Samstag, 25. Mai 2024

Königstechnik Dreierzug?

„Nur wer den Dreierzug beim Kraulschwimmen perfekt beherrscht, kann von sich behaupten, ein guter Schwimmer zu sein.“ Immer wieder werden Trainer mit dieser Aussage konfrontiert. Und wie so oft im Leben kann die Antwort darauf nur lauten: „Es kommt drauf an!“

Ein großer Vorteil dieser Technik ist offensichtlich und einleuchtend: Wer zu beiden Seiten atmen kann, hat vor allem eine größer Variationsbreite. Das gilt besonders für das Schwimmen in offenen Gewässern. Stellen Sie sich vor, Sie schwimmen bei starkem Wind und Wellengang, sind aber nur in der Lage auf einer Seite zu atmen – und genau auf dieser Seite schlagen Ihnen dann ständig die Wellen ins Gesicht. Mit Sicherheit ein großer Nachteil.

Atemtechnik im Training aneignen

Wer also häufig im offenen Gewässer schwimmt und auch Wettkämpfe bestreitet, sollte versuchen, sich diese Technik im Training anzueignen. Das macht Sie variabler in der Auswahl der Atemseite und kann Ihnen, wie eben beschrieben, gerade bei widrigen Bedingungen, das Leben erleichtern. Ihre Leistung wird dadurch stabiler. Auch die aufgehende Sonne kann bei einem Wettkampf schon einmal störend sein, wenn Sie immer nur zu einer Seite atmen können

Ein weiterer Aspekt, der sich beim Wettkampf als wichtig erweisen könnte: Das Atmen zu beiden Seiten ist eine gute taktische Variante das Rennen zu kontrollieren und die Situation im buchstäblichen Wortsinne überblicken zu können.

Es ergeben sich also einige Vorteile daraus, wenn Sie den Dreierzug und damit das Atmen zu beiden Seiten beherrschen. Doch wie Sie schon sehen, handelt es sich hierbei ausschließlich um eher taktische Manöver, die Sie damit durchführen können. Bleiben wir beim Wettkampf, so spielen aber noch andere Faktoren eine Rolle. Vor allem die des energetischen Haushalts. Und plötzlich könnte der Dreierzug nicht mehr erste Wahl sein.

Die Weltklasse schwimmt Zweierzug

Schaut man sich die Endläufe der letzten Jahre über die Strecken 400 bis 1.500 Meter bei den international bedeutenden Wettkämpfen an, so wird schnell klar: Die Weltklasse schwimmt Zweierzug! Warum ist das so, wenn doch immer behauptet wird, der Dreierzug wäre die bessere Wahl?

Der entscheidende Faktor für die Wahl der Atemfrequenz ist hier der Energiehaushalt. Und jetzt wird es für Wettkampfschwimmer plötzlich sehr interessant. Ein Dreierzug reicht oft nicht aus, um die notwendige Menge an Sauerstoff über die Atmung aufzunehmen. Die Kontaktzeit mit der Luft ist bei diesem Rhythmus nicht lang genug, um den benötigten Ausgleich an frischem Sauerstoff bei einer solch hohen Intensität zu sichern.

Um nur einige Beispiele zu nennen: Schwimm-Star Michael Phelps, Doppel-Olympiasieger Grant Hackett, Weltrekordler Ian Thorpe, Weltmeister Paul Biedermann, 1.500-Meter-Freistil-Weltrekordler Sun Yang oder 10-Kilometer-Olympiasiger Oussama Mellouli. Alle schwimmen Zweierzug!

Sauerstoffverbrauch kompensieren

Haben Sie sich als Freiwasserschwimmer oder Triathlet manchmal gewundert, warum Sie mit einem Dreierzug nicht die erhoffte Leistung erbringen konnten oder sogar schon nach kurzer Zeit über Atemmangel klagten? Der Grund dafür wird jetzt deutlich: Das Atmen auf jeden dritten Armzug kann bei hohen Wettkampfintensitäten den Verbrauch an Sauerstoff nicht mehr kompensieren.

Heißt das nun, dass Sie nur noch Zweierzug schwimmen sollten? Vielleicht ja, vielleicht aber auch nicht. Es kommt eben drauf an.

Auf jeden Fall sollten Sie im Training immer wieder in einem Dreier- oder auch Fünferzug trainieren, um die Fähigkeit zu erlangen, zu beiden Seiten atmen zu können, wenn dies notwendig wird. Sie können davon ausgehen, dass all die oben genannten Spitzenschwimmer dies ebenfalls beherrschen. Zudem werden Sie im Training damit Ihre Wasserlage stabilisieren und somit Ihre Technik verbessern.

Klare Antwort deshalb: Ja, es ist ratsam, den Dreierzug zu beherrschen. Im Wettkampf jedoch sollten Sie so atmen, wie das für die realisierte Intensität und den damit verbundenen Sauerstoffbedarf notwendig ist.  Und da kommt man oft mit dem Dreierzug an seine leistungsphysiologischen Grenzen.

Holger Lüning
Holger Lüninghttps://holgerluening.de/
Holger Lüning ist Sportwissenschaftler und Schwimmtrainer mit rund 30 Jahren Erfahrung im Hochleistungssport. Er schwamm er in der Bundesligamannschaft des EOSC Offenbach und gewann im Masterbereich zahlreiche Meistertitel.

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