Zum Karriereende von Jan-Philip Glania | Bohren mit Muskelkater

Als Sportler versuchte Jan-Philip Glania das Unmögliche. Der Rückenschwimmer aus Fulda schwamm auf Topniveau und studierte gleichzeitig Zahnmedizin. Ein Interview übers Zähneziehen und Zähnezusammenbeißen.

Mit 31 Jahren hat sich Jan-Philip Glania vom Schwimmsport verabschiedet. Der Rückenschwimmer aus Fulda holte Medaillen bei Welt- und Europameisterschaften und schwamm ins Finale bei den Olympischen Spielen. Daneben trieb er sein Studium der Zahnmedizin voran. Anfang 2018 sprachen wir mit Glania ausführlich über seinen Sport und seinen Beruf. Das Interview erschien in der SWIM 28.

Jan-Philip Glania, wie ist es um die Zähne der deutschen Schwimmer bestellt? Mich hat bisher keiner nachschauen lassen, also scheinbar nicht so schlecht.

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Zahnprobleme können für Sportler zur Falle werden. Das Zahnfleisch und die Zähne sind die Eintrittspforte des Körpers, eine Entzündung hier kann Fieber auslösen und den ganzen Körper schwächen. Auch das Kiefergelenk strahlt unwahrscheinlich aus. Viele Menschen knirschen nachts mit den Zähnen, weil sie unter Druck stehen und Stress verarbeiten. Das kann sich dann leicht auf den Rücken und Nacken auswirken. In der Uni fertigen wir uns kurz vor dem Examen gegenseitig Knirschschienen an. Natürlich zum Üben, wie so eine Schiene hergestellt wird, aber auch zur Vorbeugung. Wegen der Prüfungen ist der Druck sehr hoch. Viele fangen dann an zu knirschen.

Frank Wechsel / spomedis Jan-Philip Glania bei den Spielen 2016.

Andere Sportler gehen zur Bundeswehr oder zur Polizei, Sie haben sich für ein Zahnmedizin-Studium entschieden. Wie wichtig ist Ihnen der Ausgleich für den Kopf? Ich war ein Jahr bei der Bundeswehr, habe meinen Wehrdienst, den gab es damals noch, in Warendorf abgeleistet. Dort zu trainieren hat Riesenspaß gemacht, doch ich wollte auf jeden Fall studieren. In der Schule hat mir Biologie immer gefallen, der Körper und die physiologischen Abläufe, das fand ich spannend. So bin ich bei Zahn­medizin gelandet und darüber bis heute froh. Es ist ein anspruchsvolles Studium und eine gute Abwechslung zur körperlichen Arbeit im Wasser. Eigentlich ist es sogar etwas zu viel.

Glauben Sie, Sie hätten ohne Studium sportlich noch mehr erreichen können? Da ist in Deutschland das Problem, dass sich Studium und Sport in der Quere stehen. Bei mir ist das zumindest so. Ich weiß natürlich nicht, was passiert wäre, wenn ich mehrere Jahre profimäßig trainiert hätte. Zumindest war es für mich immer eine gute Abwechslung, wenn ich mal ein Jahr in der Uni pausiert habe und nur geschwommen bin. Danach habe ich mich richtig auf die Uni gefreut. Vielleicht ist das der Grund, warum ich jetzt noch schwimme und noch nicht die Nase voll habe, wie andere, die mit 18 oder 19 aufhören.

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Vielleicht ist das der Grund, warum ich jetzt noch schwimme und noch nicht die Nase voll habe, wie andere, die mit 18 oder 19 aufhören.

Jan-Philip Glania
Frank Wechsel / spomedis Zweimal nahm Glania an den Olympischen Spielen teil.

Was fasziniert Sie an der Zahn­medizin? Wenn ich Patienten mit Zahnschmerzen behandele, bekomme ich sofort ein Feedback. Die meisten sind dankbar und glücklich, dass ich ihnen helfen konnte und dass es überstanden ist. Außerdem gefällt mir, dass die Praxis in der Uni mit Theorie vermischt wird.

Haben Ihnen nach einem harten Training schon mal die Hände beim Bohren gezittert? Das nicht, aber Muskelkater merkt man beim Behandeln. Andererseits tut es wegen der verkrampften Haltung auch gut, nach der Arbeit zu schwimmen.

Seit Rio 2016 widmen Sie sich ­wieder stärker Ihrer Ausbildung. Wie oft springen Sie zurzeit ins ­Wasser? Ich versuche täglich zu trainieren. Momentan bin ich im achten ­Semester und habe sehr lange Tage mit Patientenbehandlungen und Vorlesungen. Zusätzlich muss ich auch in die Oralchirurgie und Zähne ziehen oder in die Parodontologie und Kiefer­orthopädie. Das geht oft von 8 Uhr bis 18.30 Uhr. Ich fahre dann direkt ins Training. Nur samstags kann ich mein Training normal durchziehen. Am Sonntag gehe ich laufen oder mache Krafttraining.

Frank Wechsel / spomedis WM-Bronze: Mit Alexandra Wenk, Hendrik Feldwehr und Annika Bruhn wird Glania 2015 Dritter in Kasan über 4 x 100 Meter Lagen.

Hessischer Kurzbahnmeister über 100 Meter Rücken wurden Sie trotzdem. Wann greifen Sie wieder richtig an? Erstmal hat die Uni Priorität. Wenn alles gut läuft, bin ich im Juni 2019 fertig.

Perfektes Timing für eine dritte Olympiateilnahme. Bis Tokio ist es dann noch ein Jahr. Ich könnte dann nochmal ein Jahr voll trainieren. Allerdings muss ich bis dahin eine gewisse Form halten, sonst wird das nicht funktionieren.

Sind die Europameisterschaften dieses Jahr in Schottland überhaupt ein Thema für Sie? Ich werde die Quali-Wettkämpfe schwimmen und mein Bestes geben. Aber wie gesagt, Schwimmen hat gerade nicht die höchste Priorität.

Haben Sie mit Olympia noch eine Rechnung offen? Ihre Bilanz bisher: Platz 9, Platz 10, Platz 11, Platz 12. Fürs Finale fehlten Ihnen jedes Mal nur Hundertstel. Das schmerzt, und deswegen will ich mir alles offen halten. Nochmal ein Jahr lang probieren, alles rauszuholen und mit einem richtig guten Ergebnis in Tokio dabei sein. Dieses Projekt würde ich gern angehen. Ein Einzelfinale war immer mein großes Ziel. In der Staffel habe ich das geschafft.

Ist dieses Staffelfinale ihr bisher größter Erfolg? Die Staffel hat Rio perfekt abgerundet. Aber größter Erfolg? Die EM-Medaille 2014 in Berlin war schon super und auch die WM-Medaille mit der Mixedstaffel in ­Kasan. Allein die erste Olympia-Quali 2012 war ein unbeschreibliches ­Gefühl. Das lässt sich alles nicht vergleichen.

Daniel Kopatsch Medaille: 2014 jubelt Glania über Bronze bei der Heim-EM in Berlin.

Was macht Olympia ­besonders? Nur wegen London bin ich 2012 überhaupt weiter geschwommen. Vor den Spielen dachte ich, danach ist Schluss. Ich wollte ja studieren und man muss sich schon gut überlegen, warum man das Ganze macht. Viel zu verdienen gibt es ja nicht, da muss man Idealist sein. Aber dann hat London so viel Spaß gemacht und mir die Augen geöffnet, was man durch den Sport erleben kann. Daran erinnert man sich sein ganzes Leben. Ich bin dann dabeigeblieben und habe das bis heute nicht bereut. Die Heim-EM in Berlin, die WM in Russland und natürlich die Olympischen Spiele in Rio, das waren alles tolle Erlebnisse.

Die Spiele in London haben mir die Augen geöffnet, was man durch den Sport erleben kann. Daran erinnert man sich sein ganzes Leben. Ich bin dabeigeblieben und habe das nicht bereut. Die Heim-EM in Berlin, die WM in Russland und natürlich die Olympischen Spiele in Rio, das waren tolle Erlebnisse.

Jan-Philip Glania

Bringt Sie das im Leben ­weiter? Davon bin ich überzeugt. Für die Uni hilft es mir, wenn ich versuche strukturiert und diszipliniert vorzugehen. Ehr­geizig bin ich auch. Und man lernt im Sport, die Zähne zusammen zu ­beißen.

2020 werden Sie 31 Jahre alt sein. Sehen Sie das als Hindernis? Für deutsche Schwimmer mag das vielleicht alt sein, doch international hat man in Rio gesehen, dass man auch mit 35 noch Medaillen gewinnen kann. Es geht also länger, als manche denken, und ich bin auch erst relativ spät gut geworden. Danach würde es aber definitiv reichen.

Was hält eigentlich Chef-Bundestrainer Henning Lambertz von dem Weg, den sie eingeschlagen sind? Henning fände es natürlich besser, wenn ich mich aufs Schwimmen konzentrieren würde. Er will für den Olympiakader Athleten, die alles dransetzen, um nach Tokio zu kommen, und die voll dahinter stehen. Das kann ich nachvollziehen. Ich stehe zwar auch voll dahinter. Ich möchte aber auch mein Studium machen. Wir haben offen geredet und Henning legt mir keine Steine in den Weg. Wenn ich in ein DSV-Trainingslager mitfahren will, würde er mich unterstützen, denke ich.

Daniel Kopatsch Start in ein neues Leben: Jan-Philip Glania ist jetzt Zahnarzt.

Von welchen Stellen werden Sie finanziell unterstützt? Ich habe ein Stipendium von der Deutschen Bank und bekomme die A-Kader-Unter­stützung von der Deutschen Sport­hilfe. Außerdem werde ich noch von der Hessischen Sporthilfe unterstützt.

Das läppert sich zusammen. Man muss zusehen, dass man diese Unterstützung bekommt, und da hinterher sein. Mit der Unterstützung in Hessen bin ich sehr zufrieden. Ich werde auch privat unterstützt von einem Zahnarzt aus Lippstadt. Der ist Mastersschwimmer und der Sport seine Leidenschaft. Es hilft natürlich, wenn man nicht mehr darüber nachdenken muss, wo das Geld für die Miete herkommt. In meiner Heimatstadt Fulda haben mich viele Unternehmen unterstützt. Dadurch konnte ich diverse Trainingslager und Wettkämpfe absolvieren und auch mal drei Monate in Los ­Angeles trainieren.

So wie Sie bei Starcoach Dave Salo in Kalifornien trainiert haben, ­waren jetzt einige DSV-Schwimmer in Australien. Inwiefern bringt es einen weiter, wenn man über den deutschen Tellerrand hinausblickt? Ich finde es sehr gut, dass der DSV das gemacht hat, nicht nur als Trainingsgruppe dorthin zu fahren, sondern Athleten in die australischen Trainingsgruppen einzuschleusen. Nur so kann man sehen, wie es dort wirklich abläuft. Man muss ja nicht ­alles übernehmen, was die machen. Aber was einem gefällt, gut anschlägt und Spaß macht, das kann man auch ins eigene Training einbauen. Man sieht, dass dort auch nur mit Wasser gekocht wird. Im Fernsehen kommen die Topschwimmer einem fast übermenschlich vor. Im Training sieht man dann, dass die auch müde sind oder schlechte Tage haben. Allein mit diesen Leuten zu sprechen und sich anzufreunden, bringt einen weiter, wenn man das nächste Mal zur WM fährt. Das nimmt die Aufregung.

Welche Unterschiede haben Sie in den USA festgestellt? Dort wurde sehr extrem trainiert, fast nur gesprintet. Es gab eigentlich nur voll oder ­locker. Nach dem Training kriechst du nur noch heim, weil du so fertig bist. Alle gehen immer an ihre Grenzen. Mir hat das viel gebracht und ich konnte einiges in mein Training in Deutschland übernehmen. Zum Glück war mein damaliger Trainer Michael ­Ulmer offen für Neues und bereit dazu, neue Dinge anzunehmen.

Ich musste ­extrem hart arbeiten, bis mir das Tauchen gelungen ist. Ich bin sehr viel im Training getaucht und brutale Serien ­geschwommen.

Jan-Philip Glania

Eine Frage an Sie als Rückenschwimmer. Für viele ist es unvorstellbar, am Ende eines 200-Meter-Rennens noch 15 Meter zu tauchen. Wie machen Sie das? Ich musste ­extrem hart arbeiten, bis mir das gelungen ist. Ich bin sehr viel im Training getaucht und brutale Serien ­geschwommen. Zum Beispiel 8 x 125 Meter Rücken. Das fängt mit 25 Meter tauchen an, und dann schickt einen der Trainer gleich wieder los: 100 Meter voll. Natürlich wieder mit 15 Metern tauchen beim Start und jeder Wende. Häufig tauche ich im Training bei langen Strecken bei jeder Wende 15 bis 20 Meter, um im Wettkampf mit voller Belastung 15 Meter zu schaffen.

Man sieht Sie ausschließlich Rücken schwimmen. Haben Sie keine Lust auf andere Schwimmarten? In ­Delfin und Kraul bin ich nicht so schlecht. Leider kollidiert das bei den Hauptwettkämpfen mit meinen Rücken­starts. Früher sollte ich mal Lagen­schwimmer werden. Aber Brust ist bei mir eine Katastrophe.

Was gefällt Ihnen besonders an ­Ihrer Disziplin? Ich finde, es ist eine sehr schöne Schwimmart. Und ich habe ein besonderes Feeling dafür. Ich kann viel Druck ins Wasser bringen, und es macht natürlich Spaß, wenn man vorneweg schwimmt. Im Training bin ich aber froh, wenn ich mal andere Lagen schwimmen kann.

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