Freitag, 12. April 2024
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“Wir Vielschwimmer haben doch alle einen Knacks”

Sven Eckardt gründete vor zehn Jahren das Team Warmduscher, das bei 24-Stunden-Schwimmen ganz vorn mitmischt. Im Interview spricht der Athlet über die besondere Faszination der Langstrecke.

Privat Sven Eckardt in seinem Element.

Sven Eckardt, wie kommt man auf die Idee 24 Stunden lang in einem Becken immer hin und her zu schwimmen? Nach meiner aktiven Zeit im Behindertenleistungssport habe ich neue Herausforderungen gesucht und wollte dem Schwimmsport verbunden bleiben. So kam ich 2006 auf 24-Stunden-Schwimmen. Da es bei diesen Veranstaltungen nicht auf die Geschwindigkeit allein ankommt, war es für mich als Behinderter eine ideale Möglichkeit, mit meinen nichtbehinderten Freunden gemeinsam Sport zu machen. 2009 gründete ich zusammen mit Freunden das Team Warmduscher.

Wird das nicht langweilig, spätestens nach ein paar Stunden Kacheln zählen? Nein, es wird nie langweilig. Man beschäftigt sich mit sich und seinen Gedanken. Konzentriert sich auf Atmung und Schwimmtechnik und wird eins mit dem Wasser. Die Kacheln stören da genauso wenig, wie Hunger oder Müdigkeit.

Was fasziniert dich und die Mitglieder des Teams Warmduscher an 24-Stunden-Schwimmen? Die Motivation ist vielfältig: die eigenen Grenzen austesten, die Gedanken des Alltages verarbeiten, sich frei und leer zu fühlen. Gemeinsam mit anderen Sport treiben, ein gemeinsames Ziel erreichen, gemeinsam am Beckenrand essen, gemeinsam lachen.

Verrätst du uns deinen persönlichen Rekord. Rekorde? Für mich geht es heute nicht mehr um das Messen mit anderen oder um das Aufstellen eines persönlichen Rekords. Bei mir überwiegt das Gefühl, lange unbeschwert schwimmen zu wollen, und meine Gedanken und Gefühle zu verarbeiten, egal ob im Schwimmbecken, im See oder im Meer. Aber im Team Warmduscher führen wir eine All-Time-Statistik und sind stolz auf unsere Marathonschwimmer und Teamsiege. Meine Bestleistung liegt bei 44 Kilometern bei einem 24-Stunden-Schwimmen und bei 50,5 Kilometern bei einem 50-Stunden-Schwimmen.


zur Person

Sven Eckardt (Jahrgang 1970, Spitzname Dr. Swimm) ist selbstständiger Energie- und Umweltberater und Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Er schwimmt seit 1990 leistungsorientiert im Behindertensport. Eine Teilnahme an den Paralympics scheiterte 1996 wegen einer Verletzung. Eckardt schwimmt fünf- bis siebenmal in der Woche und ist Coach des Teams Warmduscher.


Nach wie vielen Stunden im Wasser beginnen die Schmerzen? Am liebsten schwimmt man ohne Schmerzen. Anders als beim Marathonlauf, wo die Strecke vorgegeben ist, und jeder, der das Ziel nicht erreicht, eine Enttäuschung oder persönliche Niederlage erlebt, gibt es bei einem 24-Stunden-Schwimmen nur Gewinner. Wer 100 Meter ohne Hilfsmittel schwimmen kann, darf mitmachen und sich am Ende eines Wettkampfs Finisher und erfolgreicher Teilnehmer nennen. Man darf innerhalb der 24 Stunden Pausen machen und wieder zurück ins Wasser kommen. Kluge und gute Schwimmer legen deshalb eine kleine Regenerationspause ein, bevor der Schmerz eintritt.

Trotzdem wird es irgendwann, nach vielen Stunden, wehtun. An welchem Körperteil besonders? Ich glaube, bei vielen schmerzen zunächst die Arme, Schultern, Ellbogen oder auch mal das Handgelenk, wenn man mit einem Mitschwimmer zusammenstößt. Später, nach acht oder zehn Stunden, sind es sicher das Hungergefühl und der Magen und der Darm. Als letztes, nach 16 oder vielleicht nach 20 Stunden, ist es eine Sache des Willens und des Ehrgeizes, Müdigkeit und Erschöpfung zu überwinden, um seine persönliche Bestleistung zu toppen, das Podium zu erreichen oder den Sieg genießen zu wollen.

Nachts wird es leer

Bei welchem Kilometerstand wird es besonders hart? Das kann man nicht so einfach sagen, denn das hängt stark von der Tagesform ab, und ob und wann man eine mentale oder körperliche Grenze erreicht. Gehen wir davon aus, dass jemand zehn Kilometer in der Woche schwimmt, dann denke ich, dass es nach 25 Kilometern etwas schwierig wird, sich weiter zu motivieren. Geübte Schwimmer finden oft den Schlafentzug und eine mögliche Absenkung der Wassertemperatur in der Nacht schwierig.

Ein paar Tipps für den Anfänger bitte. Wie kommt man am besten durch die Nacht? In der Nacht sind die Schwimmbäder meistens leer. Die Atmosphäre ist dann etwas ganz Besonderes und wunderschön. Wettkampfschwimmer kennen das Gefühl, wenn du dir die Bahn beim Einschwimmen mit 20 oder 30 Leute teilen musst. Erst mit dem Startpfiff gehört dir die Bahn ganz allein. Genau diese Gefühle durchleben wir beim 24-Stunden-Schwimmen auch. Zu Beginn der Veranstaltung ist es übervoll und jeder stört jeden. Da ist so viel Konkurrenz im Wasser, dass es manchmal schwerfällt, sich aufs Schwimmen zu konzentrieren. In der Nacht bist du dann allein mit dir und deinen Gedanken. Der beste Tipp, den ich geben kann: schwimmt die ersten 24-Stunden-Schwimmen nicht allein, sondern mit guten Freunden. Es ist Extremsport und es kann hilfreich sein, wenn du jemanden hast, der auf dich aufpasst.

Hast du ein persönliches Lieblingsschwimmen? Ich habe an 124 24-Stunden-Schwimmen teilgenommen und etwa 45 verschiedene Veranstaltungen besucht. Jede lebt vom Herzblut der Veranstalter und den Teilnehmern. Im Team Warmduscher schwimmen wir miteinander und nicht gegeneinander. Das verstehen viele nicht, wenn sie nur unsere Team- oder Einzelerfolge sehen. Für unser Team sind die 24-Stunden-Schwimmen in Schonungen und in Meiningen etwas Besonderes. Die Veranstalter weisen für gute und relaxte Vielschwimmer extra Bahnen aus. Als Team-Wettkampf gefallen mir Stuttgart und Mühlacker besonders gut, weil dort die Konkurrenz stark ist. Außerdem haben sich über die Jahre tolle Freundschaften zu anderen Teams entwickelt. Alle Vielschwimmer und Langstreckenschwimmer haben einen leichten Knacks. Da versteht man sich untereinander.

Wer hält den Deutschen Rekord und wer den Weltrekord? Den Weltrekord und zugleich deutschen Rekord bei den Frauen hält seit Juni 2017 Vera Niemeyer mit 96,3 Kilometern. Unsere besten Warmduscherinnen: Hannah Ney mit 61 Kilometern in Gießen 2018 und Anne Hemnd mit 60 Kilometern in Meiningen 2017. Bei den Männern darf ich mit Stolz sagen, dass der deutsche Rekordhalter aus unserem Team stammt. Chris Pascal Hoffmann ist 94,55 Kilometer weit geschwommen. Zweitbester Warmduscher ist Vasi Tekidis, der letztes Jahr in Stuttgart 72,5 Kilometer geschafft hat. Den Weltrekord hält seit März 2018 der niederländische Olympiasieger Maarten van der Weijden mit 102,8 Kilometern. 

Ab welcher Distanz darf man sich bei den Warmduschern als Mitglied bewerben? Es gibt bei uns keine Aufnahmekriterien. Jede und jeder darf bei uns mitschwimmen. Man sollte Teamplayer sein und auch andere unterstützen. Uns sind Fairplay und gegenseitiger Respekt besonders wichtig. Wir haben das Motto „Jeder Kilometer zählt“ und so sollte auch ein Marathonschwimmer einem Schwimmanfänger Respekt zollen und unterstützen. Das warme Duschen verbindet uns schließlich.

Apropos. Schwimmt ihr eigentlich nur im Warmen? Natürlich nicht. Bei 200 Mitgliedern gibt es auch welche, die im Meer schwimmen und sich im Laufe der Jahre an eine der bekannten Querungen trauen. Und es gibt ein paar Eisschwimmer bei uns.

“Ein Leben ohne Schwimmen? Kann ich mir nicht vorstellen!”

Hand aufs Herz, du schwimmst auch im Freiwasser – im Bodensee zum Beispiel. Ist das nicht viel angenehmer als in einem überfüllten, aufgeheizten Hallenbad? Also mir gefällt beides. Man muss sich darauf einlassen, welche Gegebenheiten vorliegen. Ein Leben ohne Schwimmen ist für mich nicht vorstellbar. Aber ob im See, im Meer oder in einem tollen Pool ist mir nahezu egal. Ich liebe es, synchron oder durch die Nacht mit meinen Freunden zu schwimmen. Aber ich bin auch schon allein mit Mantas oder organisiert durch den Bodensee geschwommen.

Es gibt kein Event, das sich nicht steigern ließe: Was hältst du von 48-Stunden-Schwimmen? Es gibt auch 48 oder 50 Stundenschwimmen. Und ich habe mich auch schon daran gewagt. Unser bester Warmduscher hat übrigens 100 Kilometer in 48 Stunden geschafft. Was ich davon halte? Es ist halt verrückt, extrem, nicht notwendig. Aber es macht Spaß und ist ein tolles Gefühl, ein Wochenende im Hallenbad oder im Freibad zu verbringen. Ein Abenteuer, das ich jedem Sportler, jedem Schwimmer und jeder Familie einmal wünsche. Ich würde aber mit 24 Stunden beginnen. Die Kilometerleistung muss jede und jeder für sich selber abschätzen. Grenzen erkennen, aber auch Grenzen überwinden. Die eigene Komfortzone verlassen und an sich glauben.

Welche Ziele hast du dieses Jahr?

Im Januar hatten wir bereits einen unserer Team-Höhepunkte im neuen Neckarbad in Stuttgart. Mit 54 Schwimmerinnen und Schwimmer haben wir insgesamt 1.344 Kilometer zurückgelegt. Wir sind dabei für die Olgäle Stiftung und den Förderkreis Krebskranke Kinder in Stuttgart geschwommen und konnten eine große Spende ermöglichen. So hatten die kleinen Patienten und Patientinnen auch etwas von unserem Langstreckenschwimmen. Das nächste Ziel ist Mainburg. Dort werden wir unser Sommerfest und unseren 14. Geburtstag feiern.

Mehr Infos beim Team Warmduscher.

Martin Tschepe
Martin Tschepehttp://www.bahn9.de/
Martin Tschepe ist freier Autor, Swimguide, Freiwasser- und Eisschwimmer des SV Ludwigsburg.

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