Dienstag, 21. Mai 2024

Gibt es den geborenen Sprinter?

Die Wissenschaft ist sich einig, dass die Muskelfaserzusammensetzung weitestgehend genetisch festgelegt ist. Zwar ist das Ausmaß der Verteilung an schnell und langsam zuckenden Fasern veränderbar, jedoch nur in sehr bescheidenem Maße. Deshalb sieht man auf kurzen Schwimmstrecken auch völlig andere Bewegungs- und Frequenzmuster als auf den Mittel- und Langstrecken. Und dennoch geht es im Schwimmsport immer auch darum, die individuell optimale Frequenz zu ermitteln. Sie ist ein leistungsbestimmender Faktor.

Bei der menschlichen Bewegung werden die Extremitäten, die für den Vortrieb verantwortlich sind, über Muskeln und Gelenke bewegt. Die Muskeln setzen sich bei jedem Menschen individuell verschieden zusammen. Die Verteilung von langsam (Slowtwitch) und schnell (Fasttwitch) zuckenden Muskelfasern ist weitestgehend genetisch festgelegt.

Frank Wechsel / spomedis Für viele der Prototyp eines Sprinters: „Muskelmann“ Alain Bernard, Olympiasieger über 100 Meter Freistil (2008).

Slowtwich und Fasttwich

Die Frequenz, in der die Muskulatur zur Kontraktion gebracht wird, hängt zum einen von der Muskelfaserzusammensetzung ab und zum anderen von der Geschwindigkeit der Nervenleitung. Also der Fähigkeit, einen Bewegungsauftrag in möglichst kurzer Zeit an die richtigen Muskelfasern zu senden. Auch hier gibt es individuelle Unterschiede, die teilweise durch Training veränderbar sind.

Zyklische Sportarten wie das Schwimmen kennzeichnen sich durch identische Bewegungsmuster (Bewegungszyklen), die sich ständig wiederholen. Allein auf einer 400-Meter-Strecke können Sie mit rund 300 Einzelbewegungen rechnen. Durch jede einzelne Muskelkontraktion und der damit verbundenen Komprimierung der umgebenen Kapillaren erzeugen Sie einen kurzfristigen Engpass in der energetischen Versorgung der betreffenden Muskulatur.

Optimum aus Frequenz und Raumgewinn

 Die kurze Reduzierung der Sauerstoffversorgung wird deshalb auch als Energiekrise bezeichnet. Je regelmäßiger Sie diesen Ablauf von hochfrequenter muskulärer Anspannung und Entspannung trainieren, desto effektiver wird die Energieversorgung der arbeitenden Muskulatur. Ein willkommener Nebeneffekt eines Schnelligkeitstrainings.

Das Optimum aus Bewegungsfrequenz und gleichzeitigen Raumgewinn (Zuglänge) herauszubilden ist dabei eine der wichtigsten Aufgaben im Schwimmen wie im gesamten Ausdauersportbereich. Sportler und Trainer in den Ausdauersportarten verwenden enorm viel Zeit genau damit, die Frequenz so einzustellen, dass der Sportler das ideale Mittel aus Kontraktionsgeschwindigkeit und Streckengewinn erreicht.

Ökonomisch schwimmen

Allein das zähflüssige Medium Wasser stellt uns kräftemäßig vor andere Aufgaben als beispielsweise beim Laufen. Beim Schwimmen benötigt man deutlich mehr Kraft, um den eigenen Körper zu beschleunigen. Zwar ist eine hohe Wasserlage und eine saubere Technik das wichtigste Kriterium. Als Ausdauerschwimmer werden Sie für einen Leistungsfortschritt aber nicht umhin kommen, an Ihren spezifischen Kraftfähigkeiten zu arbeiten. Tun Sie dies nicht, entsteht die Gefahr, dass Sie mit einer sehr niedrigen Frequenz oder technisch unsauber schwimmen und zwischen den Zügen immer wieder an Tempo verlieren. Das führt fast immer zu einer sehr ungleichmäßigen Geschwindigkeitskurve, die Sie selbst aber gar nicht wahrnehmen können. Es ist folgerichtig nicht unbedingt die richtige Aufgabenstellung, die Bahn mit möglichst wenigen Zügen zurückzulegen. Vielmehr sollten Sie versuchen, die interzyklische Geschwindigkeitsschwankung so gering wie möglich zu halten. Dann schwimmen Sie ökonomisch und schnell!

Holen Sie sich deshalb immer wieder, und vor allem ganzjährig, aus der gewohnten Trainingsroutine heraus. Je breiter Ihre Bewegungsmöglichkeiten in Bezug auf das Frequenzverhalten sind, desto ökonomischer und dynamischer wird Ihre Leistung. Das macht nicht nur im Training viel Spaß, sondern ganz besonders auch dann, wenn Sie sich über Ihren nächsten Leistungssprung freuen.

Schnelligkeitsübungen mit hoher Zugfrequenz

  • 4x100m – 15m Sprint + 85m lockeres Schwimmen als aktive Pause
  • 4x100m – 25m Sprint mit unterstützenden Schwimmerflossen + 75m lockeres Schwimmen
  • 4x50m – Kraul mit Kurzflossen und Fingerpaddles, hohes Tempo!
  • Sprintübungen am flexiblen Zugseil (Aqua Gym): schwimmen mit (!) der Zugkraft, um eine höheres Tempo zu erzielen und damit die Frequenz auf ein hohes Maß zu heben
  • 4×20 Züge – Trockentraining am Zugseil mit hoher Frequenz, Pause 40-60 Sekunden

Holger Lüning
Holger Lüninghttps://holgerluening.de/
Holger Lüning ist Sportwissenschaftler und Schwimmtrainer mit rund 30 Jahren Erfahrung im Hochleistungssport. Er schwamm er in der Bundesligamannschaft des EOSC Offenbach und gewann im Masterbereich zahlreiche Meistertitel.

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