Nachhaltige Swimwear
Zwischen grüner Welle und Greenwashing

Nachhaltig, fair, CO2-neutral: Immer mehr Verbraucher achten beim Einkaufen auf ihren ökologischen Fußabdruck. In der Schwimmbranche liegt nachhaltige Swimwear im Trend.

Dieser Artikel erschien im Oktober in der SWIM 44. Die Ausgabe finden Sie hier in unserem Shop.

Der Klimawandel, die Erderwärmung und die Verschmutzung der Weltmeere sind längst nicht mehr nur Themengebiete, mit denen die Grünen bei Bundestagswahlen bei ihren Stammwählern punkten. Das ökologische Gewissen in der Bevölkerung wächst und damit auch die Bereitschaft, für nachhaltig produzierte Ware ein paar Euro mehr auszugeben. Das beginnt auf dem Wochenmarkt bei regional angebautem Gemüse und endet beim bewussten Verzicht auf lange Flugreisen in den Urlaub. Dass ein verändertes Konsumverhalten dringend nötig ist, um die globale Erwärmung einzudämmen und die Erde für nachfolgende Generationen lebenswert zu erhalten, mahnen Umweltaktivisten seit Jahrzehnten. Und so ist heute auch der Kauf eines neuen Badeanzugs oder einer Badehose eine Gewissensentscheidung. Die Frage, die sich jeder stellen sollte, lautet: Weiter wie bisher, oder lege ich Wert auf faire Swimwear aus nachhaltiger Produktion?

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Ein Blick auf die Weltmeere zeigt, wie drastisch sich unser Verhalten auf den Gesundheitszustand des Planeten auswirkt. Neben der steigenden Wassertemperatur in den Ozeanen ist die Verschmutzung durch Plastikmüll ein großes Problem geworden. Ob Flaschen, Lebensmittelverpackungen, Kisten oder Fischernetze: Nach Angaben des WWF gelangen jedes Jahr 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen Plastik in die Meere. Ganze Inseln aus Müll treiben übers Wasser. Die größte von ihnen ist der pazifische Müllstrudel. Allein diese Ansammlung nordöstlich von Hawaii ist auf eine Fläche angewachsen, die Schätzungen ­zufolge mehr als der vierfachen Größe Deutschlands entspricht.

Große Marken, große Versprechen

Als einer der ersten großen Sportbekleidungshersteller ist Adidas seit 2016 in Kooperation mit der Umweltorganisation Parley for the Oceans im Bereich Umweltschutz aktiv. Das deutsche Unternehmen hat sich das Ziel gesetzt, bis 2024 ausschließlich Polyester aus recyceltem Material zu verwenden. Zudem will Adidas seine CO2-Bilanz bis 2030 um 30 Prozent gegenüber 2017 senken. Bis 2050 wolle man Klimaneutralität erreichen, heißt es von der Marke mit den drei Streifen, die neben Laufschuhen, Shirts und Jogginganzügen aus mindestens 40 Prozent recyceltem Material auch nachhaltig produzierte Schwimmbekleidung im Programm hat. Andere „Schwergewichte“ aus der Branche werben mit ökologisch nachhaltig produzierten Bikinis, Badeanzügen und Shorts. So will Speedo bis 2024 sowohl bei der Schwimmbekleidung als auch beim Verpackungsmaterial auf 100 Prozent recycelte Materialien zurückgreifen. Ausgenommen davon sind die „Fastskin“-Wettkampfanzüge, die eine andere Herstellungsweise bisher nicht zulassen. „Wir wollen langfristig nachhaltig werden und unsere Umwelt für zukünftige Generationen schützen. Daher arbeiten wir kontinuierlich daran, den Herstellungs- und Verkaufsprozess unserer ­Produkte zu verbessern“, heißt es in einer Präsentation des Unternehmens. Nachhaltigkeit bedeute für Speedo nicht nur, bei Bekleidung und Verpackung vermehrt auf recyceltes Material zu setzen, sondern zusätzlich Produktionsprozesse und Druckverfahren ökolgisch zu optimieren, um beispielsweise den Wasserverbrauch zu senken. Bis 2028 sollen auch Brillen und Schwimmequipment wie Paddles, Pull-Buoys und Bretter nur noch aus Recyclingmaterial bestehen.

Round Rivers

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Konkurrent Arena will auf die gerade vorgestellte Öko-Kinderkollektion „arena friends“ bis 2022 Freizeitshorts aus recyceltem Polyethylen folgen lassen. Die Material­experten der Italiener sehen in dem Sprung aus dem Freizeitbereich in den Bereich der anspruchsvollen Trainings- oder Wettkampfbekleidung die größte Herausforderung für die kommenden Jahre. „Das größte Hindernis auf dem Weg zu einem zu 100 Prozent recycelten Badeanzug ist die elastische Komponente des Gewebes“, sagt Roberto Tiburzi, Arena-Manager in den Bereichen Bademode und Bekleidung. Obwohl es möglich sei, elastische Garne zu recyceln, seien diese in Bezug auf Leistung und Chlorbeständigkeit noch nicht mit einem Garn aus Rohöl vergleichbar. Man sei sich jedoch sicher, dass man nicht mehr weit von einem nachhaltigen Elastomer – einem elastisch verformbaren Kunststoff – entfernt sei, der dann auch für den Hochleistungsbereich geeignet sei.

Ein limitierender Faktor bei der Entwicklung umweltfreundlicher Swimwear sind für alle Hersteller die enormen Investitionen. „Nachhaltige Materialen bedeuten aufgrund junger Technologien und begrenzter Kapazitäten höhere Kosten“, sagt Tiburzi. Es sei jedoch ein Fehler, nur die Produktionskosten zu betrachten. „Es besteht ein großes Bewusstsein dafür, dass ein anderes Verbrauchsmodell notwendig ist.“ Man müsse das große Ganze sehen, so der Arena-Mann. Wenn die Erwartungen der Verbraucher an die Nachhaltigkeit nicht erfüllt würden, wären die finanziellen Einbußen noch wesentlich höher.

WWF Alte Fischernetze verdrecken die Meere und sind oft eine tödliche Falle für Fische und andere Meerestiere.

Start-ups füllen die Lücke

Neben den großen Marken, die langsam ihre Fühler Richtung „grüner Bademode“ ausstrecken, gibt es einige kleine Labels, die sich bereits voll und ganz dem Thema Nachhaltigkeit widmen. Zum Beispiel die Hamburger Marke „Inaska“, ein Label, das sich seit der Gründung im Jahr 2016 auf ökologische und fair produzierte Swimwear für Frauen spezialisiert hat. „Die Idee entstand beim Beachvolleyball, als wir auf der Suche nach einem Bikini waren, der sowohl gut aussieht als auch gut hält“, sagt Franziska Hannig, eine der Gründerinnen. Nach eineinhalb Jahren Recherche sei klar gewesen, dass man das Projekt „von Grund auf grün“ angehen wollte. Die Materialwahl fiel auf Econyl, ein recyceltes Polyamid aus Italien, das inzwischen auch Adidas, Arena und Speedo verwenden. „Die Materialwahl war für uns superwichtig“, sagt Hannig. Mit dem Einsatz von Econyl verursache man 80 Prozent weniger Treibhausgase als bei neu hergestelltem Polyamid aus Rohöl. Bei der Herstellung setzt Inaska auf ein familiengeführtes Unternehmen in Portugal, das sich auf Bade- und Sportmode spezialisiert hat. Auf Plastikverpackungen und Metallverschlüsse wird komplett verzichtet. Zudem ist beim ­klimaneutralen Versand der Ware nur ein Flyer im Umschlag – mit zehn Tipps für ein besseres Leben mit weniger Plastik. Weitere Infos und die Lieferscheine bekommen die Kunden ausschließlich per Mail. „Es ist uns wichtig, Müll zu vermeiden, wo es geht, und möglichst wenig Ressourcen zu verbrauchen“, sagt Hannig.

Müll vermeiden, wenig Ressourcen verbrauchen, CO2-neutral Ware verschicken und ein nachhaltiges Produkt anbieten: Das sind ebenfalls die Grundpfeiler für das Züricher Label Round Rivers. Der Gründer Peter Hornung geht sogar noch einen Schritt weiter. Die Basis seiner Bikinis und Badehosen bilden von ihm selbst gesammelte PET-Flaschen aus dem Fluss Limmat. Einmal in der Woche besorgt sich der gelernte Architekt mit Sondergenehmigung am Staudamm eines Züricher Wasserwerks seinen „Grundstoff“, indem er den Plastikmüll aus dem Wasser fischt. Bis zu 12.000 Flaschen holt der Schweizer nach eigenen Angaben jährlich aus dem Fluss. Vier PET-Flaschen genügen anschließend für die Produktion eines Badeanzugs. „Ich würde es als aktive Nachhaltigkeit bezeichnen“, sagt Hornung. Die Idee kam dem 39-Jährigen vor zwei Jahren. Nach der Schlüsselübergabe eines Projekts in seinem damaligen Beruf ging Hornung in der Limmat schwimmen und begegnete dabei gleich mehreren Plastikflaschen. Er überlegte, was er daraus machen könne. „Als Architekt kamen mir zuerst Outdoor-Stühle in den Sinn“, sagt er. Doch als er aus dem Wasser steigt, fällt es ihm wie Schuppen von den Augen: Eine Badehose, die wie eine PET-Flasche aus Polyester besteht, sollte es werden. Es begann ein langer Weg von der Idee bis zum ersten verkauften Artikel. Hornungs Problem: Stoffe wie Econyl gibt es mehrere auf dem Markt, doch Unternehmen, die aus alten Plastikflaschen neues Garn und neue Stoffe herstellen, sind rar gesät. Zumindest, wenn man wie Hornung Wert dadrauf legt, dass der gesamte Produktionsprozess in einem Radius von maximal 150 Kilometern ablaufen soll. „Auf Nachfrage beim Schweizer Textilverband erklärte man mir, dass die Fashionbranche ein globales Business sei und ich nicht lokal produzieren könne“, sagt Hornung. Es sei normal, dass ein recycelter Badeanzug 30.000 Kilometer zurücklegt, auch wenn auf dem Label „Made in Europe“ stehe. 50 Firmen im Umkreis von 500 Kilometern fragte Hornung, woher genau das Rohmaterial für ihr Polyester stamme. Keine habe eine genaue Antwort geben können. „Das war ernüchternd.“ Zwar hätten einige Hersteller geantwortet, ihr Garn stamme aus China. Woher jedoch das dafür nötige Granulat aus ­Industrieabfällen, Plastikflaschen und ­alten Fischernetzen komme, wussten sie nicht.

Inaska In Portugal fertigt eine Näherin Bikinis unter faieren Bedingungen.

Über Umwege wurde Hornung doch noch fündig und konnte seinen Produktionskreislauf schließen. Nachdem er die Flaschen aus der Limmat gefischt hat, werden diese nun in der Zentralschweiz zu Flakes geschreddert. Daraus entsteht dann in der Südschweiz das Garn, aus dem wiederum in Norditalien in der Nähe von Como das Textil gefertigt wird. Besonders stolz ist Hornung auf seine CO2-positive Produktion, die er sich bald zertifizieren lassen will. „Beim Verbrennen von einem Kilogramm Plastik entstehen drei Kilogramm CO2, die ich durch die Wiederverwertung schon mal einspare. Im gesamten Produktionsprozess bleiben wir dank nachhaltiger Energie und wegen des kleinen Produktionsradius bei einem Kilogramm produzierter Bademode unter der Marke von drei Kilogramm CO2“, erklärt er. Der Idealist fordert, man müsse die gesamte Wertschöpfungskette betrachten, erst dann wisse man wirklich, ob nachhaltig und lokal produziert werde. Einen ökologischen Wermutstropfen haben allerdings auch Hornungs Badeanzüge: Wie bei Econyl bestehen sie zu 20 Prozent aus Elastan. Und das wird nach wie vor aus Rohöl gewonnen.

Leere Werbeversprechen?

Die Verwendung von Econyl, das in Italien produzierte Nylon, auf das die meisten Labels vertrauen, sieht Peter Hornung kritisch: „Viele Marken werben damit, dass ihr Stoff aus alten Fischernetzen bestehe. Dabei vergessen sie den Industriemüll, denn das hört sich nicht so sexy an“, sagt er. Zu wie viel Prozent Econyl tatsächlich aus ausrangierten Fischernetzen besteht, dazu macht das Unternehmen auf seiner Website keine Angaben. Bis Redaktionsschluss hat der Econyl-Hersteller Aquafil keine unserer Fragen zu diesem Thema beantwortet. In Econyl-Werbetrailern, in dem das Unternehmen die „Parley Swimming Collection“ von Adidas vorstellt, wird immer wieder der Anschein erweckt, die Bademode bestehe hauptsächlich aus Plastikmüll und Fischernetzen aus dem Meer. „Aus dem Ozean, für den Ozean“, heißt es. An anderer Stelle, in einem Dokument, das im Medienbereich der Adidas-Gruppe öffentlich zugänglich ist, liest sich das bereits anders. Zur Frage, ob Parley-Produkte aus Meeresplastikabfällen gefertigt seien, schreibt ­Adidas, dass der Kunststoff aus „up-gecycelten Plastikabfällen“ gewonnen werde. Gemeint ist damit Plastik, das an Stränden und in Küstenregionen eingesammelt wird, bevor es ins Meer gelangt.

Dass es sich in manchen Fällen um geschickt verpackte Werbeversprechen – also Greenwashing – handelt, kann auch ­Andrea Stolte bestätigen: „Ozeanplastik ist in vielen Fällen nicht viel mehr als ein Marketinggag, leider meistens falsch und irreführend“, sagt die Projektmanagerin für Geisternetze beim WWF in Stralsund. „Garn wie Econyl sind eine tolle Innovation für das Recycling von Nylon. Das hat aber nichts mit Meeresplastik zu tun. Es steckten nicht einmal ein Prozent Plastikmüll aus dem Ozean darin, sondern dafür Nylon aus Resten der Teppichproduktion, alten Teppichen und Netzen, die Fischer aussortieren. Das Material ist sauberer als Geisternetze und daher leichter zu ver­arbeiten“, sagt Stolte.

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