Ryan Lochte vor zweimal Gold in 31 Minuten?

Zweimal Gold in 31 Minuten - dieses Ziel will der Amerikaner Ryan Lochte heute Abend über 200 Meter Rücken und 200 Meter Lagen erreichen. swim.de hat sich mit Steve Lochte, Ryans Vater und Trainer, unterhalten - über den Doppelstart, Rio 2016 und die Chinesin Shiwen Ye.

| 2. August 2012 | AKTUELL

Steve Lochte | Steve Lochte, Trainer und Vater von US-Schwimmer Ryan Lochte

Steve Lochte, Trainer und Vater von US-Schwimmer Ryan Lochte

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Steve Lochte, Sie sind der Vater von Ryan Lochte - und auch sein Trainer. Wie funktioniert das im Alltag?

Meine Rollen als Vater und Trainer sind zwei völlig verschiedene. Im Pool ist alles klar definiert: Ich bin der Coach, er ist mein Schwimmer. Sobald wir aber aus dem Tor hinaus sind, bin ich nicht mehr sein Trainer, dann bin ich nur noch sein Vater. Und dann sprechen wir nicht mehr über das Schwimmen. Viele Sportler haben das Problem, dass sie ihren Sport, ihr Training mit nach Hause nehmen und sieben Tage die Woche 24 Stunden lang Sportler sind. Aber im Sport sollte man Spaß haben - nur so kann man dauerhaft seine Freude daran behalten und erfolgreich sein.

Ryan Lochte | Ryan Lochte gewinnt die erste Schwimm-Medaille der Olympischen Spiele 2012: Gold über 400 Meter Lagen.

Ryan Lochte gewinnt die erste Schwimm-Medaille der Olympischen Spiele 2012: Gold über 400 Meter Lagen.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Was unterscheidet Ryan Lochte von anderen Schwimmern?

Ryan kann sich selbst motivieren wie kein anderer. Er liebt den Sport, er liebt das Schwimmen, er liebt es, sich im Wettkampf zu messen. Er hat sehr viel Spaß dabei und durch diesen Spaß kann er sehr viel härter arbeiten und bessere Leistungen bringen. Er brennt innerlich.

In Shanghai hat Ihr Sohn fünf Weltmeistertitel gewonnen. Hat ihn das verändert?

Nein, nicht Shanghai hat ihn verändert. Die WM im letzten Jahr war nur ein Meilenstein auf Ryans Weg zu diesen Olympischen Spielen. In Shanghai hat mein Sohn Michael Phelps besiegt, das war der passende Auftakt in die harte Arbeit der letzten elf Monate.

Wie sieht die Zukunft von Ryan Lochte aus?

Ryan wird nach den Spielen ein paar Wochen oder auch Monate Pause machen, vielleicht bis in das nächste Jahr hinein. Dann wird er sich neu fokussieren, wir werden in aller Ruhe schauen, wo er überall starten wird. Es gibt da draußen viele Wettkämpfe, wo er beweisen kann, dass er der beste Schwimmer der Welt ist. Das nächste Ziel sind die Olympischen Spiele in Rio 2016.

Das ist eine lange Zeit, in der man den Fokus auch verlieren kann - wie Michael Phelps nach seinen acht Goldmedaillen in Peking 2008. Wird dann ihre Rolle als Vater wieder wichtiger?

Ja, das wird sie. Meine wichtigste Aufgabe wird es sein, ihn von jeglichem Ärger fernzuhalten. Das zweitwichtigste ist es, ihm Abwechslung zu bieten. Er soll ruhig mal verschiedene Events ausprobieren, vielleicht mal die Weltcupserie auf der Kurzbahn schwimmen. Ein oder zwei Jahre wird die Maßgabe sein: Lass ihn doch Spaß haben, lass ihn zu Events gehen, wo er ohne Druck neue Dinge ausprobieren kann. Und dann beginnen wir mit der gezielten Vorbereitung auf Rio 2016.

Die Zeit der Wunderanzüge scheint mit diesen Olympischen Spiele in London endgültig vorbei zu sein - die Zeiten kommen an die Leistungen der WM in Rom 2009 wieder heran. Beruhigt sie das?

Ich war bei der WM 2009 in Rom, habe mehr als 40 Weltrekorde in den Schwimmanzügen mit dem Auftrieb erlebt. Die Anzüge waren wirklich phänomenal, aber sie haben einen wichtigen Aspekt des Schwimmsports ausgeschaltet: Das Herz des Schwimmers, die Motivation. Die kann man auch mit Hightech nicht ausschalten. Du kannst den besten Anzug der Welt haben und trotzdem gut oder schlecht schwimmen. Wir haben in der letzten Zeit so viel über die Zeiten mit und ohne Neoprenanzüge gesprochen - es ist gut, dass diese Phase mit den neuen Bestzeiten nun abgeschlossen ist.

Das am heftigsten diskutierte Thema in London sind nun nicht mehr die Schwimmanzüge, sondern die Leistungen der chinesischen Schwimmerin Shiwen Ye. Sie haben eine klare Meinung dazu geäußert ...

Ich habe mir die Splits angeschaut und Ye ist auf den letzten 100 Metern tatsächlich schneller geschwommen als Ryan. Sind wir doch ehrlich: Das ist bemerkenswert für eine Frau. Männer sind einfach immer die schnelleren Schwimmer gewesen und wenn nun eine Frau schneller schwimmt als mein Sohn, immerhin der schnellst Mann der Welt, dann muss man sich Fragen stellen. Aber ich werde das nicht weiter kommentieren, es liegt an den Laboratorien, eine Antwort zu finden. Auf der anderen Seite sieht man aber auch, dass in China eine sehr gute Trainingsarbeit geleistet wird. Das Finale von Yang Sun über 400 Meter Freistil zum Beispiel war ein perfekt geschwommenes Rennen, da muss die richtige Trainingsstrategie dahinter stecken. Die Trainingstagebücher würde ich mir tatsächlich sehr gern einmal ansehen ...

Die Schwimmer aus Fernost machen den Amerikanern zunehmend das Leben auf den langen Strecken schwer. Woran liegt das?

Das liegt vor allem daran, dass die langen Strecken in den USA ein Marketingproblem haben. Die 100 Meter, die 100 Yards, auch die 200-Meter-Strecken - das sind Spektakel. Die 1.500 Meter schaut sich niemand an, das ist für Amerikaner nicht aufregend genug. Da ist es doch klar, dass alle jungen Leute auf die Kurzstrecken gehen.

Heute Abend steht Ihr Sohn innerhalb von nur 31 Minuten in zwei Olympia-Finals. Wird er beide gewinnen?

Das hoffe ich doch. Nach den 200 Metern Rücken hat er nur eine kurze Zeit, sich auf das neue Rennen einzustellen. Dort geht es dann über 200 Meter Lagen gegen Michael Phelps. Wenn er ihn nach einem Titel über 200 Meter Rücken dann wie in Shanghai 2011 besiegen könnte, wäre das eine der größten Leistungen in der olympischen Schwimmgeschichte.