Julia Mrozinski über Ängste und Druck | „Ich musste lernen, dass eine Zeit nichts über meinen Charakter sagt“

Julia Mrozinski fährt zu den Olympischen Spielen! Bis dahin war es ein steiniger Weg für die 24-Jährige, auf dem sie sich erst selbst finden musste.

Frank Wechsel / spomedis Julia Mrozinski schwimmt diesen Sommer in Paris.

Endlich geschafft! Die Erleichterung über die geglückte Olympia-Qualifikation war Julia Mrozinski anzusehen. „Ich spüre sehr viel Freude und bin sprachlos“, war das Erste, was sie nach ihren 1:57,22 Minuten im DM-Finale über 200 Meter Freistil zusammenbrachte. Dann brauchte sie einen kurzen Moment, um sich zu sammeln und wieder zu strahlen. Das Auf und Ab der letzten Jahre hat Spuren hinterlassen. Dass Mrozinskis Weg doch noch zu Olympia führen würde, als Einzel- und Staffelschwimmerin, damit hatte längst nicht mehr jeder gerechnet.

„Egal, was passiert, es ist okay.“

Obwohl erst 24 Jahre alt, ist Julia Mrozinski gefühlt schon lange dabei. Mit 15 Jahren, das war 2015, schwamm die Schmetterlings- und Freistilspezialistin bei den Jugendeuropameisterschaften in Baku zur Goldmedaille über 200 Meter Schmetterling. In 2:11,19 Minuten unterbot sie damals einen 30 Jahren alten DDR-Rekord, der Weg an die nationale Spitze und zu den Olympischen Spielen schien vorgezeichnet. Doch dann kamen die Tiefs. Die Spiele 2016 in Rio kamen zu früh und fünf Jahre später scheiterte sie knapp an der Qualifikation für Tokio. In der sehenswerten ARD-Doku „Die entscheidenden 1,27 Sekunden“ schildert Mrozinski offen und ehrlich, was es bedeutet, als Leistungssportlerin alles zu investieren und trotzdem zu scheitern.

Danach ist viel passiert. Mrozinski ging von Hamburg wieder in die USA, was sie heute als entscheidenden Karriereschritt ansieht. „Amerika war das Beste, was ich machen konnte. Dort habe gelernt, welchen Wert ich als Mensch habe und dass man mich liebt, egal was passiert.“ Diese Erfahrung hat bei der Sportlerin einen Schalter umgelegt. Um ihre Ängste loszuwerden, hätten ihr auch viele Gespräche mit den Coaches in Tennessee geholfen, sagt sie. „Ich habe eine gewisse Lockerheit bekommen und mache mir nicht mehr diesen Druck. Heute sage ich mir: Egal, was passiert, es ist okay.“

Frank Wechsel / spomedis Isabel Gose (vorn) ist deutsche Meisterin, Julia Mrozinski (hinten) jubelt über ihre Zeit.

„Ich musste lernen, dass ich Julia bin“

Mit dieser Egal-Mentailät hängte sich Mrozinski in Berlin über 200 Meter Freistil an die neben ihr schwimmende Isabel Gose. Nahezu Kopf an Kopf absolvierten sie die ersten 150 Meter und Mrozinski ließ auch nicht nach, als die befreundete Magdeburgerin auf der letzten Bahn das Tempo anzog und in 1:56,66 Minuten zur persönlichen Bestzeit schwamm. Die Konstellation habe ihr sehr geholfen, sagte Mrozinski. „Ich dachte, wenn ich jetzt nicht versuche, mitzugehen, werde ich es vielleicht nie machen. Isabel hat mich vor dem Start in den Arm genommen und gesagt, wir schaffen das zusammen. Das hat mir den letzten Kick gegeben.“

In Berlin erklärte Mrozinski, als Athlet oder Athletin definiere man sich viel zu oft über die Leistung. „Man denkt, man sei eine bestimmte Zeit oder eine Punktzahl. Ich musste erst lernen, dass ich Julia bin und eine Zeit nichts über meinen Charakter aussagt.“

Peter Jacob
Peter Jacob
Mit sechs hieß es für den kleinen Peter schwimmen lernen - falls er mal ins Wasser fällt. Inzwischen ist er groß und schwimmt immer noch jede Woche. Mal mehr, mal weniger, meistens drinnen und manchmal draußen. Und immer mit viel Spaß und Leidenschaft.