Zwei Goldmedaillen, viele Fragen

Nach den 400 Metern hat die Chinesin Shiwen Ye auch die 200 Meter Lagen gewonnen. Doch die eigentliche Bewährungsprobe stand ihr nach Anschlag und Siegerehrung erst bevor - bei der anschließenden Pressekonferenz.

| 1. August 2012 | AKTUELL

Shiwen Ye | Shiwen Ye muss sich bei der Pressekonferenz den kritischen Fragen der Journalisten stellen.

Shiwen Ye muss sich bei der Pressekonferenz den kritischen Fragen der Journalisten stellen.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Man weiß nicht so recht, ob man sich mit der 16-Jährigen, die da vorn auf dem Podium sitzt, freuen soll. Freuen über zwei Goldmedaillen bei Olympia, einen Weltrekord, einen Olympischen Rekord. Oder ob man Mitleid haben soll. Mitleid mit einer jungen chinesischen Schwimmerin, die sich außerhalb von China den Fragen der Journalisten stellen muss.

Fragen über Fragen

Denn die Fragen drehen sich nicht darum, ob sie sich über ihren Sieg freut, wie sie trainiert hat, welche Ziele sie verfolgt. Die Fragen kennen nur ein Thema: Doping. Denn wenn eine 16-Jährige im Endspurt eines harten Rennens wie den 400 Meter Lagen nicht nur schneller schwimmt als alle Konkurrentinnen, sondern auch als die US-Superstars Michael Phelps und Ryan Lochte, dann tauchen diese Fragen auf. Automatisch.

Die Fragen, sie drehen sich lange um den heißen Brei: Ob Shiwen es verstehen könne, wenn nach einer solchen Leistungs Spekulationen aufkämen. Nein, das könne sie nicht verstehen - bei Nichtchinesen würden solche Fragen doch auch nicht gleich gestellt. Wie sie mit der Sitation umgehe, dass alle nur noch darüber redeten, ob sie gedopt habe. Ja, sie habe einen guten Rückhalt von ihren Trainern und Teamkameraden. Und schließlich wagt es einer der Kollegen, die Frage der Fragen direkt zu stellen: Ob sie jemals in ihrer Karriere unerlaubte Mittel zu sich genommen habe. Nein, habe sie nicht. Die Antworten sind kurz, herzlos, wirken wie auswendig gelernt. Auch darauf hat man Shiwen Ye vorbereitet, das ist offensichtlich.

Ein Ausnahmetalent mit staatlicher Förderung

Shiwen Ye ist ohne Frage ein schwimmerisches Ausnahmetalent von Weltklasse, gesucht und gefunden im Milliardenreich, systematisch gefördert in der Athletenmaschinere des Reichs der Mitte. Es wird viele Shiwens gegeben haben, als jemand sie entdeckte, vor neun Jahren, als sie sieben war. Die anderen Shiwens sind auf der Strecke geblieben, haben dem hohen Druck durch das Training, die Erwartungen, nicht standgehalten. Auch nicht dem Druck durch Fragerunden wie diese, vielleicht. Das System hat Shiwen zu einer Weltklasseschwimmerin gemacht. Sie musste dem System nur folgen.

Shiwen Ye schwimmt weder besonders elegant noch verfügt sie über Körpermaße, die sie für Höchstleistungen prädestinieren. Sie schwimmt einfach schnell. Gerade deshalb kommen jetzt die Fragen. Die wahren Antworten darauf, das sind nicht die auswenig gelernten knappen Floskeln, die sie hier von sich gibt. Die Antworten, die weiß diese 16-Jährige allein selbst. Hoffen wir zumindest.