Eine neue Studie zu Ärmelkanal-Durchquerungen zeigt: Männer sind meist schneller als Frauen – doch Alter, Wassertemperatur und Distanz relativieren den Unterschied.
Der Ärmelkanal gilt als eine der größten Herausforderungen im Open-Water-Schwimmen. Kälte, Strömung und die stundenlange Belastung machen die rund 34 Kilometer lange Strecke zwischen England und Frankreich zu einem echten Härtetest. Eine neue wissenschaftliche Analyse von vier US-Forschern aus Minnesota und Illinois hat nun untersucht, wie groß die Leistungsunterschiede zwischen Männern und Frauen bei dieser Extremdistanz tatsächlich sind. Die Studie wurde im Dezember 2025 im Journal of Applied Physiology veröffentlicht.
Die Forscher analysierten 2.593 bestätigte Solo-Durchquerungen aus dem Zeitraum von 1875 bis 2025, wobei Mehrfachschwimmer nur mit ihrer jeweils schnellsten Zeit gewertet wurden. Weil die im Jahr 2000 aufgestellten Regeln der Channel Swimming Association ein Mindestalter von 16 Jahren vorsehen, wurden jüngere Schwimmerinnen und Schwimmer ausgeschlossen.
Das zentrale Ergebnis der Untersuchung: Männer sind im Schnitt schneller als Frauen – allerdings fällt der Unterschied relativ gering aus. Über alle Teilnehmenden hinweg lag der Vorsprung der Männer bei nur 2,2 Prozent. Während Frauen im Durchschnitt 13:50 Stunden benötigen, sind Männer 18 Minuten früher im Ziel.
Geringerer Unterschied als bei Läuferinnen und Läufern
Deutlich größer wird die Lücke erst, wenn man ausschließlich die absolute Spitze betrachtet. Unter den jeweils 100 schnellsten Schwimmerinnen und Schwimmern betrug der Unterschied in der Gesamtzeit rund 7 Prozent. Als Beispiel sei der Unterschied der aktuellen Rekorde genannt. Dieser liegt bei den Männern bei 6:45:25 Stunden (geschwommen von Andreas Waschburger im Jahr 2023) und bei den Frauen bei 7:25:15 Stunden (geschwommen von Yvetta Hlavacova im Jahr 2006). Der zeitliche Unterschied beträgt 9,8 Prozent.
So erstellten die Forscher die Datenbasis für die Studie
3.310 Ärmelkanalschwimmen insgesamt
– 1 assestierte Querung
– 22 Querungen von Schwimmerinnen und Schwimmern unter 16 Jahren
– 517 langsamere Querungen von Mehrfachschwimmern
= 2.593 (1.724 Männer und 869 Frauen)
Interessanterweise zeigen sich bei sehr jungen Athletinnen und Athleten kaum Leistungsunterschiede. Erst mit zunehmenden Jahren vergrößert sich die Lücke deutlich. Während sie bei 20- bis 29-Jährigen noch bei rund fünf Prozent liegt (die 30 schnellsten Frauen dieser Kategorie sind im Schnitt sogar etwas schneller als gleichaltrige Männer), steigt sie bei über 60-Jährigen auf mehr als 25 Prozent an.
Schnellste Zeiten bei 17–18 Grad Wassertemperatur
Insgesamt konnten sich die Schwimmleistungen beider Geschlechter bis Mitte des 20. Jahrhunderts stark verbessern. Seit den 1970er-Jahren haben sich die Schwimmzeiten aber weitgehend stabilisiert. Bezogen auf die Wassertemperatur werden die besten Zeiten bei Wassertemperaturen zwischen 17 und 18 Grad Celsius erzielt. Die Autoren schreiben dazu, dass sich entgegen früherer Vermutungen kein klarer Vorteil für Frauen im kalten Wasser zeige und Männer in allen Temperaturbereichen schneller waren. Kritisch räumen die Wissenschaftler ein, dass die Wassertemperatur nur einer von mehreren Parametern beim Freiwasserschwimmen sei und die jeweiligen Bedingungen auch von Wellenhöhe, Wind und Strömung anhingen.
Laut den Forschern bestätigt die Studie: Beim Langstreckenschwimmen in offenen Gewässern gleichen sich die biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern teilweise an. Beispielsweise sind die Unterschiede bei Ultraläuferinnen und Ultraläufern mit bis zu 20 Prozent Zeitunterschied deutlich größer. Über die Gründe dafür machen die Autoren keine konkreten Angaben, jedoch äußern sie die Vermutung, dass die speziellen Anforderungen beim Open-Water-Schwimmen dazu führen könnten, dass die physiologischen Vorteile, die Männer bei Sportarten an Land haben, im Wasser weniger zur Geltung kommen. Dies könnte am höheren Körperfettanteil von Frauen liegen, der sich beim Schwimmen sowohl auf den Auftrieb als auch auf den Wärmehaushalt positiv auswirkt.