Samstag, 18. Mai 2024

Was die Armfrequenz beim Schwimmen verrät. Und was nicht.

Dass der Mensch ein Individuum ist und kein Mensch dem anderen gleicht ist eine Binsenweisheit. Im Sport lässt sich das besonders gut erkennen. Deshalb nehmen wir den Beitrag zu den Schwimmzügen pro Bahn der WM-Vorläufe über 1.500 Meter Freistil noch einmal unter die Lupe.

Viele Diskussionen wurden entfacht, als in der vergangenen Woche die Tabelle der Zugzahl (pro Bahn) einiger Vorlauf-Teilnehmer der Weltmeisterschaften von Kasan veröffentlich wurde. Schließlich reichten die Werte von 46 Zügen von dem Würzburger Ruwen Straub bis zu lediglich 27 Zügen pro Bahn bei Weltrekordler Sun Yang aus China. Die Frage, die unweigerlich gestellt wird, lautet: Lässt sich daraus eine Regel ableiten?

Gregorio Paltrinieri und Sun Yang - Vorlauf 1.500 m Freistil
Frank Wechsel / spomedis Die Spitzen Gregorio Paltrinieri (oben) und Sun Yang im WM-Vorlauf über 1.500 Meter Freistil.

Jeder Schwimmer ist anders

Die Antwort ist relativ schnell mit „Nein“ zu beantworten. Dass das Schwimmen eine sehr komplexe Sportart ist, erlebt jeder Sportler an jedem Tag seines Trainings. Kein Training ist exakt wie das andere. Allein das Eintauchen in ein anderes Medium erzwingt jedes Mal von Neuem die Fähigkeit, das Wasser optimal zu fühlen und zu greifen.

Sieht man sich die genannten Sportler etwas genauer an, um Ableitungen aus der Körpergröße zu ziehen, so kann man zwar feststellen, dass der kleinste Sportler die meisten Züge und der längste Sportler die wenigsten Züge benötigt. Auf dieser Grundlage eine Empfehlung auszusprechen oder gar eine Größen- und Zugzahlschablone über einen Sportler zu legen, wäre jedoch fatal.

Züge pro 50 Meter (WM-Vorlauf)

ZÜGENAMEZEITGRÖSS
27Sun Yang14:55,11 min198 cm
29Mykhailo Romanchuk14:57,82 min189 cm
32Connor Jaeger14:53,34 min185 cm
33Stephen Milne14:55,17 min183 cm
35Michael McBroom14:57,07 min188 cm
36Ryan Cochrane14:55,96 min193 cm
37Pal Joensen14:58,52 min180 cm
40Gregorio Paltrinieri14:51,04 min191 cm
41Sören Meißner15:30,02 min191 cm
46Ruwen Straub15:04,80 min178 cm

Viel zu individuell sind die Körpermaße der Athleten, die in wesentlichen Punkten die Leistung beeinflussen. Diese und viele weitere Faktoren sind von außen kaum mit dem bloßen Auge erkennbar. Sieht man sich die Biomechanik der Sportart Schwimmen an, so sind besonders die Hebel und ihr optimaler Einsatz entscheidend für einen guten Vortrieb.

Wäre Dirk Nowitzki ein guter Schwimmer?

Bedenkt man die enormen Widerstände, die das Wasser gegen die eigentliche Schwimmrichtung stellt, so wird die Frontalfläche eines Schwimmers zu einem weiteren wesentlichen Einflussfaktor.

Darüber hinaus sind eine Vielzahl von individuellen Parametern für die Schwimmleistung verantwortlich. Zu nennen sind beispielsweise und ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  • Hebel-Verhältnisse
  • Gewicht
  • Spannweite
  • Relationen von Ober- und Unterkörperlänge
  • Kraft
  • Muskelfaserverteilung
  • Ausdauer & VO2max
  • Größe der Antriebsflächen (Hände, Füße)
  • Separierte Vortriebsleistung der Arm- und Beinarbeit

Diesen messbaren Eigenschaften eines Sportlers stehen zudem noch viele Fähigkeiten gegenüber, die für die Qualität der Sensomotorik (z.B. des Wassergefühls) verantwortlich zu machen sind und schlussendlich auch darüber entscheiden, inwieweit man die objektiven körperlichen Parameter überhaupt gewinnbringend einsetzen kann. Oder einfach gesagt: Dirk Nowitzki wird trotz seiner 213 Zentimeter nicht zwangsläufig ein guter Schwimmer sein.

0,81 Sekunden pro Zug

Die Auflistung lässt demzufolge keinerlei Empfehlungen zu, sondern dient lediglich dazu, einen Überblick zu bekommen und eine gewisse Normalverteilung zu erkennen. Der „Normwert“, und damit ein Wert mit dem man eine gewisse Pauschalität auf diesem Leistungsniveau aussprechen darf, liegt der Tabelle zufolge bei ungefähr 35 Zügen pro Bahn.

Doch Vorsicht bei der Übertragung der Ergebnisse auf andere Leistungsbereiche: Es ist natürlich ein Unterschied, ob ein Weltklassesportler wie Ryan Cochrane für seine 36 Züge im Schnitt weniger als 30 Sekunden benötigt, jedoch ein passabler Hobbyschwimmer für dieselbe Zugzahl 45 Sekunden veranschlagen muss. Berechnet man zum Vergleich die Zeit, die die diese beiden Sportler pro Zug benötigen (Gleitphase nach Wende nicht einberechnet), so sieht man bei Cochrane (0,81 Sekunden pro Zug) und beim Hobbyschwimmer (1,25 Sekunden pro Zug) hoch signifikante Unterschiede.

Zugzahl ist also nicht gleich Zugzahl! Das Individuum Mensch folgerichtig wird besonders dann, wenn es sich ins Wasser bewegt, um viele Facetten reicher!

Holger Lüning
Holger Lüninghttps://holgerluening.de/
Holger Lüning ist Sportwissenschaftler und Schwimmtrainer mit rund 30 Jahren Erfahrung im Hochleistungssport. Er schwamm er in der Bundesligamannschaft des EOSC Offenbach und gewann im Masterbereich zahlreiche Meistertitel.

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