Normalerweise startet die Ärmelkanal-Saison im Mai oder Juni oder geht bei entsprechenden Bedingungen bis Oktober. Inzwischen schwimmen die Extremsportler auch schon im Januar durch das eisige Wasser.
Im Winter durch den eiskalten Ärmelkanal? Für diese Schwimmerinnen und Schwimmer offenbar kein Hindernis. Makala Jones (Großbritannien), Frédéric Taillandier (Frankreich), Kevin Audouy (Luxemburg) und Arleen Gonzalez (Mexiko) bewältigten am 18. und 19. Januar die rund 34 Kilometer lange Strecke von England nach Frankreich als internationale Staffel. Das Quartett startete am Sonntagmorgen um 7:22 Uhr am Shakespeare Beach in Dover und erreichte 16 Stunden und 27 Minuten später, mitten in der Nacht, die Küste bei Wissant westlich von Calais. Die Wassertemperaturen lagen während der gesamten Querung zwischen 7 und 9 Grad Celsius.
„Es war brutal“, sagte die mehrfache Kanalschwimmerin Makala Jones nach der Ankunft. „Normalerweise bin ich bei Staffelquerungen auf dem Boot sehr aktiv, beobachte alles und bin ständig in Bewegung. Dieses Mal war es dafür einfach zu kalt.“ Vor allem die niedrigen Wassertemperaturen stellten eine enorme Belastung dar. „Sieben Grad Wasser sind für den Körper ein Schock. Ich glaube, ich war noch nie so nervös, so lange in diesem Wasser zu schwimmen – und das immer wieder. Das war wirklich hart.“
Wechsel alle 60 Minuten
Wie beim Ärmelkanal üblich, trugen die vier Athletinnen und Athleten, die unter dem Projektnamen „Swim for the Planet“ antraten, ausschließlich normale Badebekleidung und keine Neoprenanzüge. Die Wechsel erfolgten im Stundenrhythmus, sodass auf jeden Schwimmeinsatz etwa drei Stunden Erholung an Bord des Begleitbootes folgten. Um den besonderen Anforderungen des Winterschwimmens gerecht zu werden, hatte jede Person einen persönlichen Betreuer an Bord, der unter anderem für die Nahrungsaufnahme und das Reichen warmer Getränke zuständig war.
Allerdings erwies sich selbst das als schwierig. „Unter diesen Bedingungen überhaupt etwas herunterzubekommen, war extrem schwer“, berichtete Jones. „Es war physisch und psychisch eine große Herausforderung. Wir sind alle seekrank geworden, und mir ging es zwischenzeitlich nicht gut.“ Dennoch überwog für sie auch die Faszination: „Sobald ich im Wasser war, fühlte es sich fantastisch an. Ich war sehr glücklich, beim Sonnenauf- und Sonnenuntergang schwimmen zu dürfen.“
Schwimmen für die Forschung
Ziel der historischen Winterquerung war nicht allein die sportliche Leistung. Die Aktion sollte zugleich auf den Schutz der Ozeane aufmerksam machen und wissenschaftliche Forschung unterstützen. Dafür trugen die Schwimmerinnen und Schwimmer spezielle Sensoren in Form kleiner Mikro-Gelkapseln, die ihre Körperkerntemperatur alle 30 Sekunden erfassten. Die gewonnenen Daten dienen der Erforschung der menschlichen Physiologie unter extremer Kältebelastung und wurden in Zusammenarbeit mit der Universität Caen Normandie ausgewertet.
Bereits im Januar 2023 hatte erstmals eine Staffel den Ärmelkanal im Winter durchquert. Damals benötigte ein Team aus fünf männlichen Schwimmern aus Irland, Frankreich und England für die Strecke 14 Stunden und 45 Minuten.