Angela Delissen: "Aus sportlicher Sicht war die EM untragbar"

Die bisher größte Masters-EM ist Geschichte: Fast 10.000 Schwimmerinnen und Schwimmer waren in London dabei, in etwa gleich viele nahmen 2012 an den Olympischen Spielen am selben Ort teil. Angela Delissen hat uns ein Feedback zu den Bedingungen vor Ort gegeben.

| 30. Mai 2016 | AKTUELL

EM London | Blick in die Schwimmhalle der EM in London.

Blick in die Schwimmhalle der EM in London.

Foto >London 2016

Frau Delissen, wie haben Sie die Stimmung in London wahrgenommen? Ich würde die Stimmung als durchwachsen bezeichnen. Einerseits war es schön und aufregend, in einer Metropole wie London zu sein – mit seinen altehrwürdigen und wunderbaren Orten, mit seinen bunten Wohnvierteln, den atemberaubenden Bauvorhaben und so vielen unterschiedlichen Menschen, die cool und freundlich sind. Aufregend war es auch, als Sportler im Olympic Park an den Start zu gehen. Auf der anderen Seite gab es echte Probleme mit der Massenabfertigung und einem Grad an Überregulierung, der diese EM zu einer anonymen Meisterschaft machte.

Wie fühlte es sich an, in einem Olympiabecken zu schwimmen? Es war großartig, dabei zu sein. Ein Grund war natürlich das Becken, in dem 2012 die Olympischen Spiele ausgetragen wurden. Ich habe mir das bei meinen Starts sehr bewusst vor Augen geführt und das Schwimmen unter diesem Aspekt genossen. Nach der Schwimm-WM 2015 in Kazan ist es das zweite Mal, dass die Masters ganz konkret Anteil am Spitzensport nehmen dürfen.

Angela Delissen | Angela Delissen und Masters-Europameister Curt Zeiss während der WM 2012.

Angela Delissen und Masters-Europameister Curt Zeiss während der WM 2012.

Foto >Angela Delissen

Im Vorwege wurde ja viel diskutiert über die hohe Teilnezahlen und die Folgen davon. Wie sah es in der Praxis aus? Es gab eine sehr große Unzufriedenheit über die Abwicklung dieser EM. Bereits im Vorwege gab es Probleme: das Meldeportal wurde wegen zu großen Andranges geschlossen, dann befristet wieder geöffnet, die Anzahl der Einzelstarts pro Person wurden von fünf auf drei reduziert. Wer bereits fünf Starts gemeldet hatte, wurde „gebeten“ zwei Starts wieder abzugeben – oder sie wurden vom Veranstalter gestrichen. Zu den strukturellen Auslösern dieser Probleme gehört, dass auf der einen Seite die vom Europäischen Schwimmverband gesetzten Pflichtzeiten zu schwach sind und es darüber hinaus keine Qualifikationsbedingungen gibt, und dass andererseits das Interesse der Masters bei einer Metropole wie London, in der vor vier Jahren die Olympischen Spiele ausgetragen wurden, selbstverständlich besonders hoch ist. Wieso die LEN vor diesem Hintergrund zugestimmt hat, dass die EM Masters im Vergleich zu den Vorjahren auf fünf Tage gekürzt wurde, ist nicht nachvollziehbar.

Alles zusammen führte zu einer Massenveranstaltung, die vor allem zu Lasten der optimalen Wettkampfbedingungen ging und aus sportlicher Sicht untragbar war. Nur einige Stichworte dazu: die Wettkämpfe wurden in zwei Becken parallel ausgetragen, der Einlass war streng reglementiert, es wurden 200 Schwimmer in Pool 1 und 160 Schwimmer in Pool 2 zugelassen. Das Einschwimmen war auf 10 Minuten begrenzt. An den ersten zwei Tagen konnte ein Großteil der Schwimmer aufgrund dieser Regelungen nicht rechtzeitig eingelassen werden, ältere Athleten verpassten ihren Start, weil sie in den Schlangen vorm Stadion festgehalten wurden, viele konnten nicht einschwimmen, einige Kolleginnen erzählten, dass sie 90 Minuten warten mussten, um überhaupt in die Halle zu kommen. Endlich drinnen, konnten sie nur noch ihren Wettkampfanzug anziehen und in der Callarea für ihren Start anstehen. Wer glücklicher war, durfte in der völlig überfüllten Umkleide auf das Einschwimmfenster warten. Schlange stehen ist ja eine Sache, die in England gepflegt wird, aber hier mussten Teilnehmer bis zu drei Stunden anstehen, bevor sie mit schweren Beinen an den Start durften. Ausschwimmen ist gar nicht vorgesehen. Auch wurden für die wettkampffreien Tage keine Trainingsstätten zur Verfügung gestellt. Eine Qual war es vor allem für jene, die sich optimal auf diese Meisterschaften vorbereitet hatten und vielleicht Rekorde schwimmen wollten. Die Bedingungen für sportliche Leistungen waren extrem schlecht.

Welche Leistungen haben Sie am meisten beeindruckt? Es war die Meisterschaft mit den durchschnittlichsten Leistungen, die ich persönlich erlebt habe. Zum einen wegen der Unannehmlichkeiten bei der Wettkampfvorbereitung vor Ort, die sich negativ auf die Leistungen auswirkten. Zum anderen sind viele Leistungsträger gar nicht dabei, weil sie entweder das Meldefenster verpasst haben oder nur dreimal an den Start durften. Daher waren über viele Strecken die erstklassigen Schwimmer nicht im Rennen. Beeindruckt bin ich von der Geduld der Mitarbeiter, angefangen von dem immer freundlichen und geduldigen Ordnern, die ja nicht verantwortlich sind für die Bedingungen, zum anderen von den Kampfrichtern, die von frühmorgens bis abends arbeiteten, um den Wettkampf durchzuführen. Hut ab vor diesem Engagement und danke für diese Unterstützung für den Masterssport.

Gab es eine besondere Situation, die Ihnen in Erinnerung bleiben wird? Es gab eine wirklich gefährliche Situation bei den 50 Meter Brust der Frauen. Eine Teilnehmerin hatte durch das Schlange stehen ihren Start verpasst und machte ihrer Wut lauthals Luft. Dann brach eine Massenpanik aus, und die Frauen in der Schlange stürmten den Athleteneingang der Schwimmhalle. Dass hier nichts Schlimmeres passiert ist, war einfach nur Glück. So eine Situation darf es nie wieder geben. Die Verantwortlichen müssen handeln. Es muss gewährleistet sein, dass die besten Athleten teilnehmen können (Startrecht für die Top Ten) und es muss sichergestellt werden, dass es allen Teilnehmern an einer internationalen Meisterschaft gut geht, dass sie sich optimal auf ihren Start vorbereiten können und mit Freude dabei sein können. Wenn die Europa- und Weltmeisterschaften der Masters zu reinen Massenveranstaltungen degenerieren, wird dies auf Kosten der sportlichen Leistungen geschehen. Man könnte dann die Teilnahme über Reisebüros organisieren und bräuchte die Vereine und Verbände nicht mehr.