Gastkommentar zur Olympia-Verschiebung | “Vollbremsung statt Totalschaden!”

Für Olympiaschwimmer Dr. Christian Tröger hat das IOC in den letzten Jahren viel Akzeptanz und Glaubwürdigkeit verspielt. Die Hängepartie um die Verschiebung von Tokio 2020 sei ein perfides Spiel gewesen.

Christian Tröger
privat Christian Tröger gewann 1992 und 1996 insgesamt dreimal Bronze bei Olympia. Heute betreibt er in München die Schwimmschule Aquatics.

Olympische Spiele sind eine grandiose Idee, welche definitiv erfunden werden müsste, wenn es sie noch nicht gäbe. Ich selbst durfte 1992, 1996 und 2000 drei Mal dabei sein. Doch durch Gigantismus, Hybris und Intransparenz verspielt das Internationale Olympische Komitee seit Jahren zunehmend Akzeptanz und Glaubwürdigkeit. Bis zuletzt drohte das System nun tatsächlich zu implodieren: Denn statt im Hinblick auf die weltweite Corona-Krise endlich die Reißleine für Tokio 2020 zu ziehen und über seinen eigenen Schatten zu springen, spielte das IOC gerade auf Kosten seiner sportlichen Protagonisten ein perfides Spiel.

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Angesichts gesperrter Schwimmbäder, Sportplätze und Hallen ist ein „olympiagerechtes“ Training derzeit schlichtweg gar nicht möglich. Gewiss hätten einige besonders protegierte respektive unbelehrbare Sportler hier Sonderwege gefunden. Aber auch genau diese Fraktion dürfte besonders anfällig dafür sein, die gleichzeitig weitgehend ausgesetzten Dopingkontrollen als Chance für sich zu entdecken.

Kurzum: von Fairplay wären wir bei einer Durchführung meilenweit entfernt gewesen. Mehr als jemals zuvor.

“Ohne das Feuer der Athleten, wird die Olympische Flamme bald erlöschen”

Dem IOC steht mit Dr. Thomas Bach beileibe kein bloßer Theoretiker vor. Ganz im Gegenteil: Der Präsident kennt tatsächlich beide Seiten der Medaille. So kämpfte er einst nicht nur für die Interessen der Athleten, sondern musste nur vier Jahre nach seinem triumphalen Olympiasieg auch seine größte sportliche Niederlage miterleben: den Olympiaboykott von 1980.

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Umso befremdlicher ist es, dass gerade dieser Mann bisweilen jegliches Gespür für die (Gefühls)Lage der Sportler vermissen lässt.

Gestern rang sich das IOC endlich zu einer Entscheidung durch: Die Verschiebung der Olympischen Spiele ins Jahr 2021. Eine Entscheidung, welche wirtschaftlich gesehen sicherlich schwierig war, das Internationale Olympische Komitee aber vor weitaus größerem Schaden bewahrte. Denn die Zukunft dieser Organisation wird nicht nur getragen von den Einnahmen der Wirtschaftspartner, sondern speist sich insbesondere von der Begeisterung, welche die Hauptdarsteller für dieses Format tief in ihren Herzen tragen. So viel ist sicher: Ohne das Feuer der Athleten, wird die Olympische Flamme bald für immer erlöschen. Am Ende waren die Hilferufe innerhalb der „Familie“ so laut und die Argumente so schlagend, dass selbst das IOC die Realität nicht mehr negieren konnte. Die Vollbremsung kam unanständig spät, aber zum Glück nicht zu spät.

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