Entschleunigung Teil I

Er hat den Bodensee bezwungen und es mit dem Ärmelkanal aufgenommen. Beim Schwimmen kennt Bruno Baumgartner keine Grenzen – doch eben diese hat ihm nun sein Körper aufgezeigt.

| 3. Dezember 2013 | AKTUELL

Bruno Baumgartner Teneriffa | Bruno Baumgartner Teneriffa

Bruno Baumgartner Teneriffa

Foto >Holger Lüning

Entschleunigung Teil I

Liebe swim.de Freunde,

draußen liegt Schnee. Er radiert die Farben weg und verhüllt die Welt mit seinem unschuldigen Weiß. Eigentlich mag ich Schnee nicht besonders, denn meist verwandelt er die Umgebung unseres Hauses in jenen braunen Matsch, den unser Hund nach erfolgreichem Entleerungsspaziergang freudewedelnd zurück ins Haus trägt. Doch wenn genug davon liegt, dann ist es, als würde er die Oberfläche der Erde neu gestalten.

Die Geister der Nacht

Dann mag ich das Knirschen unter den Schuhen und den gedämpften Klang der Welt. Ein Auto fährt vor und ein Blick aus dem Fenster offenbart, dass es die Postbotin ist, die sich sichtlich mit einem schweren Paket abmüht. Der Morgen hält mich noch eisern in seinen unbarmherzigen Klauen und ich konnte noch gar nicht genügend Koffein in den Kreislauf pumpen, um die Geister der Nacht zu vertreiben. Irgendwie hoffe ich, dass sie die Klingel nicht betätigt. Ich möchte meinen ungekämmten und in der Konsequenz auch unrasierten Kopf nicht in die kalte Morgenluft hinausstrecken müssen.

Doch da bimmelt es auch schon und der Strichcodeleser fiept elektronisch nach den Streicheleinheiten meiner Unterschrift. Mein Rücken schmerzt heftig, als ich mich aus dem Bürostuhl quäle, um den schweren Gang zur Tür zu machen. Fehlt nur noch die Stimme aus „The Green Mile“, die stetig zu meinem Schlurfen „Dead man walking“ schreit. Ich denke an gestern und das beklemmende Gefühl in der engen Röhre, das von den hämmernden Lauten in den Eingeweiden der Maschine noch verstärkt wurde.

Ein schweres Paket

„Ein Paket für dich!“, flötet die Postbotin gut gelaunt und schüttelt nach meiner Frage um die Herkunft unwissend den Kopf. Ich hinterlasse eine Unterschrift die getrost von einem Dreijährigen stammen könnte und schleppe das schwere Paket auf meinen Bürotisch. Ich weiß schon, was es ist, kann es aber immer noch nicht recht glauben. Kühne Schnitte mit dem Kartonmesser, die begnadete Chirurgen vor Neid würden erblassen lassen – Papier reißt – Verpackungsmaterial knistert erotisch - und dann liegt es einfach so da.

Ein Hauch von Unschuld, lustvoll in Zellophan verpackt – flüsternd…. „Entkleide mich – ich gehöre dir!“ Meine Finger wandern fordernd, ja beinahe gierig, über das dünne Kleid. Ein heftiger Ruck und es liegt vor mir, wie die Druckwalze es schuf. Ich blättere es durch und dieser herrliche Duft nach frischer Farbe und jungfräulichem Papier steigt mir aromatisch in die Nase.

Es betört die Sinne und lässt die Chemorezeptoren in der Nase Walzer tanzen. Es ist ein Gefühl, das kein iPad oder Kindle dieser Welt vermitteln kann. Seit Jahrtausenden drucken wir schon Bücher und werden das wohl auch immer tun. Sicher werden es bald immer weniger sein. Doch so lange es Worte gibt, werden Menschen Tränenflecken, Eselsohren und Kaffeeränder auf fühl- und erlebbaren Papierseiten haben wollen.