Alexandra Wenk: Olympionikin auf Abruf

Für die Münchner Schwimmerin Alexandra Wenk wird wohl schon in diesem Jahr der Traum von Olympia wahr werden. Die 17-Jährige ist derzeit Deutschlands Schnellste über 100 Meter Schmetterling.

| 25. Mai 2012 | AKTUELL

Debrecen Vorläufe 3 - 01 | Alexandra Wenk

Alexandra Wenk

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Zweitklassig, besseres Training, olympisches Vorgeplänkel - es gibt viele Umschreibungen für die derzeit in Ungarn stattfindenden Schwimm-Europameisterschaften. Das Attribut "aufregend" gehörte bislang nicht dazu. Doch genau das ist es für Alexandra Wenk, schließlich ist diese EM für die 17-Jährige der erste kontinentale Titelkampf bei den Erwachsenen. Da konnte sie auch ihre knapp verpasste erste Medaille mit dem 4x200-Meter-Freistil-Quartett verschmerzen.

Debrecen Vorläufe 4 - 11 | Alexandra Wenk

Alexandra Wenk

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Debrecen Vorläufe 4 - 17 | Das Quartett über 4 x 200 Meter Freistil: Silke Lippok, Daniela Schreiber, Alexandra Wenk, Theresa Michalak

Das Quartett über 4 x 200 Meter Freistil: Silke Lippok, Daniela Schreiber, Alexandra Wenk, Theresa Michalak

Foto >Frank Wechsel / spomedis

"Wir haben vorher schon gedacht, dass eine Medaille drin war, aber wir haben alle unser Bestes gegeben. Mehr war heute nicht drin", sagt das Mädchen mit dem pinkfarbenen Schwimmanzug. "Ich hatte heute auch einfach schon echt viele Starts. Nach 150 Metern war es dann schon richtig schwer. Da dachte ich nur: Jetzt einfach nur noch um alles kämpfen."

Überraschungscoup in Berlin

Wenk ist die Jüngste in der deutschen Nationalmannschaft. Seit sie bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin überraschend vorbei an Titelverteidigerin Sina Sutter zum Titel über 100 Meter Schmetterling schmetterte, war die Schwimmerin der SG Stadtwerke München zudem so etwas wie eine Olympiateilnehmerin auf Abruf. Beide Frauen blieben zwar über der geforderten Normzeit für die Spiele in London, haben aber wiederum das Glück, auf einer Strecke zu starten, auf der die schnellste Deutsche für die prestigeträchtige Lagenstaffel benötigt wird. Erste Wahl seither: Wenk.

Debrecen Vorläufe 4 - 12 | Alexandra Wenk ist Deutschlands Schnellste über 100 Meter Schmetterling.

Alexandra Wenk ist Deutschlands Schnellste über 100 Meter Schmetterling.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Doch die veränderten Qualifikationskriterien des Deutschen Schwimmverbands (DSV) sahen für alle DM-Gescheiterten eine zweite Chance bei der EM vor. Hätte Sutter in Debrecen die Norm geknackt oder wäre auch nur schneller geschwommen als Wenk, hätte die Essenerin die Nase vorn gehabt. Seit dem EM-Halbfinale am Donnerstag ist klar: Wenk bleibt die dieses Jahr schnellste Deutsche über 100 Meter Schmetterling.

"Ich will jetzt wirklich nicht unfair sein, aber klar freut man sich. Da fällt schon auch eine gewisse Last von einem ab", sagt die frisch gebackene Olympionikin. "Ich hätte es Sina aber auch gegönnt, sie hat ja auch alles dafür getan. Vielleicht sagen sie ja, wir nehmen beide mit, weil beide uns überzeugt haben."

Ein Kindheitstraum wird wahr

Der Gedanke, dass sie sich in diesem Jahr schon ihren Kindheitstraum erfüllen könnte, kam Wenk im vergangenen Sommer, als sie erstmals Jugend-Europameisterin wurde und ihren Erfolg wenig später mit Rang 3 bei den Jugend-Weltmeisterschaften krönte. "Seither habe ich mich schon mal damit befasst, aber ich bin eigentlich nicht der Typ, der sich da groß Gedanken drüber macht." Doch dann schien das Ziel mit jedem Wettkampf näher zu rücken, als sie immer dichter an die Hauptkonkurrentin heranschwamm. "Da dachte ich schon: Mensch, das könnte ja klappen." Die Gymnasiastin mit dem von der erfolgreichen Mutter in die Wiege gelegten Schwimmer-Gen ist eines der wenigen herausragenden Talente des deutschen Schwimmsports. Bereits mit 13 gewann sie ihren ersten Titel bei den deutschen Meisterschaften, Vergleiche mit Franziska van Almsick folgten prompt.

Alexandra Wenk ist stolz auf ihre Erfolge, weiß diese aber auch realistisch einzuschätzen. Nicht zuletzt, weil sie in einem Alter, in dem es bei ausreichend Talent und Willen eigentlich immer nur mit Siebenmeilenstiefeln voran gehen sollte, bereits ihren ersten herben Rückschlag erlebte, war es doch vor zwei Jahren plötzlich still um die Münchnerin geworden. Wenk hatte sich nach vertrauter Zusammenarbeit mit ihrem langjährigen Trainer Anfang 2010 nur widerwillig auf dessen Nachfolger eingelassen und an dieser Entscheidung trotz früher Bedenken zu lange festgehalten. Ihr habe das Vertrauen gefehlt in einen Trainer, "der mich bei Rückschlägen nicht trösten kann und nicht hinter mir steht. Ich bin einfach nicht der Typ, der den Trainer als Chef sieht. Ich brauche menschliche Unterstützung".

Ende 2010 entschied sich die damals 15-Jährige, aus der Leistungsgruppe in die zweite Mannschaft zu wechseln. " Dort haben sie mich ein Jahr lang wieder aufgebaut und dann lief es auch wieder richtig gut." Mittlerweile ist sie zurück in der ersten Mannschaft, die in Olaf Bünde einen neuen Trainer hat. "Mit Olaf läuft es richtig, richtig gut, ihm vertraue ich blind." Die neuen Erfolge sprechen für sich.

Vielleicht kann Bünde seinen Schützling ja sogar vor den Gefahren bewahren, die auf neue Mitglieder der Nationalmannschaft warten: wie die Versteigerung der Neulinge. "Davon hat mir Janine Pietsch schon erzählt, davor hatte ich vor der EM schon ein bisschen Angst", gab Wenk mit verlegenem Lächeln zu. "Da war ich echt froh, dass ich da jetzt drum rum gekommen bin." Diese EM ist für den Großteil des Teams eben doch zweitrangig. Die Taufe wird dann wohl vor Olympia nachgeholt.