell nominiert wird.

Jule Radeck
Jule Radeck
Jule Radeck studierte Sportwissenschaften, bevor sie als Volontärin nach Hamburg zog. In ihrer Freizeit findet man sie oft im Schwimmbecken, manchmal auf dem Fahrrad und selten beim Laufen.

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