Eine Woche WM im Winterschwimmen in Oulu: Unser Autor schwimmt jeden Tag mit, berichtet aus dem Eiswasser – und vom Beckenrand.
Die ersten Stunden des zweitletzten WM-Tags gehört allein den Brustschwimmern. Von früh am Morgen bis kurz vor 12 Uhr wird ein Lauf nach dem anderen gestartet – insgesamt 78 Läufe mit jeweils zehn Schwimmerinnen beziehungsweise Schwimmern. 25 Meter Brust: diese Strecke kann wirklich jede(r) absolvieren, auch im eiskaltem Wasser und ohne zeitaufwendiges Training.
Die Stimmung am Beckenrand ist gut, die Saunas sind mitunter so voll, dass Reinkommen schier unmöglich ist. „Das sind ja fast finnische Meisterschaften“, so der Sprecher, der die WM von früh bis spät kommentiert, mit Blick auf den Lauf Nummer 45. Sieben der zehn Schwimmerinnen sind Finninnen. Diesen Lauf gewinnt eine Frau aus dem Gastgeber-Land: Martta Ruuska. Der erste Lauf der Männer zeigt die gesamte Bandbreite dieser 25 Meter Brust: der Schnellste schlägt nach 17,01 Sekunden an, der Langsamste nach 54,61 Sekunden. Und im Ziel gibt’s Applaus für alle. Für die langsamen und die schnellen wie Franzi Partheymüller, sie schwimmt die besten Zeit aller Frauen: 18,32 Sekunden.
Alle Artikel aus Martins WM-Tagebuch
Tag 1: Willkommen in Oulu
Tag 2: Die ersten Wettkämpfe in Finnland
Tag 3: Schmelzendes Eis und kalte 450 Meter
Tag 4: Sprint im Eiswasser
Tag 5: Partystimmung bei 0 Grad Wassertemperatur
Tag 6: Oulu, ich komme wieder!
In der Mittagspause zwischen 12 und 13 Uhr ist das Wettkampfbecken für alle geöffnet. Für alle, die einfach so mal rein wollen ins Wasser, aber kein Rennen schwimmen möchten. Top Wetter für die Novizen: die Sonne lacht vorübergehend vom Himmel. Und mit dem Stern strahlen die Schwimmerinnen (es sind fast nur Frauen) um die Wette. Alle schwimmen ganz gemütlich, manche mit lustigem Hut, mit Perücke oder übergroßer Sonnenbrillen.
Gegen 15 Uhr mein letzter Einzelstart bei dieser coolen WM: 100 Meter Freistil. Läuft ok, ich werde in meiner Altersklasse vierter, die sprichwörtliche Blech-Medaille. Für mich bleibt‘s also bei zweimal Gold (200/450 Freistil) und einmal Bronze (25 Schmetterling). Was für eine schöne Bilanz!
Die schnellste Zeit über 100 Meter prügelt – wieder mal – Viktor Bromer aus Dänemark ins Eiswasser: 55:57 Sekunden. Schnellste Frau ist Marie-Therese Bartl aus Burghausen, der deutschen Eisschwimm-Hochburg, 1:06,4, die vom Erfolgstrainer Stefan Hetzer gecoacht wird.
Seit Beginn dieser WM werben die Veranstalter fürs Mitschwimmen bei einer Weltrekordversuch-Staffel. Um 18 Uhr soll es los gehen, benötigt werden 808 Männer und Frauen, die jeweils eine Bahn schwimmen. Fest steht schon vorher: geschwommen wird bis weit nach Mitternacht. Ich hab mich vom Ice-Doc Alexandre Fuzeau überreden lassen auch mitzumachen, und muss nun – wohl oder übel – irgendwann zwischen 22 und 23 Uhr nochmal rein in das eiskalte Wettkampfbecken. Kurz vor dem Start heißt es über die Lautsprecherboxen: achteinhalb Stunden lang werde wohl geschwommen, pro Stunde seinen rund 100 Sportler eingeplant.
18:12, der Start. Das wird eine lange, kalte Nacht in Oulu. 22 Uhr, auf der Anzeigetafel steht: bis dato sind 399 Schwimmerinnen und Schwimmer gemeldet. Wir brauchen also nochmal so viele plus ein paar. Abwarten, ob das klappt mit dem Weltrekord. Die Stimmung in der Halle, in der geschätzt 100 Sportler auf ihren Start warten ist, ist super. Eben läuft „Billie Jean“ von Michael Jackson. Es wird gesungen und getanzt.
Paar Minuten nach 23 Uhr sind Alexandre und ich dran. Die eine Bahn ist schnell erledigt. Wobei schnell schwimmen diesmal gar nicht gefragt ist. Jede(r) schwimmt nach Belieben – verkleidet, rückwärts, mit Leuchtdioden auf dem Kopf, wie auch immer. Kurz vor Mitternacht sind 565 Schwimmer registriert. Ob das noch was wird mit dem Weltrekord? Nein, es reicht nicht. Weit nach Mitternacht ist Schluss, genau 758 Männer und Frauen sind jeweils eine Bahn geschwommen. Schade, aber nicht schlimm. Nach einer kurzen Nacht werden schon in ein paar Stunden, am letzen WM-Tag, noch zwei sogenanntes Superfinales über 50 Meter Freistil und die Viermal-25-Meter-Staffeln geschwommen.