Sonntag, 2. Juni 2024

Wegen Transgender-Regeln | Lia Thomas zieht vor Gericht

2022 schwamm Lia Thomas zu US-College-Titeln und Rekorden, seitdem darf die Transfrau nicht mehr an Frauen-Wettkämpfen teilnehmen. Dagegen will sie jetzt vorgehen.

Silke Insel / spomedis

Lia Thomas ist seit 2022 keinen Wettkampf mehr geschwommen. Die Amerikanerin darf nicht mehr bei den Frauen starten, seit der Weltschwimmverband World Aquatics neue Regeln für Transgender eingeführt hat. Dort heißt es, dass Transfrauen nur dann bei Frauen-Wettbewerben teilnehmen dürfen, wenn sie nachweisen, „dass sie keinen Teil der männlichen Pubertät über das Tanner-Stadium 2 hinaus“ durchgemacht haben. Zuvor erlaubten die Regeln eine Wettkampfteilnahme, wenn der Testostreonspiegel unter einem bestimmten Grenzwert lag.

Thomas will gegen die neue Regelung vorgehen, berichtet unter anderem die Zeitung „The Guardian“. Die 25-Jährige soll eine kanadische Anwaltskanzlei beauftragt haben, den Fall vor den internationalen Sportgerichtshof CAS zu bringen. Da die Schwimmerin derzeit nicht beim US-Schwimmverband registriert ist, ist ein schnelles Verfahren laut dem Medienbericht unwahrscheinlich. Ein Start bei den Olympischen Spielen in Paris scheint daher ausgeschlossen.

Diskussion über Fairness

Nachdem Thomas bei den männlichen US-Collegeschwimmern eher durchschnittliche Leistungen erzielt hatte, trumpfte sie nach ihrer Geschlechtsumwandlung und einer längeren Pause bei den Frauen groß auf. Als erste Transgender-Sportlerin gewann sie im Frühjahr 2022 bei den NCAA-Collegemeisterschaften mehrere Titel und stellte Rekorde auf. „Ich glaube, das größte Missverständnis ist der Grund für meine Transition“, sagte sie damals. „Die Leute sagen, ich hätte mich nur umgewandelt, damit ich einen Vorteil habe und gewinnen kann.“ Doch das sei nicht richtig. „Ich habe mich umgewandelt, um glücklich zu sein und um mir selbst treu zu bleiben.“

Durch die Erfolge der damals 22-Jährigen entbrannte eine weltweite Debatte, ob es fair sei, wenn eine Sportlerin, die die männliche Pubertät durchlebt hat, nach einer Geschlechtsumwandlung an Frauenwettkämpfen teilnimmt. In der politisch aufgeheizten Situation in den USA fiel das Thema auf fruchtbaren Boden. Sogar Donald Trump schaltete sich ein und schoss mit einer transphoben Tirade gegen „die Person mit einem Männerkörper“, die zu Unrecht bei den Frauen gewonnen habe. „Das ist wirklich erniedrigend und sollte nicht erlaubt sein.“

Urteil mit Signalwirkung

In einer wissenschaftlichen Dokumentation legte World Aquatics dar, dass Sportlerinnen trotz einer medikamentösen Senkung ihres Testosteronspiegels nach der männlichen Pubertät erhebliche körperliche Vorteile gegenüber Frauen haben. Dies beträfe unter anderem Ausdauer, Kraft, Geschwindigkeit und Lungenvolumen. Brent Nowicki, Exekutivdirektor beim Weltschwimmverband, verteidigt denn auch die eingeführten Regeln, die „auf der Grundlage von Ratschlägen führender medizinischer und juristischer Experten und in sorgfältiger Absprache mit den Athleten“ entwickelt worden seien. World Aquatics sei zuversichtlich, dass diese Regeln einen fairen Ansatz darstellten, und sei weiterhin fest entschlossen, den Frauensport zu schützen, ergänzte er.

Einen zusätzlichen Schritt zu mehr Inklusion sieht der Verband auch in der Einführung einer sogenannten offenen Kategorie neben Männern und Frauen. Ein erster Test beim Weltcup in Berlin verlief jedoch ernüchternd, da sich keine Aktiven fanden, die in dieser Kategorie starten wollten. Wie es im Fall Lia Thomas weitergeht, dürfte auch von den anderen Sportverbänden sehr genau beobachten werden. Je nachdem, wie das Urteil ausfällt, könnten auch die Regelwerke anderer Sportarten anfechtbar sein.

Jule Radeck
Jule Radeck
Jule Radeck studierte Sportwissenschaften, bevor sie als Volontärin nach Hamburg zog. In ihrer Freizeit findet man sie oft im Schwimmbecken, manchmal auf dem Fahrrad und selten beim Laufen.