Wenn am Freitag im Mailänder Guiseppe-Meazza-Stadion die 25. Olympischen Winterspiele eröffnet werden, wird eine Schwimmerin im Mittelpunkt stehen. Für die frühere Rückenschwimmerin Kirsty Coventry sind es die ersten Spiele als IOC-Präsidentin.
Kirsty Coventry ist eine Ausnahmefigur im olympischen Kosmos. Aufgewachsen in Simbabwe, ausgebildet sportlich wie akademisch in den USA, wurde sie zu einer der erfolgreichsten Rückenschwimmerinnen ihrer Zeit. Fünf Olympiateilnahmen zwischen 2000 und 2016, zwei Olympiasiege über 200 Meter Rücken (2004 und 2008), sieben Medaillen insgesamt – Coventry, heute 42 Jahre alt und seit acht Monaten im Amt, kennt das olympische Dorf aus Athletinnensicht besser als die meisten ihrer Vorgänger. Ihr Weg an die IOC-Spitze wirkt auf den ersten Blick wie ein modernes Gegenmodell zur oft als verkrustet wahrgenommenen Sportpolitik: jung, weiblich, afrikanisch.
Doch der zweite Blick ist weniger glatt. Politisch sozialisiert wurde Coventry in einem autoritär regierten Land, später war sie Sportministerin in Simbabwe und damit Teil eines Systems, das international für Repression und Menschenrechtsverletzungen kritisiert wird. Berichte, sie habe zu politischen Missständen geschwiegen oder sich loyal zum Regime positioniert, begleiten sie bis heute. Auch als IOC-Präsidentin steht sie früh in der Kritik, etwa wenn es um den Umgang mit Todesfällen oder Repressionen gegen Sportler in autoritären Staaten wie dem Iran geht. Der Vorwurf: Coventry hört zu, aber schaut zu oft weg. Die ARD-Doku „Die Präsidentin“ zeichnete zuletzt das Bild einer Frau, die von Menschenrechten nicht allzu viel hält.
Starkes Netzwerk
Kritischen Fragen weicht sie oft aus oder antwortet allgemein. Vor wenigen Tagen sagte sie in Mailand: „Alles was von diesen Spielen ablenkt, ist traurig“ und ergänzte später: „Wir sind eine Sportorganisation. Wir verstehen die Politik und wissen, dass wir nicht in einem Vakuum agieren, aber unser Spiel ist der Sport.“ In der Russland-Frage scheint Coventry für eine Rückkehr in die Sportlerfamilie aufgeschlossen zu sein. Dies wird aber frühestens 2028 der Fall sein. Bei den am 6. Februar beginnenden Olympischen Winterspielen in Cortina d’Ampezzo und Mailand treten etwa 20 russische Sportlerinnen und Sportler erneut unter neutraler Flagge an.
Was qualifiziert sie für das höchste Amt des Weltsports? Neben ihrer sportlichen Vita sind es vor allem Netzwerke. Coventry ist seit Jahren tief im IOC verankert, kennt die Mechanismen, spricht die Sprache der Funktionäre. Von 2012 bis 2021 war sie als Athletenvertreterin im IOC, im Anschluss wurde sie persönliches IOC-Mitglied. Sie war die Favoritin ihres Vorgängers Thomas Bach und bei der Wahl am 20. März 2025 in Griechenland setzte sie sich gegen Leichtathletik-Präsident Sebastian Coe und sechs weitere Kandidaten durch. Am 23. Juni erfolgte die offizielle Amtsübergabe von Bach an Coventry. Wer auf eine radikale Reformerin gehofft hatte, sieht bislang eher Kontinuität als Bruch: vorsichtige Worte, diplomatische Balance, klare Loyalität zum System IOC.
Und die Schwimmerinnen und Schwimmer? Sie dürfen hoffen, sollten aber nicht zu viel erwarten. Coventry weiß, wie Athletinnen ticken, kennt Probleme wie Überbelastung, Machtgefälle und mangelnde Mitsprache. Als Funktionärin tritt sie bisher aber nicht als Anwältin „ihrer“ Sportart auf.