19 Jahre alt, Europarekordhalter und erstaunlich bodenständig: Johannes Liebmann gilt nach seinem Rekord als kommende Größe im deutschen Schwimmen.
Johannes Liebmann ist in diesen Tagen in aller Munde. Mit seinem Europarekord über 800 Meter Freistil hat sich der 19-Jährige schlagartig in die Weltspitze katapultiert. Nicht wenige sehen in ihm bereits Deutschlands nächste große Schwimm-Hoffnung. Doch wer ist dieser junge Athlet, der scheinbar mühelos den Sprung aus dem Juniorenbereich geschafft hat? Liebmann wirkt am Becken ruhig, fast zurückhaltend – ein Eindruck, der sich auch in seinen Aussagen bestätigt.
Für Fachleute kommt Liebmanns Durchbruch natürlich nicht aus dem Nichts. Bereits im Nachwuchs sammelte er internationale Medaillen und stellte Rekorde auf. Vor zwei Jahren holte er bei den Junioren-Europameisterschaften vier Medaillen, letztes Jahr waren es zwei bei der U23-EM. Einen entscheidenden Entwicklungsschub brachte der Wechsel nach Magdeburg in die Trainingsgruppe von Bernd Berkhahn. Dort trainiert Liebmann tagtäglich mit Topstars wie Lukas Märtens, Florian Wellbrock und Oliver Klemet – ein Umfeld, das ihn täglich fordert.
Kraultechnik wie Wellbrock
„Die ersten Monate waren hart, weil alle anderen noch zu schnell waren für mich. Aber ich habe immer versucht, dranzubleiben“, sagt er. Inzwischen habe er sich herangearbeitet: „In den letzten Wochen waren wir dann auf dem gleichen Level.“ Sieht man Liebmann mit seinen langen Zügen und ausgeprägten Gleitphasen schwimmen, könnte man meinen, er habe sich den Stil beim eleganten Wellbrock abgeschaut. In Stockholm zeigte der direkte Vergleich zu Trainingskollege Klemet die Unterschiede: Klemet ist deutlich kompakter und krault mit höherer Frequenz, während Liebmann stärker über Effizienz kommt.
Liebmann stammt aus Elmshorn in Schleswig-Holstein. In der kleinen Stadt nördlich von Hamburg hat der Name Berkhahn bis heute einen guten Klang. Der spätere Erfolgscoach und Bundestrainer startete hier einst seine Laufbahn, bevor er 2012 nach Magdeburg wechselte. In der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt macht Liebmann dieses Jahr Abitur. Die entscheidenden Prüfungen stehen in den nächsten Wochen an.
Was folgt auf den Europarekord?
In seinen Aussagen gibt sich Johannes Liebmann bodenständig. Eine Bestzeit habe er nach den guten Leistungen im Höhentrainingslager schon erwartet, sagte er. „Dass es so schnell wird, habe ich nicht erwartet.“ Das Video vom 800-Meter-Rennen in Stockholm zeigt aber, dass der junge Mann auch anders kann. Als er durch den Hallensprecher vom neuen Rekord erfährt, quittiert er das mit einem leichten Kopfschütteln, dann kommt die Faust. Schließlich klettert Liebmann aus dem Becken, streckt die Arme nach oben und fordert das Publikum zu noch mehr Ovationen auf. Mehr als ein paar Sekunden dauert die ganze Szene allerdings nicht.
Seine Zeit von 7:37,94 Minuten macht Liebmann jetzt zum sechstschnellsten Schwimmer der Geschichte über 800 Meter Freistil. Um 13 Sekunden hat er sich in einem Jahr verbessert, und das auf diesem Niveau. In Fan-Kreisen wird bereits diskutiert, ob er es vielleicht ist, der den Weltrekord von Zhang Lin endlich attackieren kann.
Die Marke von 7:32,12 Minuten aus dem Jahr 2009 gilt als eine der größten Herausforderungen im Schwimmsport. Stars wie Gregorio Paltrinieri, Daniel Wiffen, Bobby Finke, Sun Yang, Lukas Märtens und Florian Wellbrock bissen sich an ihr die Zähne aus. Doch nichts scheint momentan unmöglich. Oder wie jemand in einem US-Forum kommentiert: Er hat sich in einem einzigen Rennen um 13 Sekunden verbessert. Sicher kann er sich in den nächsten fünf Jahren um weitere fünf Sekunden steigern.
Noch steht Liebmann ganz am Anfang seiner Karriere. Doch die Kombination aus Talent, Trainingsumfeld und mentaler Ruhe deutet darauf hin, dass sein Weg in die Weltspitze gerade erst begonnen hat.