Startritual - mehr als nur Aufwärmen?

Warum schütteln Schwimmer eigentlich immer und überall ihre Arme aus und kreisen mit denselben bis zum letzten Moment vor dem Wettkampfstart? Ist die demonstrierte Lockerheit eine Voraussetzung für schnelles Schwimmen?

| 12. Mai 2016 | TRAINING

Einschwimmen2 | Arme schwingen, einschwimmen

Arme schwingen, einschwimmen

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Startritual - mehr als nur Aufwärmen?

Für manch Außenstehenden, der sich die Welt des Schwimmsports im Training wie im Wettkampf von einer anderen Warte, zum Beispiel als Zuschauer erschließt, mag das Szenario ungewohnt erscheinen. Ständig kann man Menschen dabei beobachten, wie sie die Arme kreisen lassen: vor dem Körper, seitlich, über Kreuz schwingend und schüttelnd. Ist dies ein Ritual, das sich bei den Schwimmern verselbstständigt hat oder steckt da doch ein wenig mehr dahinter, mag man sich fragen.

Holger Lüning | Holger Lüning

Holger Lüning

Foto >privat

Jahrzehntelanges Startritual

Zufall kann es irgendwie nicht sein. Und wer den bekanntesten Schwimmer der Welt beobachtet, sieht es wieder. Die in gebückter Starthaltung hinter dem Oberkörper schwingenden Arme gehören seit Jahrzehnten zum Startritual eines Michael Phelps. Ein automatisiertes Ritual, das ihm selbst in den speziellen Momenten der unmittelbaren Vorbereitung das klare Signal gibt: Zeit für eine individuelle Höchstleistung. Was kann man daraus lernen?

Rein physiologisch betrachtet ist die Antriebsmuskulatur des Schwimmers im Wasser in einem ständigen Wechsel zwischen muskulärer An- und Entspannung. Dieser Wechsel muss nicht nur durch viele Trainingskilometer erlernt werden, er muss sogar ins Blut übergehen, um im entscheidenden Moment die kraftvollen Impulse zu platzieren, die schlussendlich den Vortrieb sichern.

Genauso wichtig ist es aber auch, der Muskulatur in den kurzen Phasen der Erholung, wie in der Rückholbewegung der Überwasserphase, die Entspanntheit zu geben, die es braucht, um den folgenden Kraftimpuls vorbereiten zu können. Schnelles Schwimmen geht also nur dann, wenn man auch ein Meister der bewusst erzeugten Lockerheit ist. Eine ständige Muskelkontraktion würde nämlich bereits nach wenigen Sekunden die Leistungsfähigkeit dramatisch einschränken.

Lockerheitfällt nicht vom Himmel

„Ich war einfach nicht locker!“, hört man enttäuschte Schwimmer häufig nach einem misslungenen Rennen sagen. Hört man genauer hin, dann erkennt man die Crux hinter der Enttäuschung. Denn eigentlich müsste es ja heißen: „Mir ist es nicht gelungen, im Rennen locker zu sein!“ Das hört sich schon weit mehr nach Selbstverantwortung an. Schließlich fällt Lockerheit nicht einfach so vom Himmel und ist mal da und mal nicht. Vielmehr ist die Entwicklung leistungsfördernder Lockerheit, physisch wie psychisch, ein elementarer Prozess auf dem Weg zu Bestleistungen. Und genau diese Fähigkeit könnte in einem wichtigen Rennen, ganz gleich auf welcher Leistungs- und Altersstufe, von entscheidender Bedeutung sein.

Die Verbindungen von Körper und Geist sind klar! Da, wo der Geist nicht mitspielt, oder besser gesagt, das Zepter in eine andere Richtung schwingt, kann auch der Körper seine volle Leistung nicht ausschöpfen. Insofern scheint auch das Training des Geistes, der Psyche, ein leistungsbestimmender Faktor zu sein. Und auch hier gilt: Es spielt keine Rolle, ob Sie die Olympiaqualifikation anstreben, bei einer Bezirksmeisterschaft eine persönliche Bestzeit schwimmen möchten oder ihren ersten Freiwasser- oder Triathlon-Wettbewerb erfolgreich bestehen wollen. Das Prinzip gilt immer: Lockerheit gewinnt!