"Ich habe mit Olympia noch eine Rechnung offen"

Angela Maurer ist der deutsche Topstar in den weltweiten Gewässern des Open-Water-Schwimmens, aus denen sie schon viele Titel gefischt hat. Professionell wie kaum eine andere bereitet sie sich auf das große Ziel vor: eine Olympiamedaille in London. Die Polizistin über beeindruckende Leistungen - und tote Ratten.

| 9. Juni 2011 | AKTUELL

Bild_Angela_swim1 | Angela Maurer

Angela Maurer

Foto >ulrich-wolf.de

Vor Ihren Langstreckenerfolgen haben Sie im Becken zahlreiche Medaillen aus dem Wasser gefischt. Wie kam es, dass Sie das Kachelnzählen gegen eine zweite Karriere im Open-Water-Schwimmen getauscht haben?
1996, mit 21 Jahren, bin ich zum ersten Mal im Freiwasser geschwommen. Meine aktive Karriere im Becken hatte ich zu dem Zeitpunkt schon beendet und war eigentlich am abtrainieren. Trotzdem habe ich gleich bei meinem ersten Wettkampf, den Deutschen Meisterschaften über fünf Kilometer, Peggy Büchse geschlagen. Da kam mir der Gedanke: Wenn ich so eine gute Schwimmerin schlagen kann, könnte es sich lohnen, das Schwimmen im Freiwasser weiter zu verfolgen. Ein Jahr später habe ich mich dann schon für die Europameisterschaften qualifiziert, mein Einstieg verlief also sehr erfolgreich.

Worin liegt für Sie die Faszination des Freiwasserschwimmens?
Mich faszinieren die Bedingungen, die im Freiwasser nie gleich sind.Wir schwimmen im Meer, im See, im Fluss oder im Kanal. Da herrschen immer unterschiedliche Wassertemperaturenund man hat mit Strömungen, Wind und Wellen zu kämpfen. Jedes Rennen ist anders, es wird nie langweilig, das ist das Schöne.

Mit welchen Bedingungen kommen Sie am besten zurecht?
Ich mag Salzwasser. Es darf auch gerne ein bisschen wellig sein – und die Wassertemperatur am liebsten so zwischen 24 und 25 Grad.

Im Wettkampf schwimmen Sie bis zu 25 Kilometer. Wie hoch ist Ihr tägliches Trainingspensum?
Das hängt davon ab, in welcher Trainingsphase ich mich befinde. Meistens bin ich elfmal pro Woche im Wasser, dazu kommt noch Athletiktraining wie Laufen, Radfahren oder Krafttraining. Manchmal fahre ich auch Kanu. Da kommen schnell fünf bis sechs Stunden Sport am Tag zusammen.

Angela Maurer: Mein Lieblingstraining

Gesamtdistanz: ca. 5,6 km

100 m Einschwimmen

4 x 400 m Lagen (25er-Wechsel, 30 sek Pause)

8 x 100 m Kraul Beine (30 sek Pause)

200 m Kraul technische Übungen

6 x 2:00 min Kraul am Seil (45 sek Pause)

6 x 200 m Kraul mit Paddles (wenig Züge, 20 sek Pause)

600 m Arme mit Pullbuoy (50 m Kraul und 50 m Rücken im Wechsel)

100 m Ausschwimmen

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Sie sind seit rund 15 Jahre eine feste Größe in der internationalen Freiwasser-Szene. Was motiviert Sie?
Der Erfolg motiviert mich. Wenn ich Erfolg habe, motiviert mich das, mich trotzdem noch zu steigern und den Erfolg zu wiederholen. Außerdem habe ich das Glück, eine Sportart gefunden zu haben, die mir unheimlich viel Spaß macht.

Sie sind nicht nur eine Weltklasseschwimmerin, sondern auch Polizistin und Mutter. Wie gehen Sie mit dieser Dreifachbelastung um?
Das ist nicht einfach. Ich habe große Unterstützung von meiner Familie und von meinem Lebensgefährten, der auch mein Trainer ist. Außerdem habe ich ein Team hinter mir, das sich "Projekt 2012" nennt und aus verschiedenen Personen besteht, die mich mit wichtigen Dienstleistungen unterstützen. An diesem Projekt sind zum Beispiel meine PR-Agentur mit meiner persönlichen Assistentin, ein Fotograf, ein Texter, ein Hairdesigner und ein Textilpflegeunternehmen beteiligt.

Wie sieht ein typischer Tag bei Ihnen aus?
Ich absolviere zurzeit ein Praktikum in Mainz in der Ermittlungsgruppe. Von 7.30 bis 10.00 Uhr schwimme ich vorher meine erste Einheit. Dann fahre ich zur Dienststelle und arbeite drei bis vier Stunden. Mittags komme ich nach Hause und ruhe mich aus oder lasse mich massieren, bevor von 16.30 bis 20.00 Uhr wieder Training auf dem Plan steht.

Sie haben einen fünfjährigen Sohn. Teilt er Ihre Leidenschaft fürs Schwimmen?
Früher war er oft mit im Schwimmbad. Inzwischen verfolgt er seine eigenen Interessen – und spielt lieber Fußball.

Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking wurden Sie Vierte über zehn Kilometer. Sie hatten nur eine Sekunde Rückstand zum dritten Platz. Wie groß war die Enttäuschung?
Die Enttäuschung direkt nach dem Rennen war sehr groß.Aber ich wusste, dass ich ein gutes Rennen geschwommen bin. Daher habe ich nicht ans Aufhören gedacht, sondern daran, dass ich mit Olympia noch nicht fertig war. Ich habe noch eine Rechnung offen.

Wollen Sie die Rechnung bei den Olympischen Spielen 2012 in London begleichen?
Das hoffe ich. Mein Ziel ist es, in London besser abzuschneiden als in Peking.

In diesem Jahr stehen für Sie noch die Weltmeisterschaften im Juli in Shanghai (China) auf dem Programm.Als Titelverteidigerin sind Sie automatisch qualifiziert. Welches Ziel haben Sie sich für China gesetzt?
Ich schwimme bei der WM 10 und 25 Kilometer. Als Titelverteidigerin möchte ich über 25 Kilometer auf jeden Fall um eine Medaille mitschwimmen, dann wäre ich superglücklich.

Sie starten auch im FINA World Cup über die olympische 10-Kilometer-Strecke und haben dort im vergangenen Jahr Platz zwei in der Gesamtwertung erreicht. Welchen Stellenwert hat die Langstrecken-Serie für Sie im Jahr der Weltmeisterschaft?
Dieses WM-Jahr ist sehr wichtig, es geht um die Olympiaqualifikation für London 2012.Daher ist die Bedeutung des World Cups geringer als sonst. Ich nutze die Rennen als Wettkampfpraxis, um mich für die WM vorzubereiten und einen Eindruck von meinen Konkurrentinnen zu bekommen.

Vom 24. bis 27. Juni 2011 finden in Rostock die Deutschen Freiwasser-Meisterschaften mit Qualifikation für die WM in Shanghai statt. Werden wir Sie dort am Start sehen?
Nein, da ich schon für Shanghai qualifiziert bin, werde ich nicht in Rostock starten, sondern mich auf die WM-Vorbereitung konzentrieren. In Rostock sind ganz andere Bedingungen als in Shanghai, es wird dort sehr kalt sein. Daher macht ein Start für mich keinen Sinn.

Sie sind sowohl über zehn als auch über 25 Kilometer erfolgreich. Welche Strecke liegt Ihnen mehr?
Die beiden Strecken werden im Wettkampf komplett unterschiedlich geschwommen. Im Gegensatz zu den 25 Kilometern sind die zehn Kilometer olympisch. Da ist klar, dass sich die Konkurrenz darauf stürzt und das Tempo hoch ist. Bei zehn Kilometern schwimmt man auch nur zwei Stunden, das kann man im Wettkampf hart schwimmen. Die 25 Kilometer werden viel ruhiger geschwommen, da hebt man sich seine Kräfte bis zum Schluss auf. Mir persönlich liegt das eher, auf der langen Strecke kann ich wesentlich besser meine Erfahrung ausspielen.

Wie sieht Ihr Verpflegungsplan für ein 25-Kilometer-Rennen aus?
Beim Langstreckenschwimmen wird grundsätzlich nicht so viel gegessen wie beim Triathlon oder beim Radfahren. Bei 25 Kilometern trinke ich meistens nur etwas Kohlenhydratreiches. Zum Schluss trinke ich auch ganz gerne mal eine Cola. Und falls doch mal der Hunger kommt, nehme ich ein Stück Banane oder einen Keks, aber das kommt eher selten vor. Die Verpflegung wird von den Betreuern mit einem langen Stab von einem Ponton aus angereicht. Man kann sich aber auch Gels in den Badeanzug stecken, um sich unterwegs selbst zu verpflegen.

Ihre Siegerzeit über 25 Kilometer lag bei der Weltmeisterschaft 2009 in Rom bei 5:48 Stunden. Woran denken Sie während eines so langen Rennens?
Da denke ich an viele Sachen. Hauptsächlich denke ich an das Rennen und beobachte, ob meine Gegnerinnen müde werden. Dazu muss ich konzentriert sein. In der Anfangsphase, so in den ersten drei Stunden, wenn das Tempo noch etwas ruhiger ist, schalte ich den Kopf aber auch mal ab. Dann denke ich an etwas Schönes, wie zum Beispiel an meinen Sohn.

Auch auf den langen Strecken liegen zwischen den Erstplatzierten oft nur Zehntelsekunden. Welche Rolle spielt Taktik im Freiwasser?
Taktik spielt eine große Rolle. Man muss sich seine Kraft richtig einteilen und sich im richtigen Moment gut im Feld positionieren. Ich habe schon viele Rennen gewonnen, weil ich die bessere Taktik als meine Gegnerinnen hatte.

Letztes Jahr verstarb der US-Amerikaner Francis Crippen bei hohen Außentemperaturen und einer Wassertemperatur von mehr als 30 Grad während des Weltcup-Finals in Dubai. Sind die Sicherheitsvorkehrungen inzwischen verbessert worden?
Es gibt zumindest einen neuen Sicherheitsplan von der FINA, der mehr Begleitboote, Rettungsschwimmer und Ärzte vor Ort vorsieht.Die Wasserqualität lässt aber manchmal stark zu wünschen übrig.Beim Brasilien-Weltcup in Santos sind wir mit Baumstämmen kollidiert, in denen Nägel waren. Und mit toten Viechern wie Ratten. Es geht also auch um die Wasserqualität und um die Wassertemperatur. Wir Schwimmer hatten nach dem Vorfall in Dubai eine Wassertemperatur von 18 bis 28 Grad gefordert. Dem wurde nicht entsprochen, die FINA hat eine Wassertemperatur von 16 bis 31 Grad festgelegt - das ist in meinen Augen nicht sportlergerecht.

Schwimmt bei Ihnen seit Dubai die Angst mit?
Angst habe ich nicht, dazu bin ich schon zu viele Rennen bei Extremtemperaturen geschwommen. Aber man macht sich mehr Gedanken als vorher, die Unbefangenheit ist weg.

Sie berichten von Baumstämmen und toten Ratten im Wasser. Was waren die widrigsten Bedingungen, die Sie in Ihrer Open-Water-Karriere erlebt haben?
Die Ratten gehören auf jeden Fall dazu. Aber noch schlimmer war es in Melbourne bei der WM 2007. Das Rennen über 25 Kilometer wurde nach zehn Kilometern abgebrochen, weil es so wellig war, dass man gar nicht mehr gesehen hat, wo man hinschwimmt. Da sind uns die Bojen um die Ohren geflogen.

Wenn die Bedingungen stimmen, ist Open-Water-Schwimmen eine faszinierende Sportart. Haben Sie eine Lieblings-Freiwasser-Location?
Die WM auf Hawaii im Jahr 2000 war toll. Da waren während des Schwimmens ganz viele große Schildkröten zu sehen - wunderschön!

Welches Rennen steht für Sie als nächstes an?
Am 18. Juni schwimme ich den 10-Kilometer-Weltcup im portugiesischen Setubal. Das ist mein letzter Wettkampf vor der WM im Juli in Shanghai.