Schneller Rutschen
Rasant durch die Röhre

Rutschen kann jeder, schnell rutschen ist eine Kunst. Deutschlands bester Speedrutscher erklärt, mit welcher Technik Sie schneller nach unten kommen.

Sina Weiler

Wenn ich rutsche, denke ich an meine Kindheit. An das lange Warten auf der Wendeltreppe. Das pochende Herz vor dem Start. Die Ampel, die nicht auf Grün springen will. Und an Stau in der Röhre, blaue Flecken und jede Menge Spaß. Über allem stand damals die wichtigste Frage beim Rutschen überhaupt: Wie rutsche ich schneller? Ich habe viel ausprobiert. Rutschen auf dem Rücken mit den Händen unter dem Kopf. Rutschen auf dem Bauch mit dem Blick nach vorn. Und natürlich Rutschen im Sitzen mit der Badehose in der Popo­ritze. Das war peinlich, aber tatsächlich schnell. Dennoch werde ich bis heute, wo ich mit meinen eigenen Kindern um die Wette rutsche, das Gefühl nicht los, dass es irgendwie noch schneller gehen müsste. Vielleicht hat der deutsche Meister im Rennrutschen einen Tipp für mich. Diesen Champion gibt es wirklich. Sogar mehr als einen: Weil es bisher nur einen kleinen Verband gibt, erfinden die Bäder ihre eigenen Events. Die Ostsee-Therme ­in Scharbeutz veranstaltet seit mehr als 20 Jahren deutsche Meisterschaften im Wettrutschen. In der Therme Erding gibt es die DM im Rennrutschen. Andernorts wird die Sportart „Speedrutschen“ genannt. Teilnehmen kann jeder, Mädchen, Jungs, Damen sowie die Herren in zwei Klassen über und unter 80 Kilogramm.

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Zwei Schultern und eine Ferse

Anruf bei Patrick Hanke in Bochum. Der 30-Jährige gewann bei den letzten Titelkämpfen in Erding Gold. In 16,7 Sekunden schoss er durch die 145 Meter lange „Black Mamba“, das waren 31 km/h im Durchschnitt. Bahnrekord! Lieber würde ich ihn im Schwimmbad treffen, doch das geht zurzeit nicht. Hanke: „Am schnellsten ist die Dreipunkttechnik. Zwei Schultern und eine Ferse. Die Beine liegen über Kreuz.“ Wenn es optimal läuft, rutscht er schneller durch die Röhre als das Wasser. „Es geht darum, das Wasser und die Rutsche so selten wie möglich zu berühren“, erklärt der Champion, denn beides bremst. Hanke bildet deshalb ein Hohlkreuz und spannt den ganzen Körper an. So schafft er es auch in den Kurven mit dem Körper in der Luft zu bleiben, wenn ihn die Fliehkräfte Richtung Rutsche pressen. 

Genauso wichtig wie die Rutschtechnik ist der Start. „Die Masse muss in Schwung gebracht werden. Nur wenn ich oben mit 100 Prozent reingehe, kann ich unten 100 Prozent rausholen“, sagt Hanke, der mit seinen „weit über 80 Kilo“ fürs Rutschen ein Modellathlet ist. Testet er eine neue Bahn, tüftelt er mehrere Durchgänge lang am richtigen Griff an der Stange. Ein Handtuch zum Trockenwischen hat er immer dabei. Ist die Stange hoch genug angebracht, zieht er sich so explosiv nach vorn, dass er die ersten Meter regelrecht durch die Röhre fliegt. Die harte Landung erfolgt direkt in der Dreipunkttechnik. Auch die Richtung ist entscheidend. Es gibt Bahnen, sagt Hanke, da springe er leicht nach rechts, um dann nach links zu rutschen und die erste Rechtskurve perfekt zu erwischen. Mich erinnert das an die Bilder von Georg Hackl im Eiskanal und an Stefan Raab bei der ­Wok-WM.

Eine Niederlage weckte den Ehrgeiz

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Zum Rennrutscher, erzählt mir Hanke, wurde er vor sieben Jahren durch seine Frau. Die schenkte ihm einen Kurzurlaub in einem Wellness-Hotel, zu dem ein Schwimmbad mit Wasserrutsche und Zeitmesser gehörte. „Ich rutschte und war plötzlich schneller als der Bahnrekord. Danach habe ich mich für meinen ersten Wettkampf angemeldet“, erinnert er sich. Bei dem Rennen ein paar Wochen später hängten ihn die erfahrenen Athleten um fast eine Sekunde ab. Das weckte seinen Ehrgeiz. Drei Jahre später hielt Hanke mit der Spitze mit und heute zählt er zum exklusiven Kreis der besten Rennrutscher Deutschlands. „Der harte Kern in der Königsklasse besteht aus sechs oder sieben Leuten, die alle gewinnen können“, sagt er. Am Ende entscheidet meist die Tagesform, wer die nötigen Hundertstelsekunden auf seiner Seite hat.

Hankes Lieblingsrutsche ist die „Green ­Mamba“ in Scharbeutz, obwohl er dort noch nicht den Rekord hält. Die Röhre sei technisch anspruchsvoll und mache viel Spaß, sagt der Rutschsportler. „Leider hat sie am Ende einen fiesen Absatz, an dem es richtig knallt.“ Dass er fast immer mit blauen Knien oder einer angeschlagenen Hüfte nach Hause kommt, ist für ihn inzwischen völlig normal. Mir dagegen tun jetzt schon die Schultern und die Ferse weh, wenn ich ans nächste Rutschen denke. Immerhin weiß ich nun, wie es richtig geht: explosiver Start, Dreipunkttechnik, Kurvenlage und so selten wie möglich die Rutsche berühren.

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