Eine Schwimm-EM in Russland rückt offenbar wieder näher. Nach einem Besuch von European-Aquatics-Präsident António Silva in Kazan wird eine Austragung der kontinentalen Titelkämpfe 2030 ins Gespräch gebracht. Von einer Vergabe kann allerdings noch keine Rede sein.
Trotz des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine traf Antonio Silva im Oktober unter anderem Dmitry Mazepin, Präsident des russischen Schwimmverbands, den russischen Sportminister und NOK-Präsidenten Mikhail Degtyarev sowie Vertreter der Republik Tatarstan. Laut European Aquatics ging es dabei auch um eine mögliche Austragung der Europameisterschaften in Kazan. Früheren Berichten zufolge war die Stadt für die EM 2028 vorgesehen. Nun soll das Projekt auf einen späteren Zeitpunkt, möglicherweise 2030, verschoben werden. Silva betonte nach den Gesprächen die Bedeutung eines konstruktiven Dialogs.
Wie konkret die Pläne sind, bleibt offen. Tatarstans Sportminister Vladimir Leonov erklärte nach dem Treffen, man habe über die Durchführung von Wettbewerben gesprochen, konkrete Entscheidungen gebe es aber noch nicht. Auch European Aquatics spricht bislang lediglich von Gesprächen und Möglichkeiten. Eine offizielle Vergabe oder verbindliche Zusage liegt nicht vor. Bereits im Februar 2024 hatte der damalige russische Schwimmverbandspräsident Vladimir Salnikov erklärt, European Aquatics habe Kazan die EM 2028 angeboten.
Russische Schwimmer wieder voll dabei
Die Gespräche fallen in eine Phase der schrittweisen sportpolitischen Wiederannäherung. Russische Schwimmer dürfen seit 2023 bei Weltverbandswettkämpfen unter strengen Auflagen als neutrale Einzelathleten starten. Im April 2025 folgte die Rückkehr russischer Nachwuchsathleten zu europäischen Wettbewerben. Seit dem 13. April 2026 erlaubt World Aquatics auch erwachsenen Athleten wieder Starts unter eigener Flagge, mit Nationalfarben und Hymne. European Aquatics setzte diese Regelung zunächst aus und ließ sie zum 1. September 2026 wirksam werden. Zuletzt schwamm Russland beim Kurzbahn-Weltcup wie selbstverständlich mit. Drei oder mehr russische Schwimmerinnen und Schwimmer waren in den Finals keine Seltenheit.
Auch in anderen Sportarten öffnet sich Russland wieder die Tür. Die Internationale Gewichtheber-Föderation vergab am 25. Oktober die Weltmeisterschaften 2030 nach Moskau. Es ist die erste Vergabe einer Weltmeisterschaft in einer olympischen Sportart an Russland seit Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine.
Für Kazan wäre eine EM-Rückkehr besonders symbolträchtig: Die Stadt hatte 2015 die Weltmeisterschaften für Profis und Masters ausgetragen und war eigentlich für die WM 2025 vorgesehen. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine wurde ihr die Veranstaltung jedoch entzogen und nach Singapur verlegt. Dass nun erneut über internationale Titelkämpfe in Russland gesprochen wird, ist deshalb mehr als eine sportliche Standortfrage. Es ist auch ein deutliches Signal für die fortschreitende Normalisierung der Beziehungen zwischen dem internationalen Sport und Russland.