Mittwoch, 24. April 2024

Kommentar zur Zahl der Badetoten | Die Hysterie ist unangebracht

DLRG Ein Rettungsschwimmer im Einsatz.

Vier Sätze brauchte die DLRG in ihrer Pressemitteilung zu den Badetoten 2022, um zur wichtigsten Aussage des gesamten Textes zu kommen. Vier lange Sätze, die sich lesen, als ginge es mit dem Schwimmen und mit den Schwimmfähigkeiten der Deutschen schon wieder rapide bergab. Seit vier Jahren habe es 2022 erstmals wieder einen Anstieg an tödlichen Unfällen gegeben, ist dort zu lesen. Um 19 Prozent sei die Zahl der Opfer gegenüber 2021 gestiegen. Es klingt dramatisch.

Inhaltlich sind die Berechnungen korrekt. Das Entscheidende aber folgt erst danach: „Gegenüber dem Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre sind es 16 Prozent weniger Opfer.“ Genau genommen ist die Zahl von 355 Opfern im Jahr 2022, die die DLRG gestern vermeldete, sogar der zweitgeringste Wert seit Beginn der Aufzeichnung. Nur 2021 hatte es mit 299 Ertrunkenen weniger Tote gegeben.

Eine Frage der Glaubwürdigkeit

Doch davon liest man bei der DLRG nichts. Bis auf den einen zitierten Satz gibt es keine rückblickende Einordnung. Stattdessen wird auch in der auf Youtube zu sehenden Pressekonferenz der Eindruck erweckt, die nun einmalig gestiegene Zahl an Todesfällen hänge mit sinkenden Schwimmfähigkeiten, dem Bädersterben sowie Corona zusammen. Von der Presse werden diese Aussagen bereitwillig aufgenommen. „Zahl der Badetoten stark gestiegen“ titelte spiegel.de gestern und ähnlich bei der Tagesschau: „Zahl der Badetoten steigt wieder“. Ob es tatsächlich Gründe für die Entwicklung seit 2021 gibt oder ob es sich um eine natürliche Schwankung handelt? Offenbar macht man sich nicht die Mühe, die Zahlen kritisch zu hinterfragen.

Nochmal: Die Zahl von 355, die die DLRG veröffentlicht hat, ist die zweitbeste seit 1998! Es waren auch schon mal über 600 Ertrunkene in einem Jahr. Man könnte also auch behaupten, die Deutschen können 2021/2022 so gut schwimmen wie nie zuvor. Jedenfalls dann, wenn man die Zahl der Badetoten ernsthaft mit den Schwimmfähigkeiten in Korrelation bringen möchte, was man vielleicht besser bleiben lassen sollte.

„Traue keiner Statistik …“

Leider bedient sich die DLRG in diesem Fall einfacher Taschenspielertricks, indem die aktuelle Zahl lediglich mit dem Jahr zuvor, aber so gut wie gar nicht im Gesamtzusammenhang betrachtet wird. Auf diese Weise werden Emotionen geschürt, die das eigentlich wichtige Anliegen der DLRG, die Schwimmausbildung in allen Bereichen zu verbessern, unterstützen sollen. Leider geschieht dies auf Kosten der Glaubwürdigkeit.

Jedes Ertrinkungsopfer ist eins zu viel, darin sind sich alle einig, und man möchte sich gar nicht ausmalen, wie viele Opfer es ohne die rotgelben Rettungsschwimmer geben würde. Die DLRG leistet an vielen Badestellen und in der Schwimmausbildung hervorragende und unverzichtbare Arbeit. Doch wer mit falschen Mitteln für die gute Sache kämpft, spielt mit seinem guten Ruf.

Peter Jacob
Peter Jacob
Mit sechs hieß es für den kleinen Peter schwimmen lernen - falls er mal ins Wasser fällt. Inzwischen ist er groß und schwimmt immer noch jede Woche. Mal mehr, mal weniger, meistens drinnen und manchmal draußen. Und immer mit viel Spaß und Leidenschaft.

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5 Kommentare

  1. Macht man es sich nicht zu einfach, wenn man die Anzahl der Ertrunkenen lediglich mit der Schwimmfähigkeit gleich setzt? Meiner Meinung nach spielen noch ganz andere Faktoren eine Rolle. Bei Kindern von unter 5 Jahren, die in einem Gartenteich oder Pool ertrunken sind, kann wohl kaum von Schwimmfähigkeit gesprochen werden. Große Hitzewellen verleiten z.B. mehr Leute zum Baden, auch an gefährlichen Gewässern. Die nächste Frage, die sich mir stellt, ist, ob es Wetterlagen gab, die besonders gefährliche Strömungen oder ähnliches bedingt haben. Gab es in Schwimmbädern weniger Personal? Konnten die betroffenen Personen schwimmen? Selbst ein guter Schwimmer kann ertrinken, wenn er z.B. Herz-Kreislauf-Probleme bekommt. Ohne eine Berücksichtigung aller Faktoren kann ich den Vorwurf des fehlenden in Bezug setzen nicht nachvollziehen. Nicht jeder Nichtschwimmer ertrinkt und nicht jede ertrunkende Person ist aufgrund mangelnder Schwimmfähigkeit ertrunken.

  2. Anderen vorwerfen sich an Taschenspielertricks zu bedienen und es selber tun. Sehr schade wenn man es selbst nicht merkt. Im Artikel setzt der Autor Ertinkungszahleb mit Schwimmfähigkeiten gleich. Eine sehr große und nicht angebrachte Vereinfachung… aber Hauptsache sich beschweren wenn andere vereinfachen.

    Selbst wenn 2022 die zweit niedrigste Ertingkungszahl ist, ist die Sorge um diese Zahl berechtigt. Erstmals seit Jahren wurde ein stetiger Abwärtstrend umgekehrt. Dies mit einer einfachen Schwankung (versuchen) zu begründen ist fahrlässig. Klar muss man hier genauer ins Detail gehen und sich die Zahlen genauer anschauen, aber hier die doch beunruhigenden Zahlen und Aussagen mit schlechten und fehlenden Interpretationen schlecht zu reden ist (finde ich) ein nogo.

    Vielleicht denkt man zukünftig mal über die eigenen Methoden nach

  3. Also diesen Kommentar kann man nur Kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen. Der Kommentartor hat offenbar neben dem Anschauen der Pressekonferenz noch auf dem Handy gespielt. Wenn die Aussage ist, dass man erstmals seit Jahren wieder einen starken Anstieg der Ertrinkungszahlen sieht, dann ist damit auch verbunden, dass die Zahl über lange Zeit rückläufig war. Weiterhin wurde die Schwimmfähigkeit in der Bevölkerung seitens der DLRG nicht an Hand der Ertrinkungszahlen bemängelt, sondern an Hand einer aktuellen repräsentativen Umfrage zur Schwimmfähigkeit von Schülern.
    Der Höhepunkt dieses Kommentars ist noch, dass hier bei nachweislich 355 verstorbenen Menschen von Taschenspielertricks geredet wird. Sowas kann nur jemand schreiben, der noch nie am Ende eines Einsatzes betroffene Angehörige gesehen hat, deren Kind, Bruder, Schwester oder Elternteil gerade tot aus dem Wasser gezogen wurden.
    Von Hysterie sind wir als DLRG denke ich weit entfernt. Aber wir müssen jetzt aufpassen, dass die Erfolge der Vergangenheit nicht verloren gehen. Da war der letzte Sommer gepaart mit den aktuellen Schülerdaten zu deren Schwimmfähigkeit durchaus ein Fingerzeig, den man nicht so einfach vom Tisch wischen sollte.

  4. Lieber Peter,

    355 Menschen, die im Wasser ums Leben kamen, sind in einem Land, das sich hoch entwickelt nennt, noch unakzeptabler als irgendwo anders auf der Welt. Egal, ob es mehr oder weniger Ertrinkungstote sind, als in den Jahren zuvor. Es ist ein emotionales Thema, es geht um Menschenleben. Der DLRG Taschenspielertricks zu unterstellen und Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit zu streuen finde ich, sagen wir mal etwas schwierig. Es geht um Ehrenamtliche, von denen ohnehin viele im Sport und anderswo schon das Handtuch geworfen haben. Was natürlich nichts an korrekten oder unkorrekten Zahlen ändert. Dass diese unterschiedlich interpretiert werden können, ist auch Teil der Wahrheit.
    Sicherlich sind wir uns einig, dass in diesem Land nicht nur das Ertrinken sondern auch das Bädersterben (ja, ein emotionales Wort) ein Thema ist. Wer das am liebsten mit Zahlen untermauert, für den habe ich diesen redaktionellen Vorschlag:
    – Gegenüberstellung wie viele Bäder 2022 eröffnet wurden und wie viele in Deutschland zugemacht haben. Wegen der Energiekrise, weil sie marode waren, weil die Kommunen kein Geld dafür haben und schließlich: Weil die SchwimmmeisterInnen fehlen.
    – Zu letzterem weiterer Tipp für Zahlen und Fakten: Fachangestellte für kommunale Bäder erhalten nach dem Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst zwischen 2.700 und 3.100 Euro brutto (!). In nicht tarifgebundenen kann es auch weniger sein. Solche Zahlen, wenn man denn gern welche nutzt, sind für die swim-LeserInnen sicherlich auch ein gutes Thema.
    In dem Sinne: Lasst uns am gemeinsamen Strang für den Erhalt unserer Schwimmmöglichkeiten ziehen. Statt Akteure gegeneinander auszuspielen.
    Auf eine gute Lobbyarbeit fürs Schwimmen!
    Barbara aus Wolfsburg

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