Fast ein Start-Ziel-Sieg
Überragender Wellbrock holt Gold im Freiwasser von Tokio

Florian Wellbrock hat es geschafft: Der Magdeburger holte in Tokio das erste Freiwasser-Gold für die deutschen Schwimmer und das erste Schwimmergold für einen deutschen Mann überhaupt seit 33 Jahren.

Frank Wechsel Florian Wellbrock wird unter der Rainbow Bridge von Tokio als erster deutscher Freiwasser-Olympiasieger gekrönt.

Florian Wellbrock zählte beim Freiwasserrennen der Olympischen Spiele von Tokio 2020 zum engsten Favoritenkreis, keine Frage. Doch die überragende Manier, mit der sich Magdeburger sich die Goldmedaille im Odaiba Marine Park sicherte, macht ihn zu einem der ganz großen Dominatoren dieser Spiele. Wellbrock bestimmte das 10-Kilometer-Rennen vom ersten Meter an, spielte mit der Konkurrenz und feierte fast einen Start-Ziel-Sieg, wie er in einem Weltklasse-Freiwasserrennen nur selten vorkommt.

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Wellbrock und Muffels führen auf dem ersten Kilometer

Schon auf den ersten Metern nach dem Start um 6:30 Uhr Ortszeit setzte sich Wellbrock im schon fast 30 Grad warmen Wasser an die Spitze. Niemand wollte oder konnte dem hohen Angangstempo des in Bremen geborenen Deutschen folgen. Auch Rob Muffels als zweiter Starter des Deutschen Schwimmverbands präsentierte sich selbstbewusst und platzierte sich in der ersten großen Gruppe, führte diese sogar stellenweise an.

Frank Wechsel Demonstration von Ruhe und Übersicht: Florian Wellbrock auf der ersten Runde am frühen Donnerstagmorgen in Tokio.

Nur OIivier versucht mitzugehen

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Bei der ersten Zwischenzeit nach einer halben von sieben Runden hatte Wellbrock bereits einen Vorsprung von über zehn Sekunden auf Muffels herausgeschwommen, doch das Feld reagierte, vor allem durch die Arbeit des Franzosen Marc-Antoine Olivier, der die Lücke auf fünf Sekunden verkürzen konnte. Andere hielten sich noch zurück, wie der Ungar Kristof Rasovzsky, der später sagte, dass es ihm zwar gelungen sei, in der ersten Phase des Rennens Energie zu sparen – “nicht genug allerdings, um gegen Wellbrock auch nur den Hauch einer Chance zu haben.”

Frank Wechsel / spomedis Einsam unter der Brücke: Florian Wellbrock dreht mit 30 Zügen pro Minute seine Runden.

Die Ruhe vor dem ruhigen Sturm

Wellbrock konnte man unterdessen sein Tempo kaum ansehen. Der Deutsche strahlte mit seinen konstant 30 Zügen pro Minute die Ruhe aus, die er auch außerhalb des Wassers stets behält. Nach viereinhalb Kilometern schien es Wellbrock langweilig zu werden, er musste Olivier förmlich bitten, auch einmal die Führung zu übernehmen. Es war der erste von nur zwei Führungswechseln in diesem Olympiarennen, denn wenige Meter später hatte der Deutsche die Form des Franzosen ausgetestet und machte sich selbst wieder an die Arbeit – durch seine Trainer wissend, dass von hinten Gefahr lauerte. Und zwar in Form des Italieners Gregoria Paltrinieri, der immer weiter zu Wellbrock aufschloss. “Das war die einzige Phase im Rennen, die mir etwas Sorgen machte”, sagte Wellbrock später. Doch nicht etwa wegen Paltrinieri: “Ich befürchtete vielmehr, dass der Italiener andere starke Schwimmer wie den Niederländer Ferry Weertman mit nach vorn schwimmt.” Weertman hatte 2016 vor der Copacabana von Rio de Janeiro Gold geholt.

Frank Wechsel / spomedis Lagebesprechung in Rückenlage: Schwimmer Florian Wellbrock, Coach Bernd Berkhahn.

Doch nun sollte sich zeigen, dass die Taktik des Deutschen aufgegangen war: Die Verfolger hatten für ihre Aufholjagd viel zu viel Energie aufgebracht, um am Ende eine Tempoverschärfung mitgehen zu können. Wellbrock hingegen legte noch einmal zu, erhöhte seine Zugfrequenz in der vorletzten Runde auf 32, dann 33 Schläge pro Minute – und setzte im Endspurt den finalen Punch. Nach 1:48:33 Stunden konnte sich Florian Wellbrock zwei Wochen vor seinem 24. Geburtstag als erster deutscher Freiwasser-Olympiasieger feiern lassen und als erster Mann, der seit Michael Groß über 200 Meter Schmetterling (BRD) und Uwe Daßler über 400 Meter Freistil (DDR) in Seoul 1988 Gold für Deutschland im Schwimmen holte. Im langen Endspurt um Silber und Bronze konnte sich 25 Sekunden nach Wellbrock der Unger Kristof Rasovszky vor dem Italiener Gabriele Paltrinieri durchsetzen.

Hinter dem Israeli Maran Roditi und dem Griechen Athanasios Kynigakis schlug der Franzose Marc-Antoine Olivier als Sechster an, einen Platz vor Titelverteidiger Ferry Weertman aus den Niederlanden. Rob Muffels musste am Ende seiner Anfangsarbeit Tribut zollen und konnte sich im Endspurt des Hauptfeldes viereinhalb Minuten nach seinem Teamkollegen Wellbrock als Elfter behaupten.

Frank Wechsel Rob Muffels wird in Tokio Elfter.

Wellbrock und Paltrinieri wie einst Mellouli

Wellbrock und Paltrinieri hatten bereits in der vergangenen Woche im Tokio Aquatics Centre Edelmetall gewonnen: Der Deutsche wurde Dritter über 1.500 Meter, der Italiener Zweiter über 800 Meter Freistil. Medaillen im Pool und Freiwasser innerhalb der gleichen Olympischen Spiele – das war bisher nur dem Tunesier Oussama Mellouli gelungen, dem 2012 in London das exakt gleiche Medaillenset gelang wie nun Wellbrock. Mellouli wurde in Tokio 20.

Frank Wechsel Olympiasieger Florian Wellbrock

Olympia 2020: Marathon Swimming | Männer

5. August 2021 | Odaiba Marine Park, Tokio (Japan)
PlatzNameLandZeit
1Florian WellbrockGER1:48:33,7
2Kristof RasovskyHUN1:48:59,0
3Gregorio PaltrinieriITA1:49:01,1
4Matan RoditiISR1:49:24,9
5Athanasios KynigakisGRE1:49:29,2
6Marc-Antoine OlivierFRA1:50:23,0
7Ferry WeertmanNED1:51:30,8
8Michael McGlynnRSA1:51:32,7
9Hau-Li FanCAN1:51:37,0
10Jordan WilimovskyUSA1:51:40,2
11Rob MuffelsGER1:53:03,3
12Kai EdwardsAUS1:53:04,0
13Taishin MinamideJPN1:53:07,5
14Mario SanzulloITA1:53:08,6
15David FarinangoECU1:53:09,8
16Phillip SeidlerNAM1:53:14,1
17Daniel DelgadilloMEX1:53:14,4
18Alberto MartinezESP1:53:16,4
19Kirill AbrosimovROC1:54:29,3
20Oussama MellouliTUN1:56:33,3
21Vitaliy KhudyakovKAZ1:57:53,7
22William Yan ThorleyHKG1:58:33,4
23Tiago CamposPOR1:59:42,0
24Matej KozubekCZE2:01:52,1
DNFHector Thomas Cheal PardonGBR
DNFDavid AubryFRA
Frank Wechsel / spomedis Das Podium im “Marathon Swimming” der Olympischen Spiele von Tokio 2020: Kristof Rasovszky, Florian Wellbrock und Gregorio Paltrinieri.

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