Entschleunigung Teil III

Die schlechten Nachrichten für Bruno Baumgartner reißen auch im neuen Jahr nicht ab. Die Gesundheit macht dem Langstreckenschwimmer weiter zu schaffen. Auch wenn es nicht so schlimm kam, wie zunächst befürchtet: An Schwimmen war gar nicht zu denken. Ein sehr persönlicher Blog.

| 29. Januar 2014 | AKTUELL

Bruno Baumgartner | Bruno Baumgartner am Ärmelkanal

Bruno Baumgartner am Ärmelkanal

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Entschleunigung Teil III

Liebe swim.de-Freunde,

im Schauglas des Infusionsbeutels fließt die Ringerlösung Tropfen für Tropfen in den Schlauch, der in meiner Vene mündet. Ich versuche den Schmerz mit einem letzten Anflug von Willenskraft zu kontrollieren, aber scheitere kläglich. Auf dem zweiten Beutel gleich neben der Kochsalzlösung steht in großen, schwarzen Lettern Novalgin geschrieben. Eigentlich sollte der Schmerz bald nachlassen, doch in meinem Schädel scheint sich ein Kanadischer Holzfäller eingenistet zu haben, der sein scharfes Beil unablässig in die grauen Windungen meines Gehirns treibt.

Nie im Leben hätte ich gedacht, dass dieses Trauerspiel einen 3. Teil erhalten könnte und noch viel weniger, dass es mit Abstand der Schlimmste sein würde. Doch ich habe die Erzählung begonnen und so führe ich sie auch zu Ende. Dem jungen Assistenzarzt in der Notaufnahme ist die Ratlosigkeit anzusehen als ich angestrengt versuche mit den Augen seinem Finger zu folgen. Das grelle Licht seiner Taschenlampe in meinen Pupillen stachelt den Holzfäller zu neuen Höchstleistungen an und er tauscht Beil gegen Kettensäge.

Fieber und seltsames Jucken

Begonnen hatte das ganze recht harmlos und fast auf die Minute genau zum Jahreswechsel. Mitten im schönsten Fondue-Chinoise fühlte ich mich plötzlich unwohl und irgendwie fiebrig. Mehr aus Interesse ob meine Einschätzung stimmte holte ich den Fiebermesser und hatte mit 37,5 Grad wenige Minuten später die Bestätigung. Keine grosse Sache und doch irgendwie unangenehm. Der Jahreswechsel mündete in vorzeitigem zu Bett gehen und am nächsten Morgen schien die Welt wieder in Ordnung zu sein. Etwa zu dieser Zeit bemerkte ich ein seltsames Jucken an den Fußknöcheln. Als wir versuchten, den letzten Abend nachzuholen, kam das Fieber urplötzlich zurück. Diesmal stieg es aber schon auf über 38 Grad. Dieses Spiel setzte sich am nächsten und am übernächsten Abend fort, bis das Fieber schließlich über 40 Grad betrug.

Gleichzeitig setze am ganzen Körper ein Ausschlag ein, als hätte ich mich splitternackt in einem Brennnesselfeld gewälzt. Einzig durch stundenlangen Aufenthalt in der Badewanne ließ sich meine Körpertemperatur noch auf ein erträgliches Maß regulieren. Keines unserer vorrätigen Medikamente brachte eine Besserung. Am Samstag schleppte mich meine Frau schließlich zum Hausarzt Notdienst, weil sich inzwischen auch heftige Kopfschmerzen zu den anderen Symptomen gesellt hatten. Nach einer langen Wartezeit war die Diagnose rasch gestellt. Einer der Nierensteine habe sich wohl entzündet und der Ausschlag sei vermutlich eine allergische Reaktion auf eines der Medikamente.

Krankenhaus und Notaufnahme

Mit Antibiotika und Antiallergikum versorgt, machten wir uns beruhigt wieder auf den Heimweg. In den beiden folgenden Tagen verschlechterte sich die Lage trotz der Medikamente dramatisch. Die Kopfschmerzen steigerten sich zur unerträglichen Schmerzorgie und auch das Fieber verharrte beharrlich bei 40 Grad. An Schlaf war überhaupt nicht mehr zu denken.

Als ich am Montagmorgen gegen 3:00 Uhr wieder ins Badezimmer schlich um ein kaltes Bad zu nehmen, flammte plötzlich die Neonröhre auf und eine kleine, hübsche Frau faselte aufgeregt etwas von Krankenhaus und Notaufnahme. Ich konnte ihre Argumentation im Schmerz-  und Fieberdelirium kaum noch nachvollziehen und erinnere mich auch nur noch bruchstückhaft an die kommende Fahrt und die Einlieferung. „Waren Sie letzthin im Ausland?“, fragt der Assistenzarzt, dessen Namen ich mir einfach nicht merken kann. Ich beschließe ihn „Krauselhaar“ zu nennen, weil er vermutlich vor kurzem in eine schwere Föhnexplosion verwickelt worden war. In meinem Schädel scheint kochende Suppe den Platz des Gehirns eingenommen zu haben.