Dienstag, 21. Mai 2024

Ärmel abschneiden und schneller schwimmen?

Wenn Sie schon einmal einen Neoprenanzug im Wasser ausprobiert haben, dann sind Sie beim ersten Mal wahrscheinlich aus einem glücklichen Grinsen nicht mehr herausgekommen. Die Materialeigenschaften und die im Neopren eingeschlossen Luftbläschen, wuchten jeden Schwimmer an die Wasseroberfläche.

Und da der Wasserwiderstand eine der größten Komponenten ist, die uns vom schnellen Schwimmen abhält, ist man um eine wesentliche Sorge ärmer. Tatsächlich konnte man in Vergleichstests feststellen, dass man durchaus zwischen fünf und sieben Sekunden pro 100 Meter an Zeit einsparen kann, wenn man mit der schwarzen Pelle unterwegs ist.

Gegen den Auftrieb

Neopren drängt danach, an die Wasseroberfläche zu gelangen, das ist eindeutig. Wenn man sich die schwimmerische Technik einmal genau ansieht, stellt man aber auch fest, dass es Momente beim Kraulschwimmen gibt, in denen man Teile des Körpers durchaus nach unten, also gegen den Auftrieb, bewegen möchte. Das betrifft die Arme! Wie ist das beispielsweise zu Beginn eines jeden Zuges? Versuchen Sie nicht auch, bei jedem Zug leicht auf das Wasser zu drücken, um danach in eine günstige Position für die Durchführung von Zug- und Druckphase zu gelangen?

Richtig, und genau in diesen Momenten drückt der Auftrieb des Neoprenanzugs eigentlich gegen die von Ihnen eingesetzte Richtung. Würde das nicht bedeuten, Sie müssten Kraft aufwenden, um den Arm nach unten zu bewegen? Und tatsächlich haben sich einige Wissenschaftler genau diese Frage auch gestellt. Sie untersuchten deshalb die Einwirkung dieser Auftriebsmomente auf die Effektivität des Armzugs. Das Ergebnis war verblüffend!

Abgetrennte Ärmel

Man führte zwei Schwimm-Tests durch. Der erste Test wurde mit Ganzkörper-Neoprenanzügen durchgeführt, während beim zweiten Test die Ärmel dieser Anzüge abgetrennt wurden. Unter der Annahme, dass ein Verlust an Auftriebsmaterial auch die Wasserlage verschlechtern würde, hatte man mit einem Tempoabfall in der zweiten Testreihe gerechnet. Im Endeffekt waren beide Varianten (Ganzkörper, Ärmelfrei) jedoch gleich schnell.

Warum ist dieses Ergebnis nun so interessant? Man könnte doch behaupten, es sei nun erwiesenermaßen egal, ob mit Ärmel oder ohne. Es kommt nun aber eine zweite, bedeutende Variante ins Spiel: das Wassergefühl und die Bewegungsfreiheit!

Ein Neo ohne Ärmel

Viele Sportler klagen beim Schwimmen mit Neopren über ein schlechteres Wassergefühl, weil sie das Wasser mit dem Unterarm nicht mehr spüren können und sich dadurch technische Fehler einschleichen könnten. Exakt hier könnte ein Neoprenanzug ohne Ärmel das Wassergefühl verbessern und folgerichtig einen deutlichen Vorteil vor allem über längere Distanzen bewirken. Das Wasser wäre nicht nur besser zu greifen, sondern man spart sich zusätzlich den energieaufwändigen Abwärtsdruck gegen die Auftriebswirkung des Materials in der Unterwasserphase. Könnte man die Anzüge dann nicht technisch optimieren und die Ärmel abtrennen? In Bezug auf die Bewegungsfreiheit muss man sicher auch nicht lange überlegen, ob es mit oder ohne umgebendes Material einfacher ist, die Arme zu bewegen. Gute Argumente eigentlich.

Ein Neoprenanzug ohne Ärmel wäre demzufolge, zumindest rein theoretisch, die schnellste Variante (den wichtigen Kälteschutz einmal außen vor gelassen). Wir möchten Sie nicht animieren, nun eine Schere zur Hand zu nehmen, und Ihren wertvollen Neoprenanzug von seinen Ärmeln zu befreien. Aber eine Diskussion ist diese Theorie doch allemal wert?

Holger Lüning
Holger Lüninghttps://holgerluening.de/
Holger Lüning ist Sportwissenschaftler und Schwimmtrainer mit rund 30 Jahren Erfahrung im Hochleistungssport. Er schwamm er in der Bundesligamannschaft des EOSC Offenbach und gewann im Masterbereich zahlreiche Meistertitel.

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