Liveticker aus dem Ärmelkanal

Nach zwei Jahren Vorbereitung hat Bruno Baumgartner das Abenteuer Ärmelkanal und den Kampf gegen den Wind, die Wellen und die Seekrankheit in Angriff genommen. Erleben Sie die dramatischen Ereignisse noch einmal Zug um Zug in unserem Protokoll.

| 22. September 2011 | AKTUELL

IMG_7400 | Bruno Baumgartner im Ärmelkanal

Bruno Baumgartner im Ärmelkanal

Foto >Miriam Müller / spomedis

7:34 Uhr
Endlich geht es los: Die Crew belädt das Auto. Bruno braucht nur seine Badehose, swim.de hat eine ganze Menge Foto- und Filmequiptment an Bord - und ausreichend Verpflegung. Keiner weiß, wie lang dieser Tag wird ...

7:40 Uhr
Bruno sagt, er habe geschlafen wie ein Stein. Glauben wir nicht, laut Facebook hat er seine Nervosität vor dem Laptop bekämpft. ER fragt UNS, ob wir aufgeregt seien. Der Mann hat Nerven ...

7:49 Uhr
Das Wetter am Tag X: Wassertemperatur vor Dover 16 Grad, Windstärke 16 Knoten - das eine könnte mehr, das andere muss weniger werden! Die Lufttemperatur beträgt 14 Grad, die Sicht auf den Kanal und die Containerriesen ist gut. Am Himmel eine leichte Bewölkung. Um 8 Uhr treffen wir "unseren" Kapitän Stuart Gleeson.

7:57 Uhr
Captain Stuart und ein Crewmitglied sind da, das Boot "Sea Lepoard" ist schnell beladen. Jetzt warten wir nur noch auf den offiziellen Observer der Channel Swimming Association.

7:59 Uhr
Großes Gedrängel im Kanal: Neben Bruno versuchen heute sechs weitere Schwimmer, die Küste Frankreichs zu erreichen.

8:06 Uhr
Der Oberserver ist eingetroffen. Wir bekommen ein letztes Sicherheitsbriefing - dann geht es bald los ...

8:07 Uhr
Plötzliche Hektik: Eine Badehose allein reicht doch nicht! Bruno hat seinen Pass vergessen und muss schnell noch einmal ins Hotel.

8:18 Uhr
Wir dachten, das große Warten sei endlich vorbei. Doch nun: Wo bleibt Bruno? Die Spannung steigt im Team - das sind: Joelle Baumgartner (Brunos Ehefrau), Gérard Nguyen (sein Schwiegervater), Bettina Kunath (eine Freundin), Stuart und Stuart (der Kapitän und seine Crew), Sylvi Hoschke und Miriam Müller von swim.de sowie Observer Steve, der angestrengt auf die Uhr schaut ...

8:24 Uhr
Bruno ist wieder da. Captain Stuart beruhigt uns: Das Wetter soll nur noch besser werden. Wir fahren los zum Startpunkt. Das Abenteuer beginnt!

8:27 Uhr
Der Observer der Channel Swimming Association notiert die Namen aller Personen an Bord - sie sind die offiziellen "Zeugen" des Überquerungsversuchs.

8:32 Uhr
Der Namen des Boots ist "Sea Leopard". Sobald wir in den Bereich kommen, der von der Coast Guard erfasst ist, wird es hier ein Livetracking geben.

8:37 Uhr
Wir haben den sicheren Hafen verlassen uns sind nun auf direktem Weg zum Startpunkt. Welch ein Schock: Solche Wellen hatten wir nicht erwartet. Wir werden hin- und hergeschmissen. Bruno schaut sehr skeptisch aus. Wir hoffen, dass die Seekrankheitspflaster halten, was die Packungsbeilage verspricht. Wo sind die Rettungswesten? Wäre gut, das zu wissen ... Hinter uns fährt noch ein Boot mit einem weiteren Überquerungskandidaten.

8:39 Uhr
Der Observer beruhigt Bruno: Die Wellen kämen von der Hafenmauer, weiter draußen soll es ruhiger werden.

8:41 Uhr
Nun hat der Observer Brunos Badehose freigegeben - ein ganz normales Modell ohne Bein. Bruno macht sich fertig zum Start.

8:44 Uhr
Joelle und Gérard fetten Bruno ein. Neoprenanzüge sind verboten, das Fett muss die Temperatur im Körper halten. Sie wirken wie ein eingespieltes Team.

8:46 Uhr
Bruno ist im Wasser! Er muss nun noch einmal zum Startpunkt am Ufer zurückschwimmen, dann geht es los!

8:50 Uhr
Das Startsignal! Bruno Baumgartner befindet sich im größten Abenteuer seines Lebens. Wir haben Gänsehaut!

8:52 Uhr
Das "UK Met Office" unterhält eine Messboje mitten im Kanal. Aktuelle Werte: Wind aus 260 Grad West, Geschwindigkeit 22 Knoten. Wellenhöhe etwa 70 Zentimeter, Frequenz alle sechs Sekunden. Die Lufttemperatur beträgt 14,6 Grad, die Wassertemperatur 16,8 Grad. Die Sicht liegt bei 11 nautischen Meilen.

8:54 Uhr
Bruno darf die "Sea Leopard" nun bis Frankreich nicht mehr berühren. Wenige Meter hinter ihm ist nun noch ein zweiter Schwimmer gestartet.

8:56 Uhr
Bruno sieht gut aus, sein Stil hat sich nochmals verbessert, seitdem wir ihn im November auf Teneriffa bei den Dreharbeiten für die DVD "Schneller schwimmen: Open Water" kennengelernt haben. Kaum zu glauben, dass er erst vor zwei Jahren überhaupt mit dem Schwimmen begonnen hat. Die Arme schwingen locker. Nun muss er es durch die küstennahen Wellen in ruhigeres Gewässer schaffen - das wäre dann der erste Etappensieg.

8:59 Uhr
Brunos Ehefrau Joelle wird ihm alle 20 Minuten Verpflegung anreichen. Berühren darf Bruno weder das Boot noch eines der Crewmitglieder.

9:10 Uhr
Erste Verpflegung: Joelle füllt Pulver in eine Trinkflasche. Der Observer will sich das Pulver zunächst ganz genau anschauen. Joelle wirft Bruno die Flasche an einem langen Band ins Wasser. Bruno sagt, es würde noch sehr hart. Es ist immer noch sehr wellig.

9:16 Uhr
Kamerafrau Sylvi ist die erste, die gegen die Seekrankheit kämpfen muss. Wir hoffen für Bruno und uns, dass die Wellen bald weniger werden.

9:20 Uhr
Herrliche Sonne! Aber wer bei dem Geschaukel hier an Bord einen Kaffee machen soll, wie es geplant war ...

9:26 Uhr
Wir versuchen immer noch, das Signal des Bootes für das Tracking auf swim.de einzufangen. Das folgende Bild zeigt eine aktuelle Liveaufnahme der Positionen der großen Schiffe - irgendwo da müssen wir durch.

Kanal | Der Schiffsverkehr im Kanal - irgendwo da müssen wir durch.

Der Schiffsverkehr im Kanal - irgendwo da müssen wir durch.

Foto >shipAIS.com

9:29 Uhr
Crewmitglied Stuart kocht Kaffee und nimmt die Bestellungen auf. Der kann die Schaukelei offenbar ab. Das Boot mit dem anderen Schwimmer fällt zurück. Bruno schwimmt mit einer Geschwindigkeit von etwa zwei Knoten Richung Frankreich - das sind 3,6 Kilometer pro Stunde, sagt der Observer.

9:32 Uhr
Bruno hat die zweite Verpflegung aufgenommen. Er sagt, er habe schon sehr viel Meerwasser geschluckt. Auch für uns gibt es gleich endlich was zum Schlucken - es riecht nach Kaffee.

9:38 Uhr
Neue Wetterdaten von der Boje aus dem Kanal: Die Wellen werden kabbeliger, die Frequenz sinkt von sechs auf fünf Sekunden. Die Sicht ist von 11 auf fünf nautische Meilen gesunken.

9:40 Uhr
Observer Steve notiert alle Einzelheiten. Er muss hinterher einen Bericht schreiben, der von der Channel Swimming Association ausgewertet wird. Steve ist Rentner, dies ist seine 66. Fahrt. 31 Schwimmer hat er erfolgreich über den Kanal gebracht - eine hohe Erfolgsquote, denn statistisch gesehen endet nur jeder fünfte Überquerungsversuch tatsächlich an der Küste Frankreichs. Wir hoffen, dass Steve auch Bruno Glück bringt!

9:43 Uhr
Auch wenn wir weiter tapfer gegen die Seekrankheit kämpfen: Steve bezeichnet die Bedingungen und besonders die Wellenhöhe als "leicht unter dem Durschnitt". Dieses Geschaukel ist hier also wohl ganz normal. Weiter draußen soll es besser werden.

9:50 Uhr
Zum dritten Mal hat Bruno seine Verpflegung aufgenommen. Er fragt, ob wir überhaupt irgendwie vorankommen. "Fast enough", sagt der Observer. Bruno schwimmt noch immer mit zwei Knoten gen Frankreich. Wir befinden uns jetzt etwa drei Kilometer draußen auf dem Kanal vor der Küste Englands. Die Kreidefelsen von Dover werden nur langsam kleiner.

9:58 Uhr
Damit haben wir nun gar nicht gerechnet: Delfine im Ärmelkanal! Der Wahnsinn - unglaublich schön!

10:08 Uhr
Der Wind vor der Küste bläst jetzt mit zehn Knoten aus Südwest. Captain Stuart ist sehr konzentriert, er darf Bruno bei den Wellen ja nicht anfahren. Bisher ist er seine 2.500 Pfund wert. Die vierte Verpflegung: Wir Kaffee, Bruno Pulver. Bruno lacht, noch scheint er sich gut zu fühlen.

10:26 Uhr
Die Pflaster aus der Apotheke wirken - bei denen, die sie tragen. Kamerafrau Sylvi antwortet auf die Frage nach ihrem Befinden mit "Na, ja ..." Sie trägt kein Pflaster und versucht nun mit Tabletten gegen die Seekrankheit anzukämpfen.

10:31 Uhr
Das verabredete Zeichen für die Verpflegungsaufnahme ist ein zweimaliges Hupen das Kapitäns. Stuart hupt wie wild, doch Bruno schwimmt weiter. Es dauert. Schließlich kommt Bruno doch doch an und lacht: "Ich musste zuerst noch zu Ende pinkeln!"

10:40 Uhr
Bruno schimpft: "Das ist kein Schwimmen, das ist Kampf!" Die Wellen werden nicht weniger. Gérard wird beim Anmixen des nächsten Getränks quer durchs Boot geworfen, Bettina hilft aus.

10:51 Uhr
Bruno ist jetzt zwei Stunden unterwegs, schwimmt abwechselnd Zweier- und Viererzug. Er atmet nach links, zum Boot - seine Schokoladenseite. Auch der strenge Observer taut auf, zeigt ebenfalls seine Schokoladenseite und isst Schokoladen-Müsliriegel. Er hat einen Bruder in Gronau, erzählt er. Aber das hilft nichts, wenn die Wellen so bleiben.

10:56 Uhr
Verpflegung. Bruno bekommt Gel aus einem Becher am Ende einer langen Stange. Er sagt nichts. Dafür lobt der Observer die Verpflegungsaufnahme: Bruno braucht nur 30 Sekunden, andere hielten sich zwei Minuten auf, sabbelten und drifteten dabei ab. Bruno schwimmt schräg auf das Boot zu und verliert dabei nur wenig Zeit - andere machten da abrupte Manöver im 90-Grad-Winkel. Bruno ist nun zwei Stunden unterwegs und vier Seemeilen von der Küste entfernt. Das Boot des anderen Schwimmers sehen wir nur noch ganz klein hinter uns.

11:12 Uhr
Bruno atmet weiter nach links, weil die Wellen von rechts größer werden - zwei Meter messen die teilweise. Es gibt wieder Pulververpflegung. Bruno flucht: "Das ist unmachbar!" Er bittet seine Frau Joelle, den Kapitän zu fragen, ob das heute überhaupt Sinn macht. Stuart antwortet: "Alles ist gut!" Der Wind soll sich bald legen. Bruno lässt einen Motivationsschrei von sich.

11:19 Uhr
Ein positives Signal: Der abgeschlagene Schwimmer hinter uns entpuppt sich nach Auskunft des Kapitäns als Staffel. Vor uns sehen wir klein die vier Boote der Schwimmer, die bereits um 6 Uhr gestartet sind. Bruno holt auf! Aber: Die Wassertemperatur beträgt hier nur 14,4 Grad, die Luft ist 15,6 Grad kühl. Wir ziehen uns zweite Jacken an und setzen Mützen auf.

11:35 Uhr
Verpflegung: Bruno spuckt das Gel gleich wieder aus, ist seekrank wie wir. Er will ab jetzt nur noch Flüssigkeit. Captain Stuart sagt, dass Bruno das sehr gut macht. Er holt auf die anderen Schwimmer vor ihm auf.

11:39 Uhr
Bruno schwimmt 2,1 Knoten. Der Kapitän, die Crew und der Observer sind voll des Lobes über seine Performance. Wir nähern uns der Fahrrinne mit den Supertankern und Containerfrachtern. Wie eindrucksvoll!

11:45 Uhr
Die Fahrrinne ist erreicht. Die Coast Guard informiert alle Schiffe, dass wir mit Schwimmer da sind. Wir müssen möglichst 500 Meter Abstand von den Riesen der Meere halten. Die Coast Guard hat das im Blick. Außerdem haben wir ein Signal gehisst, das "Schwimmer" oder "Taucher" heißt.

11:50 Uhr
Es gibt wieder Verpflegung - und dieses Mal bleibt das Getränk drin. Wir muntern Bruno auf: Wir sehen nun zum ersten Mal Frankreich als schmalen Streifen am Horizont! Unsere Kamerafrau Sylvi hat es nun richtig erwischt.

12:10 Uhr
Wieder Verpflegung, dieses Mal weniger erfolgreich: Das Pulver bleibt nicht drin, Bruno kämpft gegen die Seekrankheit. Er macht seine Sache weiterhin ganz gut, ist schneller als alle anderen unterwegs. Alle Schwimmer haben hart zu kämpfen. Das Boot mit der Staffel im Schlepptau ist weit abgeschlagen hinter uns am Horizont verschwunden. Joelle gibt diese Nachricht zur Motivation an Bruno durch.

12:20 Uhr
Bruno hält an und muss sich übergeben. Er schreit vor Wut. Hoffentlich bleibt noch genug Energie drinnen, damit er nicht auskühlt. Er schwimmt gut, aber die Seekrankheit macht ihm zunehmend zu schaffen. Vor ein paar Tagen sagte er uns noch, dass er beim Schwimmen nie seekrank würde. Aber der Kanal scheint ein härterer Gegner zu sein als die eiskalten Schweizer Bergseen. Wenn dieses das Gesicht des Kanals ist, dann ist er ein borstigerer Gegner, als wir alle angenommen haben. Observer Steve sagt: "Hier werden erfahrene Langstreckenschwimmer aus aller Welt überrascht!" Bruno kämpft tapfer weiter.

12:33 Uhr
Welche Dramatik - geht der Kampf gegen den Kanal jetzt in die entscheidende Phase? Bruno hält nach mehrfachem Übergeben an und sagt: "Ihr wisst, was es heißt, wenn die Ernährungskette unterbrochen ist?" Seine Frau Joelle fragt er: "Was machen wir jetzt? Eigentlich ist es hier zu Ende ..." Joelle bewahrt die Ruhe und serviert ihm eine warme Schweizer Bouillon in einer Baby-Schnabeltasse am Band. Damit haben sie auf dem Thuner See gute Erfahrungen gemacht, wo Bruno sieben Stunden lang geschwommen ist. Bruno nimmt die Brühe an. Beim nächsten Mal muss er aber wieder Pulver trinken, um nicht in ein Energieloch zu fallen.

12:45 Uhr
Joelle ist sehr souverän und entspannt. Sie hat mit Bruno besprochen, dass sie das Schwimmen abbrechen darf, sobald sie das Gefühl hat, dass ihr Mann seine Gesundheit gefährdet.

12:50 Uhr
Bruno hat ein Energiegetränk zu sich genommen und sagt noch: "Beim Schwimmen ist mir noch nie schlecht geworden." Doch das Getränk kommt sofort wieder heraus. Unserer Kamerafrau geht es genauso.

12:55 Uhr
Der Traum, der sich so langsam zum Alptraum entwickelte, ist ausgeträumt. Bruno ist nach knapp vier Stunden aus eigener Entscheidung ans Boot geschwommen und hat an die Bordwand angeschlagen - damit ist das Abenteuer Ärmelkanal an dieser Stelle nach einem großartigen Kampf beendet.

13:01 Uhr
Bruno sitzt heftigst zitternd in eine Decke eingehüllt an Bord der "Sea Leopard". Er schweigt. Kurz vorher hat er sich noch einmal über die Bordwand übergeben müssen.

13:09 Uhr
Bruno kauert zitternd in den Armen seiner Frau Joelle und seines Schwiegervaters Gérard. Der Ärmelkanal war heute nicht sein Freund, das Ziel bei diesen Bedingungen unerreichbar weit entfernt. Bruno ist toll geschwommen. Vier Stunden und knapp 15 Kilometer lang war er Wind, Wellen und Kälte ein ebenbürtiger Gegner, dann hat der Kanal erbarmungslos zurückgeschlagen.

13:31 Uhr
Captain Stuart lobt die Leistung von Bruno: Er war bis zum bitteren Ende der Schnellste, den die Sea Leopard in dieser nun endenden Kanalsaison auf den Weg nach Frankreich gebracht hat. Stuart hatte eine Zeit von elf bis zwölf Stunden hochgerechnet. Die Staffel und die anderen vier Begleitboote sind noch am Horizont zu sehen. Wir melden uns, wenn wir einen neuen Status von den anderen Schwimmern erfahren.

13:40 Uhr
Bruno und das swim.de-Team sind auf dem Rückweg nach Dover. Heute Abend wird es hier eine Bildergalerie und ein erstes kurzes Video vom Tag im Ärmelkanal geben.

14:01 Uhr
Zurück in Dover: Das swim.de-Team freut sich, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Bruno ruht sich noch ein bisschen an Bord der Sea Leopard aus.