Joseph Hess schwimmt durch den Rhein
Ein Tag mit dem Mammutschwimmer

Joseph Hess krault die 1.200 Kilometer von der Rheinquelle in der Schweiz bis nach Rotterdam. Ein Abenteuer im Dienste der Wissenschaft.

Martin Tschepe Joseph Hess schwimmt an manchen Tagen 50 Kilometer durch den Rhein.

Ein beherzter, etwas unüberlegter Sprung ins Wasser. Und dann hat er den Salat, die Misere. Joseph Hess will an diesem Tag im Juni, dem längsten Tag des Jahres, eigentlich “Kilometer gut machen” im Rhein. Bei dem spontanen Fußsprung in den deutsch-französichen Grenzfluss auf der Höhe von Breisach verliert der Mann aus Chemnitz, der seit dem 11. Juni unterwegs ist, aber seine Schwimmbrille. Ausgebremst. Schon wieder. Ein Reporter einer Lokalzeitung hatte den Rheinschwimmer abgepasst und den Mann, der eben noch auf seinem Begleitboot stand, gebeten doch bitte “nur ganz kurz” ans Ufer zu kommen. Joseph Hess ist einer, der anderen kaum einen Wunsch abschlagen mag. Also springt er. Und die Schwimmbrille ist weg. Mist. Zwangspause. Eigentlich wolle er doch Kilometer machen, murmelt er nochmal und schüttelt den Kopf. Ärgert sich. Vermutlich ein klein bisschen über den Journalisten. Aber viel mehr noch über sich selbst.

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Es ist Tag zehn seines auf knapp vier Wochen veranschlagten und gut 1.200 Kilometer langen Mammutschwimmens von der Rheinquelle Toma See in der Schweiz bis nach Rotterdam. Hess will um den 5. Juli rum in der holländischen Hafenstadt ankommen, doch das Projekt steht zunächst unter keinem guten Stern. Der Sportler war malad, hatte zwei Tage lang Magen-Darm-Beschwerden, ist trotzdem geschwommen. Nicht so weit wie geplant, aber immerhin, er ist gekrault. Dann der Motorschaden im Boot seines Schwiegervaters Heiko Wilke, der zusammen mit zwei von Josephs besten Kumpels die Abenteuerreise begleitet.

Martin Tschepe Die Kajakbegleitung ist eine Anordnung der Behörden.

Weniger Strömung als gedacht

Boot defekt, Ende der Mission? Nein, natürlich nicht. Joseph hat nach dem Malheur mit dem Motor flugs ein gebrauchtes Boot auf eBay-Kleinanzeigen gesucht, eins mit 160 PS gefunden und sofort gekauft. 9.000 Euro bezahlt. Nach dem Ende der Mission soll das Schiff möglichst schnell wieder abgestoßen werden. Weiter ging die Reise im neuen, alten Boot, der “Sira”. Und nun steht er an diesem Tag zehn seines Abenteuers also ein bisschen bedröppelt am Ufer und beantwortet die Fragen des Redakteurs, der nach dem Interview anbietet, mit dem Rad ins nächste Sportgeschäft zu fahren und Ersatz zu beschaffen. Keine Viertelstunde später ist die neue Brille beim Joseph. Der Schwimmtag kann weiter gehen.

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Gut drei Stunden vorher. Rheinkilometer 210. Der Schwimmtag beginnt auf der Höhe von Fessenheim in Frankreich, jenem Ort mit dem umstrittenen, mittlerweile stillgelegten Atomkraftwerk. Am Vortag ist Hess 37 Kilometer weit gekommen, er hat ein paar vom Neoprenanzug aufgescheuerte Stellen an der Haut, ist aber nach wie vor erstaunlich fit. Also dann, wieder rein in den Neo, Stöpsel in die Ohren, Bademütze auf – und los geht’s. Eben hat der Extremsportler noch Müsli gegessen, Kaffee getrunken. Er ist erstmal gut versorgt, krault beherzt los. Mit seinen langen, kräftigen Zügen kommt er flott voran. Aber nicht so schnell wie erwartet. Noch mehrmals an diesem super sonnigen, glühend heißen Tag wird er sich beschweren über die Informationen, die er im Internet gefunden hat. Überall hieß es, der Rhein fließe mit rund fünf Stundenkilometern. Stimmt nicht. Joseph schafft sechs Kilometer pro Stunde, mit der erwarteten Strömung hätten es locker neun, vielleicht auch zehn Kilometer pro Stunde werden können. “Easy peasy” wäre das gesessen, so Hess, Kinderleicht. Das Schwimmen ist und bleibt auf diesem Flussabschnitt harte Arbeit.

Martin Tschepe Beim Frühstück wird noch mal die heutige Strecke gecheckt.

Spezialnahrung? Hauptsache Kalorien!

Andreas Maier paddelt stets in einem Kanu dicht neben Joseph her. Weicht nie von der Seite seines Kumpels aus Kindertagen. Ein Kajakfahrer als Begleiter, das ist eine der vielen Auflagen der Behörden, die nach längerem Zögern die Genehmigung für das Schwimmen erteilt hatten. Das Projekt heißt Swim4Sience. “Ein Abenteuer im Dienste der Wissenschaft”, mit diesen Worte hat Hess sein Unterfangen angekündigt. Unterwegs werden Wasserproben für die Hochschule Furtwangen genommen. Sportmediziner und Psychologen der Unis Leipzig und Chemnitz untersuchen die körperlichen und mentalen Auswirkungen der extremen Belastungen – auf den Sportler und auch auf seine Begleiter. Studenten der Hochschule Mittweida in Sachsen produzieren einen Dokumentarfilm, der im nächsten Jahr bei Festivals gezeigt werden soll.

Kilometer 222. Wieder eine kurze Trinkpause, so wie fast alle zwei bis drei Kilometer. Ein Schiff, die “Gotardo”, verursacht ordentlich Wellen. Der Schwimmer und sein Begleiter im Kanu schaukeln wie im Meer. Nach weiteren zwei Kilometern: die nächste Trinkpause, Joseph nimmt fast immer Cola, gelegentlich mal Wasser. Von spezieller Sportlernahrung hält er nichts, isst lieber Brötchen oder Speisen, die sein zweiter Kumpel, Matúš Helienek – der Tag aus, Tag ein das gemietete Wohnmobil am Rhein entlang fährt – unterwegs kauft oder kocht. Pizza zum Beispiel. Oder Döner. Hauptsache viele Kalorien. Heiko Wilke, der Schwiegervater, gibt Andreas im Kanu über Funk durch, wenn ein Schiff von hinten oder von vorne kommt. Der Rhein ist zwar breit genug für Lastkähne, Ausflugsschiffe, Kajaks, Schwimmer und Getier, etwa Schwäne – aber sicher ist sicher. Nach wie vor pflügt Joseph mit kräftigen Zügen durch den Rhein. Vor den Schleusen indes muss er auf das Motorboots steigen, auch eine Auflage des Schifffahrtsamts.

Joseph Hess schwimmt seit Kindertagen, war aber nie Spitzenschwimmer. Über 24-Stunden-Schwimmen kam er zum Freiwasserschwimmen. Der Mann, der bei der Uni Chemnitz angestellt ist, hat die Straße von Gibraltar gequert, er ist die komplette Elbe geschwommen und hat die zehn größten Seen Deutschlands bezwungen. Er wird oft gefragt, warum er so viel schwimmt. “Aus Abenteuerlust”, sagt er dann – und weil er im Job immer sitzen müsse.    

Brille hält. Weiter geht’s

Kilometer 224. Kurz vor der Schleuse Vogelgrün müssen Hess und seine Helfer warten. Zwei Transportschiffe haben Vorfahrt. Es ist 12:15 Uhr, der Extremsportler hat in gut zwei Stunden rund 14 Kilometer geschafft. “Wenn das so weiter läuft, dann kommen wird heute doch noch bis nach Straßburg”, ruft er und grinst. Diese französische Stadt im Elsass wäre eigentlich das Etappenziel, aber der Rheinschwimmer ist einen Tag hinter seinem Plan zurück. Straßburg ist noch sehr weit weg. Andreas antwortet trocken: “Humor hat der Joseph.” Und der Schwiegerpapa ergänzt: “Aber nicht mehr lange.” Eine Cola, ein Käsebrot. Tut was weh? Josephs Antwort: Daumen hoch, “aber das Warten vor der Schleuse nervt”. 12:50 Uhr, in der Schleusenkammer, alle Mann sind auf dem Begleitboot. Wieder eine Cola. Joseph füttert sich mit dem nächsten Süßgetränk und seine Follower auf Facebook und Co. via Smartphone mit Infos vom Tag.

Dann der besagte Kilometer 226, die Zwangspause wegen der verlorenen Brille. Als der Ersatz da ist, sagt Joseph: “Man lernt nie aus.” Fortan will er immer mindestens eine Reservebrille an Bord haben. Der Wirtschaftsingenieur mit Doktortitel hat viele Stärken, das Warten gehört nicht dazu. 13:30 Uhr, ein deutlich vorsichtigerer Sprung ins Wasser. Die Brille hält. Und weiter geht’s. Bei Breisach fließen der Rhein-Kanal und der Alte Rhein zusammen, womöglich hat der Fluss nun mehr Strömung? Bald wird klar: nein, nicht wirklich. Bei Kilometer 228 vorbei an einem alten Militärhafen. Andreas gibt über Funk durch, ihm sei “super langweilig”. Wobei man bei ihm nie weiß: Meint der Typ das ernst, was er sagt? Oder macht er wieder ein Späßchen? Wer – wie diese vier Männer – fast einen Monat lang zusammen lebt, im selben Auto schläft, sich ständig sieht, hört, riecht, wer das alles tut: braucht Humor. Manchmal Galgenhumor.

Martin Tschepe Und noch einen Schluck Cola.

Pause. Pizza. Weiter.

Die Luft hat am Nachmittag in der Sonne weit mehr als 30 Grad, das Wasser gut 20. Die Pizza, die Matúš vorhin zum Boot gebracht hat, muss warten. Liegt in der Hitze. Kalt wird das Mittagessen jedenfalls nicht. Kilometer 234, Joseph sagt: “Ich knall mir jetzt kurz ne Pizza rein.” Ein Paar Minuten Pause, eine Cola. Noch fit? “Klar!” Tut jetzt was weh? Kopfschütteln. Was ist mit den Schürfwunden am Hals vom Anzug? “Der Schmerz kommt erst heute Abend.” Na dann. Und weiter, Strecke machen.

Kilometer 240, 16:50 Uhr, Joseph ist seit dem Morgen rund 30 Kilometer geschwommen. Die Schleuse Marckolsheim ist frei, alles geht diesmal ratzfatz. Joseph erklärt auf Nachfrage etwas gelangweilt, dass ihm nach wie vor nichts wehtue. Die Scheuerstellen? Halb so wild, “morgen ziehe ich den anderen Anzug an, der reibt an anderen Stellen”. Kilometer 245, die nächste Cola – und weiter. Jetzt kommt Gegenwind auf, es bilden sich kleine, fiese Wellen. Rheinkilometer 247, Weisweil. An diesem Ort wäre nach dem ursprünglichen Plan an diesem Schwimmtag der Start erfolgt. Von nun an macht der Rheinschwimmer endlich Kilometer gut.

Swim4Science

Für das Projekt Swim4Science hat der Extremschwimmer rund 10.000 Euro Sponsorengelder eingesammelt, er selbst investiert nochmal einen niedrigen fünfstelligen Betrag. Während der zwei Coronajahre habe er nicht viel Geld ausgegeben und sparen können. Seine Gattin ist nur mäßig begeistert von den kostspieligen Schwimmprojekten ihres Mannes.

Mehr Infos auf der Website des Rheinschwimmers

Die Rheinschwimmer

Von drei Schwimmern ist bisher bekannt, dass sie durch den gesamten Rhein gekrault sind. Die größte Leistung hat vermutlich Klaus Pechstein vollbracht. Er schwamm 1969, damals war das Rheinwasser noch weit verschmutzter als heute. Pechstein war 30 Tage unterwegs. Der Schweizer Expeditionsschwimmer Ernst Bromeis benötigte 44 Tage für sein Rheinabenteuer. 28 Tage lang war Andreas Fath unterwegs, ein Professor von der Hochschule Furtwangen – der gerade die komplette Donau geschwommen ist. Er sammelte unterwegs im Rhein Wasserproben.        

Der Schlepper “Freiburg” kommt von vorn und produziert ordentlich Wellen – fast wie im Meer. Im Radio des Begleitboots mit Heiko Wilke am Steuer läuft SWR4, Nachrichten und Schlager. “Schlager? Find’ ich gut”, sagt Heiko und grinst breit. “Ich stehe dazu.” Andreas wird später feixend erklären, dass er deshalb ganz froh sei, meistens im Kanu zu sitzen, weit weg von den Lautsprecherboxen.

Martin Tschepe Trotz Vaseline lassen sich Scheuerstellen nicht vermeiden.

Keine Zeit für Kaffee

Dann wird’s dem Joseph im Neo ungemütlich, er zieht die Pelle aus – schwimmt ohne Anzug weiter. Das kostete ein bisschen Geschwindigkeit, denn mit Neo liegt fast jeder Schwimmer besser in Wasser und ist deshalb flotter unterwegs. Aber was soll’s. Bis Straßburg, das wird an diesem Tag eh nix mehr. Joseph krault weiter im Dreierzug, er atmet bei jedem dritten Zug im Wechsel, mal rechts, mal links, dann wieder rechts und dann links. Dreierzug beherrschen nicht alle Schwimmer sonderlich gut, viele haben eine Schokoladenseite. Aber wer im Freiwasser nicht den Überblick verlieren will, sollte zu beiden Seiten atmen – und gelegentlich auch mit Blick nach vorn wie beim Wasserball schwimmen können. Heiko gibt über Funk durch, dass “jetzt Millionen von Jahre entgegen kommen”: ein langes, weißes Flusskreuzfahrtschiff mit in erster Linie älteren Gästen an Bord.

Martin Tschepe

Flusskilometer 249. Eine Frau am Ufer erkennt den Rheinschwimmer. Sie ruft in Richtung Begleitboot, dass sie der Mannschaft gern einen Kaffee spendieren würde. Hier am Kiosk. Abgelehnt. Joseph will weiter Strecke machen. Bei Flusskilometer 257, um 20:30 Uhr, ist aber Schluss für diesen Tag. Joseph sagt, ihm tue zwar immer noch “nichts richtig weh”, aber ihm reiche es trotzdem. Seine Arme seien schwer und er fühle sich schlapp. Kein Wunder, nach fast 50 Kilometern im Rhein.

Am Abend wird auf einem Campingplatz in Frankreich geduscht, Bier getrunken und gegessen – es gibt Hühnchen mit Gemüse und Reis à la Matúš. Punkt 23 Uhr ist Bettruhe, wie jeden Tag. Der Wecker klingelt am nächsten Morgen um sieben. “Ich brauche acht Stunden Schlaf”, sagt Joseph. Gegen acht Uhr gibt es Frühstück, dann die kurze Fahrt zurück zum Rhein, das Schwimmen soll um neun Uhr beginnen. So soll das weiter gehen bis Rotterdam. Tag aus, Tag ein. Rheinschwimmer, Respekt!

Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst in der Stuttgarter Zeitung.

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