Der Neckar | Unser grandioses Naturfreibad

In Stuttgart wird der „Neckarmonitor“ präsentiert, ein Vorhersagesystem für die Wasserqualität. Unser Autor schwimmt seit 20 Jahren in dem Fluss – und sieht sich bestätigt.

Martin Tschepe

Bahn neun, so haben wir unser Schwimmprojekt genannt. Unsere Bahn neun war und ist der Neckar in Ludwigsburg. Mein Schwimmfreund Volker und ich sind im Frühsommer 2015 von Sulz bis nach Mannheim gekrault. Knapp zwei Wochen lang lebten wir quasi im Neckar, tagsüber jedenfalls, sind etwa 300 Kilometer weit geschwommen – mit einem Strahlen im Gesicht vorbei am Kernkraftwerk Neckarwestheim und sogar mitten durch Stuttgart.

Obwohl in der Landeshauptstadt ein Badeverbot gilt. Betrifft uns nicht, sagten wir, wir baden doch nicht! Wir schwimmen! Es gab damals keinen Ärger, obwohl alle mitbekommen haben dürften, was wir taten, denn ich schrieb damals täglich einem Blog für die Internetseite der Stuttgarter Zeitung über unsere Aktion.

Wasserqualität besser als viele denken

Jetzt hat der Stuttgarter Verein Neckarinsel den „Neckarmonitor“ präsentiert, ein Vorhersagesystem für die Wasserqualität. Und wir Neckarschwimmer sehen uns bestätigt. Ergebnis der Messungen: Das Wasser im Fluss ist weit besser als erwartet. Oft werde ausgezeichnete Qualität gemessen, sagt Tim Schaffarczik, der als hauptamtlicher Mitarbeiter des Neckarinsel-Büros maßgeblich an dem Projekt gearbeitet hat.

Die digitale Anwendung solle künftig dabei helfen, einzuschätzen, ob das Baden im Fluss aus hygienischer Sicht empfehlenswert ist. Grundlage des Systems sind wissenschaftliche Labormessungen und Analysen. Der Verein hat die Wasserqualität im Neckar gut 60-mal untersuchen lassen. Dabei standen insbesondere Darmbakterien wie E. coli und Enterokokken im Fokus, die als wichtige Indikatoren für fäkale Verunreinigungen gelten. Ergebnis: Der Neckar ist vielerorts sauberer, als viele Menschen vermuten.

Im Jahr 2025 hätte aus hygienischer Sicht an mehr als zwei Dritteln der untersuchten Tage gebadet und geschwommen werden können. An mehr als der Hälfte der Messtage wurde sogar eine sehr gute Wasserqualität festgestellt. Eine Herausforderung bleibt jedoch die zeitaufwendige Laboranalyse. Bis Ergebnisse zu Bakterienbelastungen vorliegen, vergehen in der Regel mindestens 48 Stunden. „Für aktuelle Badeentscheidungen sind diese Daten deshalb nur eingeschränkt nutzbar“, so Schaffarczik.

Verlässliche Vorhersage

Mithilfe der gesammelten Messdaten habe das System auch mithilfe von KI gelernt, welche Bedingungen typischerweise mit guter oder schlechter Wasserqualität zusammenhängen. Auf dieser Grundlage würde die aktuelle Einschätzung mit Blick „auf die Badeeignung“ erstellt. Besonders wichtig seien ganz offenkundig starke Regenfälle. In vielen Städten werden Regen- und Abwasser gemeinsam durch sogenannte Mischwasserkanäle zur Kläranlage geleitet. Bei außergewöhnlich hohen Niederschlagsmengen stoßen diese Systeme an ihre Kapazitätsgrenzen. Dann wird verdünntes Abwasser zunächst in die Rückhaltebecken und anschließend direkt in den Fluss geleitet. In solchen Situationen kann die Wasserqualität des Neckars vorübergehend deutlich sinken.

Bei der Entwicklung des Systems sei besonderer Wert auf die Sicherheit gelegt worden. Die Badeampel ist so trainiert, dass positive Empfehlungen möglichst zuverlässig sind. Bei den bisherigen Auswertungen habe die Vorhersage einer guten Wasserqualität „in allen Fällen“ gestimmt. Tage mit schlechter Wasserqualität würden bewusst vorsichtiger eingeschätzt, deshalb komme es mitunter zu Fehlalarmen. Für Badegäste und Schwimmer bedeute das: Zeigt der Neckarmonitor eine gute Wasserqualität an, dann könne man sich auf diese Einschätzung mit hoher Sicherheit verlassen. Das System sei grundsätzlich auch auf andere Flüsse übertragbar, so die Macher.

Früher Kloake, heute ein Paradies

Zurück zu uns (Neckar)Schwimmern. In den 1970ern waren wir Kinder. Damals hat der Bademeister im Freibad Ludwigsburg-Hoheneck kurz vor Badeschluss über die Lautsprechanlage allen Gästen im und am großen Sportbecken mit den acht Bahnen gelegentlich mit einem Augenzwinkern zugerufen: „Sie können jetzt nur noch auf Bahn neun weiter schwimmen, im Neckar.“ Deshalb der Name unseres Projekts im Jahr 2015: Bahn neun.

Schwimmen im Neckar war in den 70ern und 80ern nur ein Scherz, der Fluss war damals in der Tat eine stinkende Kloake. Lange her. Heute ist der Neckar sauber, das behaupten wir schon länger. Wir sind doch der lebendige Beweis! Seit bald zwei Jahrzehnten ständig im Neckar und fit wie einst. Und jetzt auch noch die Neckarampel der Neckarinsel! Es sollte nichts mehr gegen das Baden und Schwimmen in dem Fluss sprechen.

Im Bewusstsein der allermeisten Menschen in der Region Stuttgart hat sich seit den 1970ern leider nicht viel geändert. Der Neckar? Igitt! Unser Fluss führt ein trauriges Dasein, speziell (aber längst nicht nur) in Stuttgart. Mit meinen zwei Kumpels Bert und Johannes schwimme ich zu jeder Jahreszeit im Neckar, sogar im tiefsten Winter, wenn das Wasser nur knapp zwei Grad hat. Bei hochsommerlichen Temperaturen wie zurzeit könnte der Neckar für ganz viele Menschen indes zu einer willkommenen Abkühlung werden – wenn sie denn wüssten, dass das Wasser zumindest zeitweise sauber ist. Vielleicht sauberer als in manch einem Freibad gegen Ende eines Tages mit zigtausend Badegästen.

In Stuttgart bleibt das Baden verboten

Wir Neckarschwimmer aus Ludwigsburg rufen den Entscheidungsträgern in Stuttgart (wo nach wie vor das Badeverbot gilt) zu: Schaut doch in die Nachbarstadt Ludwigsburg! Wir Schwimmer vom SVL werden im Neckar geduldet, wir schwimmen immer nah am Ufer, stets mit einer leuchtend orangefarbenen Rettungsboje im Schlepptau, und lieber nicht nach heftigen Regenfällen, denn (nur) an solchen Tagen ist das Wasser verunreinigt. Vermutlich kennen uns alle Kapitäne der Neckarschiffe längst vom Sehen. Mitunter winkt uns der ein oder andere sogar mal zu.

Der Neckar ist in Ludwigsburg unser grandioses Naturfreibad. Das sollte auch in Stuttgart möglich sein, denn unser Ludwigsburger Neckarwasser kommt ja aus Stuttgart angeflossen und kann deshalb kaum sauberer sein als das Neckarwasser in der Landeshauptstadt.

Mehr Infos zum Projekt gibt es auf der Website des Vereins Neckarinsel.

Martin Tschepe (61) ist seit 1974 Mitglied beim SV Ludwigsburg und Weltmeister im Eisschwimmen. Der Journalist schreibt für mehrere Zeitungen in der Region Stuttgart und in Schleswig-Holstein. Zudem arbeitet er für die Stuttgarter Josef Wund Stiftung, die sich um (sauberes) Wasser und Schwimmen(lernen) kümmert und den Verein Neckarinsel fördert.

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Martin Tschepehttp://www.bahn9.de/
Martin Tschepe ist freier Autor, Swimguide, Freiwasser- und Eisschwimmer des SV Ludwigsburg.

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