Keine Angst vorm Open Water

Nicht wenige Schwimmer haben Angst vor offenen Gewässern. Schon der Gedanke an das nächste Training oder Rennen im Open Water löst Unwohlsein aus. Doch für die meisten Probleme gibt es einfache Lösungen.

| 18. April 2011 | TRAINING

Angst vor dem offenen Gewässer? | Sorgenvoller Blick nach vorn: Tiefes Wasser, große Fische, fiese Konkurrenten?

Sorgenvoller Blick nach vorn: Tiefes Wasser, große Fische, fiese Konkurrenten?

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Die Gründe für das komplizierte Verhältnis zum Freiwasser-Schwimmen sind vielschichtig: Ursache kann die unzureichende Beherrschung der Technik sein, die Kälte offener Gewässer, die komplizierte Orientierung oder das Erlebnis des Massenstarts und die Schlägereien an der Wendeboje. Falls es Ihnen ähnlich geht, falls auch Sie das Schwimmen im Open Water nicht besonders mögen, aber an dem Problem arbeiten wollen oder für das Erreichen Ihrer sportlichen Pläne sogar müssen, sollten Sie sich als Erstes die Frage nach der Ursache Ihrer Ablehnung stellen. Denn nur sie ermöglicht Ihnen, mit der richtigen Strategie gegenzusteuern.

FLUCHTWEGE SCHLIESSEN

Mögen Sie das Schwimmen im Freiwasser nicht, weil Sie ein weniger guter Schwimmer und in den anderen Disziplinen besser sind, haben aber im Wasser auch noch keine besonders negativen Erfahrungen gemacht, so sollten Sie verschiedene Dinge probieren: Sofern Sie in Ihrem Training nicht in ein Vereins- oder Verbandsprogramm eingebunden sind, suchen Sie sich einen professionellen Schwimmtrainer, der mit Ihnen in individueller Betreuung an der Technik arbeitet. So gewinnen Sie am leichtesten Sicherheit.

Um Ihre Motivation hoch zu halten oder neu aufzubauen, sollten Sie – am besten zusammen mit Ihrem Trainer – mit Zielen arbeiten. Unterteilen Sie Ihr „Endziel“ in kleinere konkrete Unterziele. Lernen Sie zunächst angstfrei im Becken zu schwimmen, versuchen Sie dann, sich im Freiwasser zu orientieren. Nach und nach bauen sie weitere Schwierigkeiten wie kaltes Wasser, Orientierung bei Wellengang oder Schwimmen in der Gruppe mit in Ihr Training ein.

Tendieren Sie dazu, Ihr Schwimmtraining immer wieder aufzuschieben? Dann sollten Sie auch an Ihrer Einstellung arbeiten! Welche Dinge machen Ihnen im Schwimmen Spaß?  Trainieren Sie besonders gern in einer Gruppe oder in einem Verein? Dann werden Sie aktiv und schaffen Sie sich motivierende Bedingungen für ein gutes Schwimmtraining! Versuchen Sie alle Ausreden, die Sie bisher vom Schwimmen abgehalten haben, schon vorab mit sachlichen Argumenten zu entkräften, halten Sie sich entsprechende Gegenausreden bereit, die Sie daran erinnern, warum Sie sich im Schwimmen verbessern wollen – und was dazu nötig ist.

Positivgefühle auf Knopfdruck

Auch auf den nächsten Renneinsatz können Sie sich vorbereiten: Schwimmen Sie die Strecke vor dem Wettkampf ab – ­suchen Sie sich Orientierungspunkte, setzen Sie sich mit der Strömung auseinander. Wenn Sie im Training regelmäßig Freiwassereinheiten einbauen, werden Sie sich in diesen Bedingungen besser zurecht finden. Kurz vor dem Rennen schauen Sie sich die Startliste an: Welche guten Schwimmer werden antreten, wer ist in Ihrer Leistungsklasse? Überlegen Sie sich, wo Sie sich zum Start aufstellen wollen, wer neben Ihnen stehen könnte. Vielleicht gelingt es Ihnen, sich neben einen guten Schwimmer zu stellen, in dessen Wasserschatten Sie sich hängen können. Möglicherweise sehen Sie auf dem Weg zum Wasser schon, an welcher Startposition sich die schwächeren Schwimmer tummeln. Vielleicht gefällt es Ihnen besser, dort zu schwimmen, um weniger Schläge zu kassieren, sich mühelos an den Füßen des Vordermanns zu orientieren und eine saubere Technik durchhalten zu können?

Einen weiterer Ansatz aus der Sportpsychologie, den Sie sich zunutze machen können, ist die Optimierung des Vorstartzustands. Jeder Mensch hat einen eigenen optimalen Leistungszustand – eine innere Verfassung, die er braucht, um seine beste Leistung abrufen zu können. Diesen Leistungszustand sollten Sie konkret definieren und durch spezielle Übungen und Gedankenspiele in der Vorstartphase aufbauen. Eine gewisse Spannung vor einem Wettkampf ist nämlich unverzichtbar, um startklar zu sein; zu viel Nervosität allerdings kann die motorischen Abläufe erheblich stören.

Wichtig ist also, dass Sie Ihren optimalen Leistungszustand kennen und wissen, wie Sie sich am besten regulieren. Versuchen Sie zum Beispiel, sich an einen optimalen Wettkampf zu erinnern: Was haben Sie direkt vor dem Start gemacht, wie haben Sie sich vorbereitet? Beschreiben Sie das erlebte Gefühl möglichst präzise! Versuchen Sie dann, es auf einige Stichworte zu reduzieren und Begriffe, Emotionen oder Musikstücke zu finden, mit denen Sie sich sozusagen auf Knopfdruck in dieses positive Gefühl zurückversetzen und das damit verbundene Aktivitätsniveau erreichen können. Das kann für den einen Sportler bedeuten, ruhiger zu werden, für einen anderen kann es darum gehen, sich noch einmal besonders zu aktivieren.

Versuchen Sie schließlich, auch beim Einschwimmen kurz vor dem Startschuss Ihr optimales „Wettkampfgefühl“ aufzubauen. Dafür kann es hilfreich sein, wenn Sie sich ein standardisiertes Einschwimmprogramm erstellen und auch für die Abläufe und Handgriffe vor dem Wettkampf feste Routinen ausbilden. Gestalten Sie sich Ihr eigenes Vorstartprogramm!

TRAUMATISCHE ERFAHRUNG

Natürlich kann es auch sein, dass Ihre gestörte Beziehung zum Wasser durch negative Erlebnisse hervorgerufen wurde: einen vermasselten Wettkampf, schlimme Schlägereien beim Start, Atemnot oder Ertrinkungsangst bis hin zur Panik. Solche Erfahrungen können sich stark einprägen und zu einer generellen Ablehnung des Schwimmens oder im Extremfall zu einer „posttraumatischen Belastungsstörung“ führen. Dann sollten Sie versuchen, Ihre Angst vor dem Wasser gemeinsam mit einem erfahrenen Psychologen zu bewältigen!

POSTTRAUMATISCHE BELASTUNGSSTÖRUNG

Unter einer Belastungsstörung verstehen­ Psychologen die extreme Reaktion auf eine Bedrohung von Gesundheit oder Leben des Betroffenen selbst oder als Augenzeuge. Sie äußert sich in starker Furcht, Schrecken oder einem Gefühl von Hilflosigkeit. Eine akute Belastungsstörung von bis zu einem Monat gilt dabei als natürliche Reaktion, sie äußert sich in einer deutlichen Beeinträchtigung des beruflichen und sozialen Lebens. Erholt sich der Betroffene davon nicht, spricht man von einer „posttraumatischen Belastungsstörung“, sofern folgende Krite­rien zutreffen:

Die Gefahr einer posttraumatischen Belastungsstörung lässt sich durch eine möglichst frühzeitige Aufarbeitung des Traumas, eine sogenannte Intervention durch einen darauf spezialisierten Psychologen, verringern. Eine mögliche Strategie ist dabei die bewusste Rekonstruktion des auslösenden Ereignisses.