Entschleunigung Teil II

Bruno Baumgartner hat schwer daran zu knabbern, dass sein Körper gerade nicht so will, wie er. Der Schweizer bloggt dieses Mal nicht aus der Schwimmpraxis, sondern aus der Arztpraxis.

| 11. Dezember 2013 | AKTUELL

Buno Baumgartner ernst | Bruno baumgartner ernst

Bruno baumgartner ernst

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Entschleunigung Teil II

Liebe swim.de Freunde,

die Frau mit den haselnussbraunen Augen und dem polnischen Akzent blinzelt mir freundlich zu. Noch vor wenigen Minuten hatte sie mich wie einen nassen Hund behandelt, von dem man nicht möchte, dass er sich in seiner Nähe schüttelt. Doch inzwischen hatte sie wohl etwas in meinen Augen gesehen, das ihre mütterliche Seite aktiviert haben musste – nackte Angst! „Gleich wird es warm“, sagt sie in beruhigendem Tonfall und ich höre ein leises Klacken. Das Kontrastmittel bahnt sich kühl und schnell den Weg durch meine Venen.

Durch das filigrane Netz aus Adern

„Es ist nicht kalt", will ich leise erwidern, doch da setzt auch schon die Wärme ein und ich kann fühlen, wie sich das jodhaltige Mittel den Weg durch meinen ganzen Körper bahnt. Jeder Herzschlag treibt es weiter durch das filigrane Netz aus Adern voran. „Ich fahre sie jetzt wieder in die Aufnahmeposition!“, sagt sie freundlich und der automatische Tisch schiebt meinen Unterleib wieder in den mächtigen Ring der Maschine hinein. „Jetzt Luft anhalten!“, quäkt eine Stimme aus dem Lautsprecher und die Röntgenstrahlen des CTs jagen erneut durch mich hindurch.

Das Ganze ist eine höchst surreale Szenerie. In Gedanken beschwöre ich diese kalte Maschine, keine Bilder zu produzieren, auf denen etwas Schlimmes zu sehen ist. In dieser sterilen Umgebung fühle ich mich wie Dave in Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“. Gleich wird eine rotes Licht am Ring des CTs aufleuchten und die seelenlose Stimme von HAL 9000 sagen: „I'm sorry Dave, I'm afraid I can't do that."

Niere, Rücken oder Bauch?

Die Erinnerung an den vorherigen Tag liegt wie ein scharfkantiger Felsbrocken auf meiner Seele. Als ich morgens aufstand, verspürte ich zusätzlich zu den bekannten Rückenschmerzen ein komisches Ziehen in der Leistengegend. Innerhalb weniger Stunden verstärkte sich dieses und breitete sich in Körperteile aus, in denen kein Mann wirklich Schmerzen haben will. Sitzen oder Stehen war binnen einer Stunde praktisch unmöglich. Selbst das Liegen auf dem Sofa wurde innerhalb kürzester Zeit unerträglich. Ein Ring aus Schmerz hatte sich um meine Hüfte gelegt und es war unmöglich zu sagen, ob es Nieren-, Rücken- oder Bauchschmerzen waren.

Doch die Hauptsorge galt diesem mörderischen Ziehen in den Weichteilen. Jeder Mann, der schon einmal von einem Tritt oder einen Ball in dieser heiligen Region getroffen wurde, wird wissen, wovon ich hier rede. Es ist ein Schmerz, der kaum zu beschreiben ist. Er kommt in Wellen und es fühlt sich an als würde sich jemand mit dreckigen Fingernägeln tief in deine Eingeweide krallen und sie langsam mit einem stumpfen Messer in Streifen schneiden.