Feinschliff
High-End-Training: Der Strömungskanal

Wenn es um die Verbesserung aerodynamischer Eigenschaften geht, ist die Nutzung eines Windkanals ein unverzichtbares Instrument. Im Schwimmsport macht man sich die Hilfe von Strömungskanälen immer mehr zunutze. Was kann ein Strömungskanal an Erkenntnissen bringen und was bringen günstige Alternativen für den Hausgebrauch?

Der technologische Fortschritt hält immer mehr Einzug in den Sport und die Entwicklung moderner Sportgeräte. Das komplexeste Sportgerät aber ist und bleibt der Athlet selbst. Für die Optimierung seiner Fähigkeiten gibt es eine Fülle an Instrumentarien zur Leistungsmessung und –optimierung, um möglichst viele an der Leistungserbringung beteiligte Parameter zu erfassen.

In einer Gegenstromanlage ist es möglich, exakte Strömungsgeschwindigkeiten zu erzeugen und Bedingungen vollständig wiederholbar und reproduzierbar zu machen. Anders als im Becken, und vergleichbar zu einem Laufband, wird dem Sportler eine gleichmäßige Geschwindigkeit vorgegeben. Das erlaubt auf der einen Seite eine präzise Ansteuerung der Schwimmgeschwindigkeit, zwängt dem Sportler aber auch eine gegebene Geschwindigkeit auf.

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Schwimmen auf der Stelle

Das Schwimmen auf der Stelle ermöglicht den Biomechanikern und Leistungsdiagnostikern eine völlig neue Dimension der Analyse. Moderne Kanäle verfügen über mehrere, fest installierte Kameras innerhalb und außerhalb des Beckens, um die Technik des Sportlers mehrdimensional zu erfassen. Auf diese einzigartige Weise können nicht nur einzelne Fehlerbilder, sondern auch mit dem Ursprungsfehler zusammenhängende Fehlerketten bestimmt werden.

Schließlich wirken beispielsweise mit dem Frontalwiderstand sowie den Verwirbelungen und dem Endsog gleich mehrere Schleppfaktoren auf den Schwimmer ein. Diese hinderlichen Faktoren zu minimieren ist deshalb zu Recht eine der Hauptaufgaben einer Analyse.

Von 0 m/s bis Weltrekordtempo

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Dank der stufenlosen Regulierung der Strömungsgeschwindigkeit von 0 bis 2,5 m/s könnten eigentlich Personen jeder Leistungsklasse die Vorteile eines Kanals nutzen. Leider jedoch gibt es keine Anlage in Deutschland, die der Öffentlichkeit, bzw. Hobby- oder Amateurschwimmern zugänglich ist. Derzeit befinden sich alle Strömungskanäle an Olympiastützpunkten wie Berlin, Hamburg, Leipzig, Halle oder Magdeburg. Ihre Nutzung ist ausschließlich den Kaderathleten der Verbände vorbehalten und somit für Privatpersonen nicht geöffnet.

In Europa bietet lediglich das T3-Trainingszentrum auf Teneriffa, wo ich als Trainer tätig bin, eine private Nutzung an. Hier kann man Aufenthaltszeiten buchen oder sich eines der speziellen Trainings-Camps auswählen, in denen der Kanal gezielt für das Techniktraining eingesetzt wird. Doch auch auf den Kanaren findet man deutsches Know-How vor – die dortige Gegenstromanlage wurde vom Technischen Zentrum Leipzig, dem Marktführer auf diesem Gebiet,  konzipiert und erbaut. Dass sich die Leipziger Ingenieure auf hohe Strömungsgeschwindigkeiten großer Wassermassen verstehen, haben sie auch durch den Bau verschiedener Wildwasser-, Kanu- und Raftinganlagen eindrucksvoll bewiesen.

Kanal im Garten?

Für Spitzenschwimmer wie Paul Biedermann steht jedenfalls fest, dass auch ihre Konkurrenz das Training im Strömungskanal als wichtigen Baustein im Training einsetzt. Nach dem Verbot der Hightech-Schwimmanzüge und der dadurch wieder gestiegenen Bedeutung einer perfekten Schwimmtechnik stellt Biedermann fest: „Und wenn es um den Feinschliff geht, kommt man am Kanal nicht vorbei.“

Außer den High-End-Anlagen in Trainings- und Leistungszentren, bieten einige Hersteller Gegenstromanlagen für den Heimgebrauch oder in Kombination mit kleinen Becken an. Als Leitungsschwimmer sollten Sie solche Investitionen, die in der Regel bei etwa 40.000 Euro liegen, sorgfältig hinterfragen. Bei allem Reiz, die ein Heimtraining unter präzise regulierbaren Strömungsgeschwindigkeiten hat, so genügen diese Geschwindigkeiten oftmals nur für ein moderates Grundlagentempo. Zudem kann es vorkommen, dass sich unangenehme Wellenformationen ergeben, die das kleine Becken in ziemliche Unruhe versetzen kann. Testen Sie Ihre Wunschanlage also vor einem möglichen Kauf, hinterfragen Sie die Energiekosten und spitzen Sie die Ohren. Denn es soll bei Installationen im Garten schon zu Beschwerden der Nachbarn wegen Lärmbelästigung gekommen sein.

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