SeenSucht in London
Schwimmen politisch unkorrekt

Seensucht ist ein Langzeitprojekt unsers Autors. Er hat während eines Sabbathalbjahres die zehn größten Seen in Deutschland gequert. In loser Folge die nächsten. See Nummer 27: Highgate Men’s Bathing Pond, London.

Martin Tschepe Grünes Fleckchen mitten in London.

Eigentlich will ich an diesem schon am Morgen glühend heißen London-Tag im Parlament Hill Lido schwimmen. Zu spät dran. Ich hätte mich online anmelden müssen. Mist. Ein britischer Schwimmer kommt eben aus dem Freibad – und erzählt mir auf Nachfrage sinngemäß: kein Problem, lauf ein paar hundert Meter weiter zu den Ponds. Zu den was? Die Ponds sind eigens für Schwimmen angelegte – wie soll man sagen? – Becken? Teiche? Seen? Egal.

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Nach ein paar Minuten stehe ich vor dem Eingang zum Highgate Men’s Bathing Pond im Nordosten der britischen Metropole. Eine Anmeldung ist erst nach 12 Uhr nötig. Wie cool. Und wie erfrischend. 23 Grad hat das Wasser. Die Luft hat bestimmt schon gut 30. Ich habe noch etwa eine Stunde Zeit, einmal Schwimmen kostet 4,25 Pfund, etwa fünf Euro. Das Jahresticket ist für stolze 239 Pfund zu haben. 

Open Water in London

Also dann: raus aus den verschwitzten Klamotten, rein in die Jammers und dann schnell in den Pond. Aber wohin mit den Wertsachen? Der Rettungsschwimmer winkt ab und sagt sinngemäß, hier sei noch nie etwas weggekommen. Mitten in London! Okay. Gut. Das Wasser schmeckt. An diesem Vormittag unter der Woche ist nicht viel los in dem Bad. Schnell schwimmen? Kein Problem. Delfin schwimmen auch kein Problem. Das Kraulen in London macht Spaß. Nach erfrischenden zwei Kilometern immer im Kreis schwimmen ist noch alles da, nix gestohlen. Wie schön. Vertrauen ist eben doch besser als Kontrolle. 

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Martin Tschepe Foto von 1919: Schwimmen in den Ponds hat eine lange Tradition.

Nach der kleinen Trainingseinheit erzählt mir ein Mann, geschätzt Mitte sechzig, dass er seit Jahrzehnten zum Schwimmen ins Men’s Pond komme. Sommers, winters, immer. Bis in die 1970er gab es am Ufer einen Sprungturm, der sei aber wohl wegen Bedenken aufgrund der Wassertiefe abgebaut worden. Schon immer werde in den Ponds auch bei niedrigen Temperaturen geschwommen, selbst im Dezember und im Januar. Hier treffen sich auch ein paar Immerschwimmer, die das Kraulen in den Ponds für sich als eine Art Eigentherapie entdeckt haben. Man teilt die schönen und die schlimmen Episoden des Lebens. Steigt gemeinsam ins Wasser und plaudert nach dem Schwimmen ein bisschen. Über Gott und die Welt. Über Krankheiten und Urlaube, über die Scheidung und die Geburt der Enkel. Über was auch immer. 

Aber warum sind die Ponds nach Geschlechtern getrennt? Das, sagt der Senior-Stammgast, sei schon immer so gewesen seit der Eröffnung im 19. Jahrhundert – und das habe sich bestens bewährt. Denn Mann könne sich im Men’s Pond auch mal komplett politisch unkorrekt äußern, erklärt er mit einem breitem Grinsen im Gesicht. Und wer weiß: womöglich sind die Damen im benachbarten Becken ja ganz ähnlich drauf. Überprüfen kann ich das freilich nicht.


Trailer zum Film “The Ponds” (2019)

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